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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDer deutsche Kolonialismus im Blickpunkt13.10.2016

Ausstellungen in Berlin und Hannover Der deutsche Kolonialismus im Blickpunkt

Über die deutsche Kolonialzeit ist lange geschwiegen worden. Die dramatischen Flüchtlingsbewegungen, die auch auf Europas koloniale Vergangenheit zurückgehen, rücken sie nun ins Blickfeld. Und auch die Resolution des Deutschen Bundestages zum Völkermord in Armenien hat den deutschen Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia wieder in Erinnerung gebracht.

Von Norbert Seitz

Der mit einer modernen Glas-Stahl-Konstruktion überwölbte "Schlüterhof" des Zeughauses Unter den Linden in Berlin - heute als Deutsches Historisches Museum genutzt. (aufgenommen 2005) (picture-alliance / ZB / Wulf Beil)
"Deutscher Kolonialismus": Eine Ausstellung im Historischen Museum Berlin (picture-alliance / ZB / Wulf Beil)
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Museen nehmen sich derzeit ebenfalls des Themas an: Das Deutsche Historische Museum in Berlin eröffnet am 14.10.2016 eine große Sonderausstellung, im Landesmuseum Hannover läuft eine Schau über "Das heikle Erbe" bereits. Eine Chance, die bis heute spürbaren Folgen des deutschen Kolonialismus endlich aufzuarbeiten.


Wer A sagt, muss auch N sagen. Der jüngsten Armenien-Resolution im Deutschen Bundestag hätte eine Namibia-Resolution voraus gehen müssen, merkten Kritiker an. Denn es genüge nicht, den Massenmord des Osmanischen Reiches vor über hundert Jahren als Genozid zu geißeln, die ebenso exakte Bezeichnung der Verbrechen des deutschen Kolonialismus in Südwestafrika, dem heutigen Namibia, aber - gleichsam aus Kostengründen - auszusparen.  

Die Rede ist von der brutalen Niederschlagung des Aufstandes der Herrero und Nama, die der Historiker und Afrika-Wissenschaftler Jürgen Zimmerer in seinem Buch "Völkermord in Deutsch-Südwestafrika" unter die Lupe genommen hat:

"Und 1904 leisten die Herero Widerstand gegen die zunehmende Entrechtung, also Betrügereien im Landkauf, im Kreditwesen. Es gibt zahlreiche Übergriffe auch der zahlreichen weißen Männer. Es waren fast nur weiße Männer als Siedler oder als Soldaten in der Kolonie. Und 1904 kommt es eben zum Widerstand, zu einem sehr erfolgreichen Widerstand, der eigentlich fast das gesamte koloniale Projekt in Südwestafrika zum Einsturz bringt. Und Berlin entscheidet sich zur Entsendung von Ersatztruppen unter einem General namens Lothar von Trotha, der als besonders brutaler Kolonialkämpfer eigentlich bekannt war, der jetzt einen Freifahrtschein erhält für sein Vorgehen in Südwestafrika, Auftrag lautet den, wie es hieß, "Aufstand" mit allen Mitteln niederzuschlagen".

Als eine "Unverblümtheit des Zynismus" wurde schon 2003 von Kirchenleuten die Haltung der damaligen rot-grünen Bundesregierung kritisiert. Außenminister Joschka Fischer hatte bei einem Besuch in Namibia eine Entschuldigung für den Genozid an den Völkern der Herero und Nama aus Gründen der "Entschädigungsrelevanz" abgelehnt. Man wolle sich  nicht zu "Geiseln der Geschichte" machen lassen.

"Das ist der große Streitpunkt, um den es eigentlich geht: Was folgt aus dem Eingeständnis eines Völkermordes. Das ist auch der Grund, warum die Bundesregierung im Grunde bis letztes Jahr sich geweigert hat, den Begriff Genozid im Zusammenhang mit den Herero und Nama zu verwenden. Und erst im Gefolge der Diskussion um die Armenien-Resolution des Bundestages musste eigentlich diese Position aufgegeben werden".  

Die Historikerin Rebekka Habermas hat gerade in ihrem Buch "Skandal in Togo" ein anderes bizarres Kapitel deutscher Kolonialherrschaft aufgearbeitet. Überdies weist sie darauf hin, wie sehr der Genozid von vor über hundert Jahren das Selbstverständnis des Staates Namibia bis heute bestimmt:

"Und es lässt sich heute sehr gut nachvollziehen, dass die Staatsgründung Namibias nicht nur, was die Erinnerungskultur anbelangt, sondern auch aus anderen Gründen auf diesen Herero-Nama-Krieg zurückgeht. Das heißt überhaupt der gesamte Staatskörper des modernen Namibias verdankt sich diesem kolonialen Untag. Insofern kann man auch davon sprechen, dass da eben deutschen Spuren deutlich zu sehen sind".

