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StartseiteTag für TagSorry - und wie weiter?04.06.2018

AustralienSorry - und wie weiter?

Bis in die 1970er-Jahre hinein wurden die Kinder von Aborigines aus ihren Familien gerissen und in staatliche oder kirchliche Heime gebracht. Ihre Wurzeln sollten sie vergessen. Seit zehn Jahren gibt es einen National-Sorry-Day für diese gestohlene Generation. Der Weg zur Gleichberechtigung ist weit.

Von Horst Blümel

Menschen auf einem Platz halten ein Transparent mit der Aufschrift "Sorry", im Vordergrund ein Kind.
Australier sagen den Aborigines "sorry" für die "gestohlenen Generationen", 14. Februar 2008 in Melbourne.

"Wir entschuldigen uns für die Gesetze und die Politik der aufeinander folgenden Parlamente und Regierungen, die unseren australischen Mitbürgern großen Schmerz, Leid und Schaden zugefügt haben. Wir entschuldigen uns vor allem dafür, dass Kinder von Aborigines und Einwohnern der Torres-Strait-Inseln ihren Familien, ihren Gemeinden und ihrem Land weggenommen wurden."

Auf diesen Moment hatten die Ureinwohner Australiens, die Aborigines, seit vielen Jahren gewartet: Am 13. Februar 2008 entschuldigte sich Premierminister Kevin Rudd im Namen der Regierung für das Leid und das Unrecht, welches den Ureinwohnern des Landes widerfahren war. Tausende Menschen verfolgten die Rede in vielen Städten Australiens auf Großleinwänden. Als der Premierminister das Wort "Sorry" aussprach, kamen vielen Aborigines die Tränen.

Der Aborigine Jason Glanville vom "National Centre of Indigenous Excellence" in Sydney sagt:

"Der Gebrauch des Begriffs "Sorry" ist ein wichtiger Aspekt im Heilungsprozess der australischen Ureinwohner. Man kümmert sich liebevoll um eine Person, die in Sorge ist und zeigt tiefes Mitgefühl. Dieses Mitgefühl für andere ist tief in unserer Spiritualität verwurzelt."

Kevin Rudds Entschuldigung beruhte auf einer Empfehlung der "Australian Human Rights Commission". Diese hatte dem australischen Parlament am 26. Mai 1997 einen Bericht vorgelegt, in dem es um die "Stolen Generation", die gestohlene Generation, geht. Bis in 1970er Jahre nahm man Aborigine-Familien fast einhundert Tausend Kinder weg. Diese wurden in staatlichen oder kirchlichen Einrichtungen untergebracht oder wuchsen in weißen Haushalten auf. Jeglicher Kontakt der Kinder zu ihren Angehörigen war verboten. Der 26. Mai ist seit 1998 der Gedenktag für die "Stolen Generation". Dieses Jahr wohnten in der Metropole Melbourne Aborigenes aus ganz Australien der Enthüllung eines Denkmals bei, das der Aborigine-Künstler Reko Rennie anlässlich des 10. Jahrestages errichtet hatte. Sein Werk stellte er mit den Worten vor: Wir sind ein starkes Volk. Denkt nur einmal daran, was wir alles überlebt haben!

"Kinder in dieser Reihe sind ab sofort katholisch"

Glanville erzählt: "Geschwister wurden Familien weg genommen und mussten sich dann mit den anderen Kindern in Reihen aufstellen. Hier zwei Schwestern, in der anderen Reihe der Bruder. Dann entschied jemand willkürlich: Kinder dieser Reihe sind ab sofort katholisch, die andere Reihe gehört von jetzt an zur anglikanischen Kirche. So passierte es, dass die Kinder einer Familie verschiedenen Kirchen zugeordnet wurden. Ihre Aborigine-Spiritualität war nun irrelevant, was ein Großteil ihres Trauma ausmacht."

