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StartseiteKalenderblattDer Untergang der Cataraqui vor 175 Jahren04.08.2020

Australiens größtes ziviles Schiffsunglück Der Untergang der Cataraqui vor 175 Jahren

An Bord der Cataraqui waren Emigranten aus England und Irland, die 1845 Armut und Arbeitslosigkeit entkommen wollten. Von Liverpool nach Melbourne sollte die Fahrt gehen, doch kurz vor dem Ziel kam es zur Katastrophe: Die Cataraqui kenterte in einem schweren Sturm und riss fast alle Menschen in den Tod.

Von Ulrike Rückert

Das schwarz-weiße Foto zeigt eine Gedenktafel, die schon stark von Meersalz beschädigt ist  (imago / Artokoloro)
Gedenkstätte für die Opfer des Untergangs der Cataraqui, einer der schlimmsten zivilen Katastrophen Australiens (imago / Artokoloro)
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Die Katastrophe, die australische Zeitungen im September 1845 meldeten, hatte die Cataraqui kurz vor dem Ziel getroffen. Im April war der Dreimaster von Liverpool nach Melbourne ausgelaufen, mit 369 Emigranten aus England und Irland an Bord. Drei Monate vergingen in öder Monotonie, doch dann geriet das Schiff mitten im Indischen Ozean in einen Sturm, der nicht enden wollte. Positionsbestimmungen waren unmöglich. Vom Ersten Offizier der Cataraqui stammt der einzige Augenzeugenbericht über das Unglück: "Um sieben Uhr am Sonntagabend, den 3. August, war das Schiff unter gerefften Segeln beigelegt."

An diesem Abend glaubte der Kapitän sich dicht vor der Einfahrt zur Bucht von Melbourne. Tatsächlich trieb das Schiff hundert Seemeilen weiter südlich direkt auf eine Insel zu. "Die ganze Westküste von King Island ist eine der wildesten und gefährlichsten, die man sich denken kann. Sie ist umgeben von Felsen in unterschiedlicher Entfernung vom Land, bis zu sieben oder acht Meilen."

Die Hälfte der Passagiere waren Kinder

Im stickigen Zwischendeck harrten verängstigte Familien aus: Die Hälfte der Passagiere waren Kinder. Die Männer waren Landarbeiter, einige Handwerker, die 33 ledigen Frauen allesamt Bauernmägde. Sie müssen an die Chance ihres Lebens geglaubt haben – im Vereinigten Königreich wuchs die Bevölkerung so schnell, dass viele keine Arbeit fanden. Die Kolonisten in Australien dagegen brauchten Leute und bezahlten sogar die Passage, um trotz der langen, teuren Reise den beliebteren Zielen Kanada und USA Emigranten abspenstig zu machen.

"Am Montag, den 4. August, gegen halb vier Uhr morgens – der Sturm hielt noch immer an, es regnete in Strömen – lief das Schiff auf. Der Mann am Steuer wurde von der Gewalt des Aufpralls weggeschleudert. Das Schiff fuhr noch etwa 15 Minuten weiter, lief wieder auf, und dann, nach einem dritten Mal, legte es sich auf die Backbordseite. Die Passagiere drängten an Deck und schrien um Hilfe."

Etliche der Familien hatten vielleicht gar nicht auswandern wollen. Sie waren in England angewiesen auf Almosen ihrer Gemeinden, die sie ein für alle Mal loswerden wollten und zur Emigration drängten.

"Als er sah, dass das Schiff nicht zu retten war, befahl der Kapitän, die Masten zu fällen, in der Hoffnung, dass das Schiff sich aufrichten würde. Die Wogen brachen über das Deck und spülten alles hinweg, mit Teilen der Mannschaft und der Passagiere. Bei Tagesanbruch sahen wir Land, etwa hundert Yard entfernt, und sahen zugleich, dass das Schiff am Heck auseinanderbrach. Mit jedem Brecher wusch die See einige Passagiere und Matrosen hinweg."

Nur neun Überlebende

Noch einen ganzen Tag und eine weitere Nacht klammerten sich Überlebende an das Wrack. Erst am 6. August kam der endgültige Untergang: "Bei Tagesanbruch zerbrach sie ganz; ich wurde weggespült und erinnere mich kaum an etwas, bis ich mich auf einem Felsen wiederfand. Als ich mich umsah, konnte ich von dem Schiff nichts mehr entdecken. Von allen, die an Bord waren, wurden nur neun gerettet."

Auf der eigentlich unbewohnten Insel fanden sie einige Robbenjäger, die zwar auch ihr Boot verloren, aber genügend Vorräte für alle hatten. Erst fünf Wochen später wurden sie alle von einem Walfänger entdeckt, dessen Kapitän voll Entsetzen die Szene des Schiffsbruchs beschreibt: "Eine Meile ober- und drei Meilen unterhalb der Stelle, wo sie aufgelaufen war, bot der Strand einen schrecklichen Anblick, übersät mit Leichen, Stücken von Masten und zerrissenen Kleidern. Ich stand auf einem Felsen 40 Fuß über dem Meer und sah, dass die See den ganzen Mittschiffsteil über diesen Felsen geschoben hatte, eine Masse von 40 mal 15 Fuß."

Die Bürger von Melbourne bestatteten die Überreste, die auf King Island angespült wurden, und bauten einen Leuchtturm, der weitere Unfälle allerdings nicht verhinderte. Die Südküste des heutigen australischen Bundesstaats Victoria ist als Schiffswrack-Küste bekannt: Hunderte Schiffe sind hier gescheitert. Der Untergang der Cataraqui jedoch ist bis heute Australiens größtes ziviles Schiffsunglück.

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