Kolonialismus rückt verstärkt in den Fokus

Der Deutsche Bundestag dürfte wohl noch in dieser Legislaturperiode eine Namibia-Resolution zustande bringen. Der Streit um die Modi einer Entschädigung ist damit aber noch lange nicht beigelegt. Neben dem  Fall Namibia macht aber auch die Flüchtlingsbewegung deutlich, dass das Thema Kolonialismus wieder verstärkt in den Fokus rückt, denn: Die Kolonialzeit ist eine ihrer Ursachen. Zuvor hat es lange Zeit Defizite bei der Aufarbeitung einer dunklen Zeit gegeben, da das Deutsche Reich die viertgrößte europäische Kolonialmacht stellte. Der Ethnologe Alexis von Poser erinnert an die Zeit des Verschweigens:

"Man kann definitiv von Defiziten sprechen im Umgang mit der Kolonialzeit, speziell der deutschen Kolonialzeit  Es gab lange so etwas wie eine Kolonialamnesie in Deutschland. Immer wenn über Kolonialzeit gesprochen wurde, dann war das höchstens nostalgisch verklärt oder mit einem recht geringen Unrechtsbewusstsein. Auch in der Nachkriegszeit haben sich noch sehr, sehr lange Geisteshaltungen aus der Kolonialzeit weiter tradiert, beispielsweise rassistische oder evolutionistische Gedanken haben sich lange gehalten. Und erst seit den 1980er Jahren kam es vermehrt zu Versuchen, das aufzuarbeiten".

Die Auseinandersetzung um die deutsche Kolonialzeit nimmt aber jetzt Fahrt auf. Unter dem Titel "Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart" präsentiert das Deutsche Historische Museum in Berlin ab morgen in einer großen Ausstellung über 500 Exponate, unter anderem aus historischen, ethnologischen und naturkundlichen Sammlungen, sowie zahlreiche Gemälde, Grafiken, Alltagsgegenstände, Plakate, Dokumente und Fotografien. Kuratorin Heike Hartmann erläutert das Ausstellungskonzept:

"Wir beschränken unsere Erzählung nicht nur auf die Kolonialzeit, die von 1884 bis zum Ende der Ersten Weltkriegs dauerte, sondern für uns war es von Anfang Ziel, auch eine Ausstellung zu zeigen, die die Gegenwart und auch die Geschichte beleuchtet. Die Gegenwart, die eben nicht mehr nur die Gegenwart in Deutschland ist, sondern auch in den ehemaligen Kolonien, in den heutigen Staaten, die diesen ehemaligen Kolonien folgten, um auch mit dieser Erzählung, die über den eigentlichen Zeitraum hinausreicht, auch zu zeigen, welche besondere Erinnerungskultur sich in Deutschland entwickelt hat, weil sich der deutsche Kolonialismus  gerade auch in dieser Erinnerungskultur von anderen europäischen Nationen unterscheidet, insofern als die deutschen Kolonien mit dem Ende des Ersten Weltkriegs zu Mandatsgebieten wurden und Deutschland nicht in der Form die Dekolonisation erlebt hat wie andere europäische Nationen".

So präsentiert die Ausstellung ein großes Spektrum an zeitgenössischen Akteuren, um zu demonstrieren, dass Kolonialismus sich nicht nur in den Kolonien abspielte, sondern auch im Kaiserreich seine Wirkung nicht verfehlte. Heike Hartmann nennt spezielle Beispiele:

"Wenn wir darauf schauen, wie die norddeutsche Mission in Togo Schüler ausbildete, diese Schüler auch zur Ausbildung nach Württemberg schickte, die auch im Kaiserreich für die Missionsdienste der norddeutschen Mission ausgebildet wurden; dann wiederum ihre Bildung einsetzten, um genau die Mission und die Kolonialmacht zu kritisieren, dann sehen wir, dass an dieser Stelle ganz, ganz unterschiedliche Akteure  ausgehandelt haben, wie Mission zu gestalten war, wie aber auch Kolonialismus in Togo zu gestalten war.