Der Aborigine Peter Gunner gab vor einem Gericht zu Protokoll, was ihm passiert war:

"Ich war sieben, als sie mich zu holten. Sie kamen in einem Lieferwagen zu der Farm, auf der unsere Familie arbeitete. Die Leute banden mich auf der Ladefläche des Wagens fest und brachten mich zu einer Missionsstation. Meine Eltern hatten mir von den Traumpfaden erzählt, auf denen wir mit unseren Vorfahren in Verbindung treten können. Wenn ich in der Mission davon reden wollte, schlugen sie mich mit einem Gartenschlauch. Barfuß schickten sie mich zur Schule, wo ich mit viel jüngeren Kindern unterrichtet wurde. Als meine Schulausbildung zu Ende war, konnte ich weder lesen noch schreiben. Dafür setzte es auch Schläge, eigentlich schlugen sie mich ständig. Und wenn es nur dafür war, dass ich niemals zu dem Menschen wurde, den sie immer aus mir machen wollten."

Kevin Rudd entschuldigte sich in seiner Rede nicht nur für das Leid, dass die Ureinwohner erlitten hatten, sondern er versprach auch, dass sich die Kluft zwischen dem weißen und schwarzen Australien schließen werde. Dies ist auch heute noch nicht der Fall. Weiterhin ist die Arbeitslosenquote unter den Ureinwohnern deutlich höher als unter der weißen Bevölkerung. Und auch um die Gesundheit der Aborigines ist es schlechter bestellt: Zehnmal häufiger erkranken Frauen der Ureinwohner an Diabetes als Frauen europäischer Abstammung. Und Aborigines sterben deutlich früher als weiße Australier.

Viele Australier üben Kritik am Verhalten der Ureinwohner: Diese würden sich nicht genug anstrengen, um selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, sondern sich auf Kosten des Staates ausruhen und von der Sozialhilfe leben. Auch beklagen viele Australier, dass Aborigines häufig zur Flasche greifen und Drogen nehmen. Aber  dass dies oft Spätfolgen von dem sind, was die Siedler uns nach ihrer Ankunft 1788 angetan haben, wollen viele meiner Landsleute nicht wahrhaben, sagt der Aborigine Sam Watson, Rechtsanwalt und Dozent an der Queensland University in Brisbane:

Sam Watson: "Fünfzig, sechzig Jahre, nachdem die ersten Schiffe aus England hier vor Anker gingen, hatte man bereits 80 Prozent unserer Leute ausgerottet – sie wurden erschossen, vergiftet oder von den aus Europa mitgebrachten Krankheiten dahin gerafft. Dadurch haben wir einen Teil unserer Kultur verloren und man hat uns unser Land weg genommen. Dieser Verlust ist niemals wieder gut zu machen."

"Viele Weiße halten uns immer noch für minderwertig"

In einigen Gebieten, wo ursprünglich Stammesgemeinschaften lebten , befinden sich heute Bergbauminen. Die Bodenschätze, die dort gewonnen werden, sind überwiegend für den Export bestimmt. Früher haben die Aborigines dem Land nur das entnommen, was sie zum Überleben brauchten. Die Ureinwohner haben eine enge Bindung zu ihrem Land, es ist ein Teil von ihnen. In ganz Australien gibt es heilige Stätten der Ureinwohner.

Inzwischen versuchen die Aborigines, ihr Land zurück zu bekommen. Die Gerichtsprozesse um die Wiedererlangung der Landrechte sind schwierig und verlaufen oft schleppend.

Rechtsanwalt Sam Watson sagt: "Viele Weiße halten uns immer noch für minderwertig. Aber Tatsache ist, dass die gesamte australische Wirtschaft auf unserem Land basiert, dass man uns in der Vergangenheit gestohlen hat."

Nur drei Prozent der australischen Bevölkerung sind Aborigines. Die meisten von ihnen wohnen in den Bundesstaaten New South Wales und Queensland, und dort überwiegend in den Vororten der großen Städte. Damit sind von ihrem Clan und ihren heiligen Orten getrennt, dadurch sind viele psychisch angeschlagen. Das Trauma, welches die Kinder der "Stolen Generation" durch die Trennung von ihren Familien erlitten haben, schmerzt bei den Betroffenen nach wie vor. Eine von ihnen ist die Florence Onus:

"Ich habe an mehreren Therapien teilgenommen, an konventionellen und solchen, die auf unserer Kultur beruhen. Dies alles hat schon zu meiner Heilung beigetragen. Manchmal fragen mich weiße Australier: Was macht dir immer noch so zu schaffen? Es gibt hier immer noch viele Menschen, die nicht wissen, was unser Leid ausmacht. Es muss noch noch viel Aufklärung geleistet werden, dass jeder unsere Geschichte kennt."

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