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StartseiteForschung aktuell"Esst Gemüse!"24.11.2016

Auswirkungen von Ballaststoffen"Esst Gemüse!"

Ballaststoffe fördern nicht nur die Verdauung und damit die Gesundheit. Sie könnten sich auch weit über den Darm hinaus positiv auswirken. Eine Studie stellt nun fest, dass Bakterien, die im Dickdarm von Mäusen Ballaststoffe verdauen, sogar die Genaktivität verändern können. Die Forscher raten: "Esst Gemüse!"

Von Lucian Haas

Ein Standmixer steht gefüllt mit verschiedenem Obst und Gemüse neben einem Teller mit Tomaten, Paprika und Salat. (imago stock&people)
Bei Labormäusen hilft balaststoffreiche Ernährung den Darmbakterien, die Genaktivität zu steuern (imago stock&people)
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Federico Rey, Biologe, University of Wisconsin

Studie über die Auswirkungen von Ballaststoffen (in englischer Sprache bei "Molecular Cell" veröffentlicht, 23. November 2016)

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Eine Ernährung, die viele pflanzliche Ballaststoffe enthält, fördert die Verdauung und damit die Gesundheit, so heißt es. Die positiven Auswirkungen einer ballaststoffreichen Diät reichen dabei weit über den Darm hinaus.

Der Bakteriologe Federico Rey von der University of Wisconsin hat gemeinsam mit Kollegen in Experimenten mit Mäusen herausgefunden: Mehrfachzucker, sogenannte Polysaccharide - und die sind nichts anderes als Ballaststoffe - werden durch Bakterien im Darm zu Fettsäuren abgebaut. Diese beeinflussen dann die Genaktivität und den Stoffwechsel der Mäuse:

"Wir haben entdeckt, dass die Darmbakterien das Epigenom der Mäuse in einer von der Nahrung abhängigen Weise steuern. Wenn Mäuse eine ballaststoffreiche Nahrung erhalten, bilden die Bakterien im Dickdarm kurzkettige Fettsäuren als Stoffwechselprodukte. Diese gehen dann ins Blut und andere Gewebe der Mäuse über und wirken dort als Signalstoffe. Je mehr Polysaccharide von den Bakterien verdaut werden, desto stärker wird die Kommunikation der Bakterien mit ihrem Wirt."

Epigenom - das sind äußere Veränderungen an der Erbsubstanz DNA. Sie steuern mit, welche Gene in bestimmten Geweben abgelesen werden können, und welche Gene stillgelegt sind. Eine wichtige Rolle spielen dabei Histone. Das sind Proteine, die die langen DNA-Fäden im Zellkern eng verpackt halten.

Ob die Genaktivität für die Mäuse vorteilhaft ist, ist nicht belegt

Federico Rey und Kollegen konnten nachweisen, dass die kurzkettigen Fettsäuren, die von den Bakterien im Dickdarm der Mäuse freigesetzt werden, in verschiedenen Geweben und Organen der Tiere Wirkung zeigen. Unter dem Einfluss dieser Stoffe verändert sich die Struktur der Histone. Auf diesem Weg beeinflussen die von den Bakterien gelieferten Fettsäuren, welche Gene in den Mäusezellen aktiv sind:

"Wir haben Veränderungen bei Genen beobachtet, die das Zellwachstum steuern, den Stoffwechsel, die Immunantworten. Es gibt also ein breites Spektrum an Reaktionen auf diese Moleküle."

Ob die veränderte Genaktivität für die Mäuse auch vorteilhaft ist - das konnten die Forscher bei diesem Experiment noch nicht belegen. Federico Rey verweist allerdings darauf, dass andere Studien schon häufiger die positive Wirkung einer ballaststoffreichen Diät gezeigt hätten, zumindest beim Menschen. Und das passe gut zu den neuen Erkenntnissen:

"Offenbar fördert eine ballaststoffreiche Kost die Kommunikation zwischen den Darmbakterien und ihrem Wirt. Das ist ein Ergebnis der Evolution. Die Ernährung unserer Vorfahren enthielt sehr viele pflanzliche Polysaccharide. Deshalb rechne ich damit, dass diese Signale sehr wichtig sind für biologische Prozesse im Körper."

Um herauszufinden, ob tatsächlich die kurzkettigen Fettsäuren aus den bakteriell verdauten Ballaststoffen die Genregulation bewirken, machten die Forscher einen Kontrollversuch. Dafür setzten sie bei anderen Mäusen, die völlig keimfrei, also auch ohne jegliche Darmbakterien gehalten wurden, diese Moleküle gezielt im Dickdarm frei.

"Esst Gemüse!"

Der Effekt auf die Genaktivität war der gleiche. Auf Menschen übertragen, die sich im westlichen Fastfood-Stil ballaststoffarm ernähren, würde Federico Rey dennoch nicht empfehlen, derlei Fettsäuren als gesundheitsförderliche Nahrungsergänzungsmittel einzusetzen:

"Wir sind noch nicht so weit, so etwas sagen zu können. Es ist zwar möglich, dass es eine vorteilhafte Wirkung gibt, wenn man diese Moleküle in der passenden Menge in den Dickdarm liefert. Aber ich glaube, dass die Vorteile einer ballaststoffreichen Nahrung über die Kommunikation mittels kurzkettiger Fettsäuren hinausgehen."

Die Studie zeigt freilich, dass der Volksmund mit seinem Spruch "Du bist, was Du isst" gar nicht so verkehrt liegt. Nahrung liefert uns nicht nur Energie, sondern zeigt auch weitere Effekte, wie hier den Einfluss auf die Gene. Und da hat Federico Rey doch noch eine Empfehlung parat:

"Esst Gemüse! Es liefert wichtige Nährstoffe für die Darmbakterien, die euren Stoffwechsel steuern."

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