Als weiteres Beispiel zeigt die Ausstellung Abformungen von Gesichtsmasken einheimischer Menschen in Neu-Guinea, die der Ethnologe und Zoologe Otto Finsch gefertigt hat, um sie als anthropologische Belege der Forschung im Kaiserreich zur Verfügung zu stellen.

"Wenn wir aber auf die Dokumente schauen, die Finschs Reisen begleiten, sehen wir, dass Finsch, während er vor Ort sich diese Abformungen anfertigte, eben versuchte, auch typische Vertreter dieser einheimischen Gruppen ausfindig zu machen, die an den Vorgaben der damaligen Rassentheorien scheiterten, und merkte, wie er auf Schwierigkeiten stieß, den typischen Vertreter einer Herkunft ausfindig zu machen."

Multiperspektivischer Blick auf die Kolonisierten

Einen multiperspektivischen Blick auf die Kolonisierten und deren Handlungsspielräume zu werfen, ist eines der zentralen Anliegen der Ausstellung, um über "die Dichotomie aus Tätern und Opfern hinauszukommen", wie Mitkurator Sebastian Gottschalk betont:   

"Wenn man die Kolonisierten als Opfer darstellt, nimmt man ihnen natürlich immer auch ein Stück Handlungsmacht. Wenn man sich diese Geschichten in konkreten Situationen von Nahem anschaut, sieht man,  dass sie selbstverständlich auch Handelnde in diesen Situationen waren, dass sie sich nicht auf die Rolle der Opfer reduzieren lassen. Deswegen ist es uns wichtig über diese Zweiteilung zwischen Kolonisierten und Kolonisierern ein Stück weit hinaus zu kommen und zu gucken, wer hatte in welcher Situation welches Interesse und konnte für sich Handlungsspielräume schaffen, in denen auch Menschen, die zunächst zur Gruppe der Kolonisierten zu gehören scheinen, trotzdem auch ihre Interessen verfolgen und durchsetzen konnten".

Das Thema berührt aber auch Museen selbst. Denn die Gegenwart musealer Sammlungen ist mit der Kolonialgeschichte und dem Kolonialismus als einer gewaltsam ausgeübten Fremdherrschaft, eng verflochten.  Dies ist auch das zentrale Thema der Ausstellung "Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart", die dieser Tage im Landesmuseum Hannover gezeigt wird. Deutsche Kolonialzeit soll "erfahrbar gemacht" werden über viele Objekte aus  den völkerkundlichen Sammlungen des Landesmuseums, die aus der Kolonialzeit und den Kolonien stammen. Dazu Kurator Alexis von Poser:

"Diese Objekte sehe ich als stumme Zeugen an. Sie sind aber auch ein möglicher Schlüssel zur Vergangenheit, da sie in sich ihre Geschichte, ihre Biografie tragen. Man kann durch die Erfahrung der Objektgeschichte einen Zugang zur Vergangenheit bekommen". 

Dreihundert Objekte aus Afrika und dem Pazifik, von einfachen Alltagsgegenständen bis zu prunkvollen Herrschaftssymbolen wie Waffen aus Samoa oder opulente Masken und Kopfschmuck. Doch wer hat sie wo gesammelt? Und: Wie gelangten sie in den 35 Jahren deutscher Kolonialzeit in das Landesmuseum? Hier leisten die Ausstellungsmacher eine ergebnisoffene Erforschung der unrühmlichen Museumsvergangenheit ihres Hauses.

"Im Rahmen der neu eingerichteten Provenienz-Forschungsstelle wollen wir jetzt erstmals über ein Personennetzwerk aus der Kolonialzeit versuchen, eine neue Verständnisebene zu erzeugen für die damalige Zeit. Wollen da natürlich auch Aussagen treffen können über die Rechtmäßigkeit. Sind die Objekte damals im Tauschhandel erworben worden, oder sind sie gestohlen worden oder sind sie erbeutet worden".

