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StartseiteCampus & Karriere"Frei von äußeren Taktgebern sein"03.01.2020

Auszeit vom Job"Frei von äußeren Taktgebern sein"

Ein großes Motiv für eine Auszeit vom Job sei der Wunsch zu reisen, sagte Sabbatical-Coach Andrea Oder im Dlf. Man müsse sich dafür zunächst selbst die Erlaubnis geben - und sich dann um die Rahmenbedingungen im Beruf kümmern.

Andrea Oder im Gespräch mit Kate Maleike

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Eine Frau steht auf einem Felsen und schaut ins Meer (imago images / Westend61)
Eine Auszeit nehmen: Man sollte sich dazu nach den Rahmenbedingungen im Unternehmen erkundigen (imago images / Westend61)
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Andrea Oder: Man kann sagen, dass fast jeder zweite bis dritte Berufstätige irgendwann im Laufe seines Arbeitslebens einmal stöhnt und sagt, jetzt habe ich einfach einen größeren Bedarf, ich möchte mal gerne ein paar Monate raus. Es gibt dazu auch ganz spannende Umfragen und Studien, die das auch noch untermauern. Man kann wirklich sagen, jeder Dritte wünscht sich im Laufe seines Arbeitslebens mal eine längere Auszeit vom Job.

Maleike: Und man wünscht sich das nur oder macht es dann auch jeder Dritte?

Oder: Jeder Dritte, das wäre eine wunderbare Zahl, aber das haut überhaupt nicht hin. Da kommen natürlich dann sehr viele unterschiedliche Fragen oder Hindernisse dazu, und ich kalkuliere mal, dass es vielleicht jeder Zehnte tatsächlich schafft.

"Für die nächsten Jahre wieder voll gewappnet"

Maleike: Was sind denn die Motive, was wissen Sie, wann gehen Menschen ins Sabbatjahr oder in die kleine Auszeit?

Oder: Es gibt so ein paar Hauptmotive und Sehnsüchte, die die Menschen antreiben. Ein ganz großes Motiv ist der Wunsch danach, zu reisen und wirklich auch mal eine Zeit lang unbefristet, ohne dass das Ende sofort in Sicht ist, sich treiben zu lassen und mal frei von äußeren Taktgebern zu sein, also nicht jetzt jeden Morgen, montagsmorgens aufstehen und in einen Job zu gehen, der von acht bis siebzehn Uhr dauert. Die meisten Menschen haben Sehnsüchte und Träume, die sich einfach nicht in zwei Wochen verwirklichen lassen. Dafür ist eine Auszeit ideal. Dann gibt es auch noch eine große Gruppe von Menschen, die sagen, ich habe jetzt 15, 20 Jahre in diesem Job gearbeitet, der macht mir an sich immer noch große Freude, aber ich merke, dass ich total ausgebrannt bin und dass so die üblichen Zeiten eines Urlaubs nicht mehr ausreichen, um mich zu regenerieren. Diese Menschen haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse, sei es, sich um die Gesundheit zu kümmern, wirklich mal auszuspannen, aber ein tiefes Motiv dabei ist, die inneren Akkus wieder mal komplett aufzuladen. Die Ergebnisse der Menschen sprechen dann auch für sich, weil die hinterher sagen, es hat so gutgetan, ein halbes Jahr rauszukommen, und ich merke, ich habe endlich mal wieder Spaß an meiner Arbeit. Und jetzt fühle ich mich auch für die nächsten Jahre irgendwie wieder voll gewappnet.

Maleike: Sie haben jetzt das halbe Jahr genannt und die Reisen angesprochen oder auch gesundheitliche Dinge, dass man einfach auch mal ein bisschen mehr auf sich achtet. Was sind denn so typische Dinge? Also zum Beispiel bei der Länge, sind das zwei, drei Monate, oder gehen die Leute wirklich ein ganzes Jahr meistens?

Oder: Von der Historie her sprechen wir bei einem Sabbatjahr halt von einem Jahr, aber die Menschen, die ich kenne, da kann man sagen, die meisten wollen zwischen drei und sechs Monaten weggehen. Das Bedürfnis nach einem Jahr oder länger, das sind deutlich weniger Menschen, die das möchten.

