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StartseiteCampus & KarriereAuswärtige Studierende vermissen "Willkommenskultur"07.06.2011

Auswärtige Studierende vermissen "Willkommenskultur"

DAAD-Tagung zu Integrationsprojekten an deutschen Hochschulen

Studierende aus dem Ausland finden oft keinen Zugang zu ihren deutschen Kommilitonen und fühlen sich auch von den Profs nicht angenommen, sagt Yasemin Karakasoglu, Konrektorin für Interkulturalität an der Uni Bremen. Die Uni sei ein sozialer Lebensraum, in dem man nur gut lernen könne, "wenn man sich akzeptiert fühlt".

Yasemin Karakasoglu im Gespräch mit Sandra Pfister

Die Uni ist ein sozialer Lebensraum. (picture alliance / dpa)
Die Uni ist ein sozialer Lebensraum. (picture alliance / dpa)

Sandra Pfister: Uns tönt die Klage vieler Bildungsexperten noch im Ohr: Die Deutschen Hochschulen seien zu deutsch, und längst nicht mehr attraktiv genug für schlaue Köpfe aus dem Ausland. Inzwischen beginnt sich das zu drehen. Jeder achte Studierende hierzulande hat einen ausländischen Pass, es kommen wieder mehr junge Leute nach Deutschland. Und hier sollen sie nun mit offenen Armen empfangen werden. Das liegt dem DAAD, aber auch dem Bundesbildungsministerium am Herzen, deshalb fördern die Beiden 130 Projekte, die ausländischen Studierenden helfen sollen, hier heimisch zu werden. Ob das so läuft, wie man sich das vorgestellt hat, bilanziert der DAAD jetzt in Berlin. Und dort ist auch Yasemin Karakasoglu. Frau Karakasoglu, sie sind Konrektorin für Interkulturalität und Internationalität an der Uni Bremen, das ist ein sehr beeindruckender Titel, aber was macht man den ganzen Tag als Fachfrau für Interkulturalität und Internationalität.

Yasemin Karakasoglu: Ja, also wenn man mich als Fachfrau für Interkulturalität und Internationalität beschreibt oder mein Tätigkeitsfeld, dann muss man sehen, worauf sich das dann jeweils bezieht. Ganz aktuell als Konrektorin versuche ich, dieses Thema oder diese beiden miteinander eng in Verbindung stehenden Themen für die Universität fruchtbar zu machen und sie im Querschnitt zu verankern in allen unseren Arbeitsbereichen, in die Universität als Lebensraum, der sich interkulturell und international ausrichtet.

Pfister: Das heißt, Sie müssen wahrscheinlich auch ständig im Kontakt sein mit den Fachbereichen, mit Vertretern der Fachbereiche und da nachbohren und gucken, wo es noch nicht passt. Ihre Expertise, die werden wir brauchen können, denn im Moment ist es noch so, dass jeder zweite ausländische Studierende sein Studium in Deutschland abbricht. Warum ist das so?

Karakasoglu: Zunächst einmal haben sie die Schwierigkeiten, die ausländische Studierende weltweit haben, nämlich sprachliche Probleme, sie haben aber auch Probleme mit der Unübersichtlichkeit unserer Studienstrukturen, mit der Form, wie gelehrt und gelernt wird, und vor allen Dingen – das ist ein großes Manko, was wir haben – sie finden nicht so richtig den Zugang zu den Studierenden, zu den deutschen Studierenden, und fühlen sich auch von den Hochschullehrenden nicht angemessen berücksichtigt, gewürdigt, aufgenommen.

Pfister: Das ist das, was man auch aus vorhergehenden Erhebungen und Umfragen schon weiß, es haperte oft in den Fachbereichen. Darüber beklagt sich auch der Bundesverband ausländischer Studierender. Tun die Fachbereiche inzwischen mehr – tun sie genug, damit die jungen Leute dort ankommen?

Karakasoglu: Genug, denke ich, ist vielleicht eine Formulierung, die man so noch nicht wählen kann, aber sie tun mehr, und sie tun das auch mit Anregung dieser verschiedenen Programme, die der DAAD hier aufgelegt hat. Es sind sehr viele Tandem-, Coaching-, Mentoring-Programme initiiert worden, bei denen es darum geht, dass Studierende des gleichen Fachbereiches zusammen lernen und auch Freizeitaktivitäten unternehmen mit ausländischen Studierenden, die darüber sozial besser eingebunden sind. Denn letzten Endes ist die Uni auch ein sozialer Lebensraum, in dem man nur dann wirklich gut lehren und auch lernen vor allen Dingen kann, wenn man sich auch akzeptiert und sozial eingebunden fühlt.

Pfister: Frau Karakasoglu, nun treffen sich ja heute 130 Integrationsprojekte – oder Ihre Vertreter – in Berlin. Muss man sich ihr Treffen heute so als eine Art kuscheligen Austausch vorstellen oder gibt es da wirklich den Ehrgeiz zu sagen: Welche Strategie klappt an besten?