Epoche geprägt von "zahlreichen inneren Widersprüchen"

Die Kolonialzeit nahm viele Phänomene vorweg, die im darauffolgenden Zeitalter des Totalitarismus eine noch barbarischere Ausprägung erfahren sollten: Völkermord und KZ´s, Misshandlungen von Menschen und Missachtung lokaler Regeln, Herrenmenschendenken und Rassehygiene-Ideologie. Gegründet auf der Überzeugung, dass Schwarze minderwertig und Menschen mit weißer Hautfarbe Teil einer höheren Zivilisation seien. Rebekka Habermas verweist auf etliche Widersprüche jener Epoche: 

"Der Kolonialismus war geprägt von zahlreichen inneren Widersprüchen, zum einen von der Vorstellung: Europa bringt die Zivilisation. Andererseits ist das Vorgehen äußerst gewalttätig gewesen, das ist einer der Widersprüche; ein anderer ist eben: Wir bringen euch den christlichen Glauben und erlösen euch vom Heidentum. Und die Kinder sind in der Schule sehr malträtiert worden. Es gibt eine ganze Reihe von solchen Widersprüchen. Wir nutzen dies, um ökonomisch in Europa weiter zu kommen. Faktisch waren diese Kolonien ein Desaster für Europa (…) Das heißt: Was man im Kaiserreich propagiert hat, was faktisch vor Ort passiert ist, sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe".         

Und dennoch scheint es ein langes Leben nach dem Kolonialismus zu geben. Gerade auch in den früheren deutschen Kolonien wirken die dort begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bis heute nach. Alexis von Poser:

"Man sagt ja heute mit einem Schlagwort: Wir befinden uns in der Zeit des Postkolonialismus. Das verstehen viele falsch als die Zeit nach dem Kolonialismus, die Zeit der 1960er Jahre, die als Dekolonisierungsdekade gelten, wo die meisten ehemaligen Kolonien unabhängig wurden. Tatsächlich bedeutet Postkolonialismus aber vielmehr, dass wir noch im andauernden Bezug zur Kolonialzeit stehen, koloniale Strukturen und daraus resultierende Probleme weiterhin andauern…"

Wiederkehr verdrängter kolonialer Ursachen

So erkennen Kritiker des globalen Kapitalismus in der Flüchtlingskrise die Wiederkehr verdrängter kolonialer Ursachen. Wer aber von der imperialen und kolonialen Vergangenheit Europas nicht reden wolle, sollte von der Flüchtlingskrise schweigen, konstatiert der Politologe Hauke Brunkhorst und erinnert an die Reste europäischer Kolonialherrschaft in Nordafrika, im Indischen Ozean, in der Karibik und in Lateinamerika.

"Verdrängt wurde jedoch nicht nur die koloniale Vergangenheit des Kontinents, die bis an die Schwelle der Gegenwart reicht, verdrängt wurde und wird auch der enge Zusammenhang der Krise mit Klimawandel und globaler Erwärmung, die die Bevölkerung Zentralafrikas in immer größeren Scharen zur Flucht aus dem verödenden Kontinent treibt."   

Doch Postkoloniales drückt sich nicht nur - ökonomisch - im aggressiven Landraub global operierender Investoren aus, sondern auch mentalitätsmäßig, im Afrikabild, das vielfach noch vorherrscht. Die Berliner Genderforscherin Sabine Hark zum Beispiel glaubt dies hinter der Kritik an den aus Nordafrika stammenden Sexualtätern der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte ausmachen zu können. Während der Kolonialzeit hieß es:

"Die Frauen sind da unterdrückt, benachteiligt etc. Und der weiße Mann muss die braune Frau vor dem braunen Mann retten, also sozusagen: in die Moderne führen. Jetzt haben wir eine neue Version davon: Der braune Mann ist in den Westen gekommen, also müssen nicht mehr braune Frauen vor dem braunen Mann dort gerettet werden, sondern  die weißen Frauen hier müssen vor dem braunen Mann gerettet werden. Wenn man so will, wandern jetzt die kolonialistischen Legitimationen, kommen zurück und werden zu Legitimationsstrategien hier für die Abwehr gegenüber den Fremden".

Und um auf Namibia zurück zu kommen: Selbst bei der Verhandlung einer angemessenen Aussöhnung scheint ein gängiges postkoloniales Verhaltensmuster zu greifen, das Historiker Jürgen Zimmerer auf den Punkt bringt:  

"Aussöhnung, und es geht ja hier um Aussöhnung, Entschuldigung, Schuldanerkenntnis, ist ja natürlich ein Prozess. Und dieser Prozess leidet eigentlich im Moment darunter, dass die deutsche Seite sehr genaue Vorstellungen hat, was geht und was nicht geht. Und das hat sehr viele in Namibia sehr verärgert, die im Grunde sinngemäß sagten: Also, wenn ihr schon ganze Völker umbringt, dann schreibt doch nicht auch noch vor,  wie wir uns auszusöhnen haben". 

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