Sich selbst die Erlaubnis geben

Maleike: Mit der Vorstellung, es ist Montag und wir hätten diese Auszeit, starten Sie ja auch in Ihrem Buch. Wie geht es denn dann eigentlich weiter? Was ist der erste wichtige Schritt, wenn man es ernst meint?

Oder: Für mich ist tatsächlich der Knackpunkt, dass ich mir innerlich selber die Erlaubnis gebe, ja, ich darf mir so etwas wünschen, und ich darf das tun. Also wenn ich diese Frage nicht nur rein hypothetisch und eventuell mir überlege, dann ist das so nebulös, dann ist das ganz schwierig, dass daraus auch eine Auszeit entsteht. Wenn ich mir die Erlaubnis gebe und ich sage, ja, ich fange das jetzt an, und ich gucke, welche Möglichkeiten habe ich, was kann ich mir entweder leisten, was kann ich finanzieren. Oder aber ich habe einen Traum und sage, den habe ich, und was gehört denn jetzt alles dazu, diesen Traum umzusetzen. Wenn ich an so zwei Punkten bin, dann habe ich eine gute Chance, weiterzugehen.

Maleike: Das heißt, ich brauche so etwas wie eine Checkliste, ich nehme erst mal ein Blatt Papier und schreibe auf, was ich will und was ich zum Beispiel finanziell zur Verfügung hätte?

Oder: Das ist ein guter Ansatzpunkt dafür, weil wir dann die Ausgangsposition haben. Und häufig dann auch noch die Überlegungen, nach was sehnt sich ein Mensch. Ganz häufig wissen wir alles, was wir nicht mehr wollen, aber die meisten Menschen erlauben sich ja gar nicht mehr, so richtig mal ihre Träume auszuleben und zu formulieren. Mit so einem Beginn, was für Sehnsüchte habe ich, was für Bedürfnisse stecken hinter meinen Träumen, was will ich in dieser Zeit denn für mich erleben oder erreichen, und wenn das konkreter wird, dann wächst auch die Freude daran und der Mut, es für sich auch umzusetzen.

Rahmenbedingungen im Unternehmen erfragen

Maleike: Nehmen wir mal an, man würde sagen, man möchte ein Jahr Auszeit nehmen und dafür für ein internationales Projekt ehrenamtlich im Ausland arbeiten. Das setzen wir uns jetzt mal als Ziel, fiktiv genommen. Wie gehe ich dann weiter vor?

Oder: Dann fragen Sie mal in Ihrem Unternehmen nach, gibt es Menschen, die bereits eine Auszeit gemacht haben, welche Rahmenbedingungen habe ich dort. Vielleicht sind Sie ganz überrascht, und es gibt schon Möglichkeiten, sodass Sie es umsetzen können. Und dann erfahren Sie auch gleich, welche Rahmenbedingungen Ihr Unternehmen dafür gibt. Fangen Sie bitte rechtzeitig an. Das heißt, manchmal kann etwas nicht innerhalb von drei Monaten umgesetzt werden, sondern Sie brauchen tatsächlich ein dreiviertel Jahr, anderthalb Jahre Vorlauf damit. Dann fangen Sie an zu planen. Tun Sie so, als ob Sie die Reise haben. Recherchieren Sie, mit Flügen, gucken Sie, wo könnte ich denn in einem sozialen Projekt mitarbeiten, was für Rahmenbedingungen gibt es dort, möchten Sie irgendwo einen Sprachkurs machen. Dann überlegen Sie, in welchem Land würde ich das gerne machen, und was kostet das. Wir haben über das Internet fantastische Möglichkeiten, zu recherchieren und auch tatsächlich festzustellen, was würde es mich kosten, was würde eine dreimonatige oder sechsmonatige Auszeit kosten. Und vielleicht stellen Sie dann irgendwie ganz freudig fest, oh, für das, was ich vorhabe, das kostet viel, viel weniger als ich es befürchtet habe. Und ich könnte eine Auszeit vielleicht sogar länger machen. Wenn Sie für sich schon weitergekommen sind, steigen Sie ein in die Überlegungen, was hat mein Unternehmen davon, meine Firma, und suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetztem. Und geben Sie auch dem und Ihrem Unternehmen Zeit, sich auf eine Auszeit einzustellen, denn organisatorisch hängt da ja auch einiges mit dran, eine Vertretungsregelung zu finden und tatsächlich Ihre Auszeit vorzubereiten.

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