Karakasoglu: Ja, genau! Natürlich geht es nicht darum, dass sich alle jetzt ganz doll liebhaben und ganz wunderbar finden, was der jeweils andere macht, sondern dass man – wie in so einer Art Benchmarking-Club sich gegenseitig beschreibt, was läuft, was läuft gut, was läuft nicht so gut. Alle sind sehr neugierig zu hören, was in anderen Projekten für Erfahrungen gemacht wurden und inwiefern man die auf die eigenen Projekte übertragen kann und nutzbar machen kann, um die eigenen Projekte besser zu machen, und was vor allen Dingen meine Aufgabe sein wird, hier darauf hinzuweisen, dass diese Projekte nicht auf der Projektebene stehen bleiben dürfen, sondern verankert werden müssen im Selbstverständnis der Universität, im Leitbild der Universitäten, und auch auf den verschiedenen Führungsebenen, die wir in den Universitäten haben, die dafür sorgen können, dass das zum festen Bestandteil wird.

Pfister: Das heißt, wenn Ihre Finanzierung durch DAAD und Bundesministerium für Bildung und Forschung ausläuft, dann hängen Sie erst mal wieder völlig in den Seilen?

Karakasoglu: Die Programme sind eigentlich in der Regel so konzipiert, dass Weichen gestellt werden, sie in Regelprogramme zu überführen. Das Problem ist meistens, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die dafür verantwortlich sind, auf Stellen sitzen, die projektgebunden sind. Aber wenn es zum Beispiel um diese Tandem- und Coachingprogramme geht, bei denen Studierende, Mitstudierende Kommilitonen einbezogen werden, die sind häufig in die Studienprogramme so integriert, als General Studies, als Schlüsselqualifikationen, dass man auf der Ebene zumindest fortsetzen kann.

Pfister: Ich habe gerade schon danach gefragt, welche Strategie am besten klappt, dass Sie das an diesen beiden Tagen rausfinden wollen. Wagen Sie mal eine Prognose! Was funktioniert am besten?

Karakasoglu: Am besten, denke ich, funktionieren die Strategien, die – wie ich eben sagte – nicht nur auf der Projektbasisebene, auf der Projektebene eingeführt werden, sondern die sich strukturell verankern lassen, als Bestandteil von Studienprogrammen, bei denen Studierende mit und ohne Migrationshintergrund, Studierende, die ausländischer Herkunft sind und solche, die hier in Deutschland zuhause sind und hier aufgewachsen sind, gemeinsam lernen und gemeinsam auch Aktivitäten miteinander erleben, auch außeruniversitäre Aktivitäten, soziale Aktivitäten – was die Lernprogramme anbelangt, da denke ich, ist es sehr wichtig, dass das zum Bestandteil der sogenannten Credits wird, die man erwerben kann im Rahmen des Studiums. Das macht solche Teilnahme an solchen Programmen für Studierende hochattraktiv und sorgt dafür, dass das auch nachgefragt wird.

Pfister: Das British Council, das hat unlängst deutschen Hochschulen Bestnoten gegeben, was ihre Attraktivität für ausländische Studierende anbelangt, das spielte natürlich eine Rolle, dass die allermeisten Unis keine Studiengebühren sehen wollen, aber auch das Serviceangebot für ausländische Studierende, das wurde gelobt. Wie stehen wir aus Ihrer Sicht international da?

Karakasoglu: Ich denke, dass wir in mancherlei Hinsicht, wie sie das gerade beschrieben haben, sehr studierendenfreundlich sind, sehr freundlich gegenüber Studierenden aus dem Ausland – sie müssen, wie gesagt, wenig oder kaum Studiengebühren bezahlen. Wir geben uns inzwischen sehr große Mühe, so etwas wie eine Willkommenskultur hier zu entwickeln. Wo es noch hapert, ist die Überführung nach dem Studium auch noch in weitere Perspektiven in Deutschland, aber auch da sind wir auf dem Weg.

Pfister: Was die Arbeitserlaubnis anbelangt, ist ja auch politisch einiges im Umschwung.

Karakasoglu: Genau, genau! Die Anerkennungspraxis, die Arbeitserlaubnis, die Vorrangprüfung ist weggefallen, Studierende haben jetzt ein Jahr Zeit, nach dem Studium einen Arbeitsplatz zu suchen – ich bin der Meinung, das ist eine zu kurze Zeitspanne –, auch Studierende, die hier in Deutschland aufgewachsen sind, deutsche Studierende haben häufig eine Zeitspanne von mindestens einem Jahr, bis sie einen adäquaten Job finden. Ich denke, da müsste man noch mal ein bisschen nacharbeiten und eine längere Zeit ermöglichen, und auch die Jobberatung an den Universitäten muss diesbezüglich sich noch besser aufstellen.

Pfister: Yasemin Karakasoglu, Konrektorin für Internationalität an der Uni Bremen, darüber, wie Integration von Ausländern an den Hochschulen gelingen kann. Danke!

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