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StartseiteInterview"Einen risikoangemessenen Stufenplan überlegen"30.03.2020

Ausstieg aus Corona-Maßnahmen"Einen risikoangemessenen Stufenplan überlegen"

In der Diskussion um einen Ausstieg aus den Corona-Maßnahmen dürfe nicht Menschenleben gegen Wirtschaft abgewägt werden, sagte die Medizinethikerin Christiane Woopen im Dlf. Es müssten vielmehr alle möglichen Risiken für die Menschen betrachtet und auf dieser Basis einen stufenweisen Ausstieg geplant werden.

Christiane Woopen im Gespräch mit Christiane Kaess

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Christiane Woopen spricht bei einer Pressekonferenz (dpa /picture alliance / Kay Nietfeld)
Christiane Woopen ist Vorsitzende des Europäischen Ethikrates (dpa /picture alliance / Kay Nietfeld)
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Aufnahme in der Bundespressekonferenz in Berlin: Timo Wollmershäuser, ifo Institut; Torsten Schmidt, RWI Essen; Stefan Kooths, Institut für Weltwirtschaft Kiel; Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle; Malte Rieth, DIW Berlin; Claus Michelsen, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e. V. in Berlin (dpa/ Kay Nietfeld) (dpa/ Kay Nietfeld)Sondergutachten der Wirtschaftsweisen ohne klare Ansagen
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Die Professorin für Ethik und Theorie der Medizin an der Universität Köln, Christiane Woopen, spricht sich im Dlf hingegen für eine umfassendere Perspektive auf den Shutdown-Ausstieg aus. Die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates warb dafür, schon heute Ausstiegsszenarien zu planen, dafür aber mehr als nur gesundheitliche und wirtschaftliche Risiken in den Blick zu nehmen.

"Man kann nicht Menschenleben gegen Wirtschaft abwägen"

Christiane Kaess: Ist es ethisch vertretbar ist, wirtschaftliche Aspekte der Coronakrise aufzuwiegen gegen Maßnahmen eines Shutdowns, die Menschenleben vor dem Virus schützen sollen?

Christiane Woopen: Ich halte es für richtig abzuwägen, aber ich glaube, dass wir hier die Kategorien verwechseln. Man kann nicht Menschenleben gegen Wirtschaft abwägen. Man muss das, was Menschen betrifft, gegen das, was Menschen betrifft, abwägen. Das heißt, wir müssen schauen, was diese wirtschaftliche Krise mit den Menschen macht. Was bringt die Arbeitslosigkeit? Wie viele psychische Erkrankungen fördert das? Inwiefern führen auch diese Shutdown-Maßnahmen, also Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen möglicherweise zu häuslicher Gewalt, zu Kindesmissbrauch?

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Aber bleiben wir bei der Wirtschaft. Wie viele Unternehmen verlieren ihre Zukunft, damit aber vor allen Dingen die Unternehmer selber, oder diejenigen, die dort Arbeitsplätze haben, die vielleicht ein kleines Unternehmen aufgebaut haben, und damit in existenzielle Krisen kommen? - Mir ist es so wichtig, dass wir nicht nur ausschließlich über Bruttoinlandsprodukte reden, sondern dass wir immer dabei bleiben, was das mit den Menschen macht. Denn wir sind in einer existenziellen Herausforderung und diese Dimension, so anstrengend sie ist, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.

Christine Lambrecht, Parlamentarische Staatssekretaerin im Bundesfinanzministerium und kuenftige Bundesjustizministerin. Berlin, 20.06.2018 Berlin Deutschland *** Christine Lambrecht, Parliamentary State Secretary at the Federal Ministry of Finance and future Federal Minister of Justice Berlin, 20 06 2018 Berlin Germany PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xThomasxImo/photothek.netx (imago images / photothek) (imago images / photothek)Bundesjustizministerin: Handy-Tracking geht "nur mit Freiwilligkeit"
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Kaess: Ab wann, Frau Woopen, kommt dann der Punkt, wo Sie sagen würden, jetzt muss man gegensteuern?

Woopen: Ich halte es für richtig, dass wir jetzt diese Shutdowns, Lockdowns - die ganzen Begriffe sind immer etwas erschreckend -, aber dass wir diese Maßnahmen haben, um jetzt das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Denn es sind ja dann nicht nur die Menschen, die schwer erkrankt sind und die Hilfe brauchen, sondern wir überfordern auch diejenigen, die diese Hilfe leisten, die Ärzte, die Pflegepersonen und das nichtmedizinische Personal, die vielleicht tragische Entscheidungen treffen müssen, ob jemand ein Beatmungsgerät bekommt, oder ob er es behalten kann, und dann sehen, dass Menschen auch unter unwürdigen Umständen sterben müssen, weil das ganze System überlastet ist.

"Ich halte es für wichtig, dass wir jetzt in Stufen denken"

Kaess: Aber, Frau Woopen, wenn ich da mal einhaken darf? Das würde ja heißen, diese Abwägung bleibt letztendlich doch, diese schwierige Abwägung, letztendlich eventuell dahin zu kommen zu sagen, wir nehmen lieber mehr Tote in Kauf, anstatt das System so zu überfordern.

Woopen: Ich halte es für wichtig, dass wir jetzt in Stufen denken. Unser jetziges Ziel ist es, das Schlimmste an Überlastungen des Gesundheitssystems mit den Toten und den damit verbundenen Umständen zu vermeiden. Aber wir müssen jetzt darüber nachdenken. Wir sollen jetzt nicht die Maßnahmen lockern, aber wir müssen jetzt darüber nachdenken, in welchen Stufen wir die Maßnahmen lockern, und das muss man machen, indem man viele Arten von Risiken in Betracht zieht. Das sind die gesundheitlichen Risiken, die wir gerade angesprochen haben, aber auch die vielen sozialen, wirtschaftlichen, psychischen Risiken, die auf die Gesellschaft zukommen können und die die Menschen dann leben müssen.

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Man kann das organisieren, indem man einen Expertenrat, eine Kommission auf Bundes-Länder-Ebene zusammenstellt, die von einer entsprechenden Kommission auf der Bundesebene auch koordiniert werden. Damit man täglich eine Risikoeinschätzung und Bewertung vornehmen kann, um dann zu schauen, in welchen Regionen man mit welchem Maßnahmenbündel für welche Bevölkerungsgruppen eine Lockerung herbeiführen kann. Eine solche risikoangemessene Strategie und einen risikoangemessenen Stufenplan, den müssen wir uns jetzt überlegen, damit wir dann rechtzeitig auch dafür aufgestellt sind.

Auch an andere schwer erkrankte Menschen denken

Kaess: Dreht sich denn die Diskussion im Moment zu sehr um Menschen mit einem erhöhten Risiko gegenüber dieser Krankheit? Denn wenn die Krankenhäuser überlastet sind, dann trifft es ja auch diejenigen, die wegen ganz anderer Notfälle ins Krankenhaus kommen, zum Beispiel wegen einer ganz alltäglichen Blindarm-OP. Unterm Strich kann es ja jeden treffen.

Woopen: Es kann jeden treffen und ich halte es in der Diskussion auch für schwierig, dass die COVID-19-Erkrankten, so tragisch das ist, aber jetzt dermaßen im Vordergrund stehen, dass wir die vielen Menschen, die vielleicht einen Herzinfarkt haben, deren Chemotherapie verschoben werden muss, die psychische Erkrankungen haben, dass wir die vergessen. Wenn ich so eine Nachricht sehe, es sind jetzt 1.100 Intensivbetten belegt mit COVID-19-Patienten, dann sage ich: Aber wir haben noch viele weitere Intensivbetten und die sind auch mit Menschen belegt, die in existenzieller Not sind. Und wenn es heißt, so und so viele Intensivbetten sind frei - aber die wären doch nicht frei, wenn wir sie nicht freigeräumt hätten. Da hätten doch sonst andere Menschen gelegen. An die müssen wir natürlich auch denken. Insofern halte ich es für wichtig, wie gesagt, so anstrengend das sein mag, dass wir uns diese breiten Perspektiven auch zumuten und dass wir alle Kapazitäten bündeln, damit wir die Sichtweise nicht nur verengen und dann nachher ein böses Erwachen haben.

Zunächst dem Nächsten helfen

Kaess: Aber letztendlich stellt sich immer wieder diese Frage der Entscheidung, des Abwägens und der Auswahl. Wird eine ganz klare Auswahl vorhersehbar sein, denn im Moment nimmt Deutschland aus Nachbarländern Corona-Kranke auf, aber auch nur, solange die Plätze nicht von Patienten im eigenen Land gebraucht werden. Bekommt Ethik an dieser Stelle eine nationale Dimension?

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Woopen: Meiner Ansicht nach hat Ethik ohnehin von Anfang an immer eine internationale Dimension, denn Ethik ist eine Disziplin, wo über das gute Handeln des Menschen nachgedacht wird, wo Regeln und Prinzipien aufgestellt werden, und die haben den Anspruch, universell gültig zu sein.

Kaess: Aber das würde ja in Frage gestellt werden in dem Moment, wo man sagen muss, wo Deutschland sagen müsste, wir können jetzt leider von außen niemandem mehr helfen, wir müssen uns jetzt um die eigenen Leute kümmern.

Woopen: Erst aber mal gilt ja, dass wir für alle da sind. Aber dann, wenn es zu eng wird, wenn Ressourcen zu knapp werden, dann ist es auch mit ethischen Prinzipien vereinbar, erst einmal für die Menschen vor Ort da zu sein. Es heißt ja auch Nächstenliebe. Der, der Dir am nächsten ist, ist erst mal der, für den Du da sein musst. Und wenn die Kapazitäten für mehr reichen, dann sollen sie auch gerne dafür zur Verfügung gestellt werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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