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StartseiteCorso"Das ist ein bedeutendes Buch"08.09.2016

Autobiografie von Helmut Dietl"Das ist ein bedeutendes Buch"

Helmut Dietl war ein großer Regisseur, Drehbuchautor und satirischer Chronist der Münchener Schickeria. Er starb im März 2015 und hinterließ eine unvollendete Autobiografie, die seine Frau nun veröffentlicht hat. Über das Buch sagt Filmkritiker Claudius Seidl: "Man kann es als gleichrangiges Werk neben die Serien und die Filme stellen."

Claudius Seidl im Gespräch mit Bernd Lechler

Regisseur Helmut Dietl (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Helmut Dietl sei stilisiert worden wie Thomas Mann, so Claudius Seidl (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
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Bernd Lechler: "A bissel was geht immer" heißt diese Autobiografie nach dem berühmten Motto vom Monaco Franze, was schon andeutet, dass Helmut Dietl und seine Figuren durchaus zumindest verwandt sind. Was haben Sie denn aus dem Buch Neues über Ihren Dietl erfahren?

Claudius Seidl: Wenn ich damit anfangen würde, würden wir bis heute Abend darüber reden, weil so viel Neues und Unbekanntes in diesem Buch steht. Ich wüsste echt nicht, wo ich anfangen soll. Es ist einfach die er dem Leben als der Literatur geschuldete Coming-of- Age-Geschichte von Helmut Dietl. Er hatte vor, sein ganzes Leben aufzuschreiben. Der Tod ist ihm dazwischen gekommen, aber - wenn ich das so respektlos sagen kann - es war ein ganz gutes Timing. Nämlich: Das Buch endet da, wo Helmut Dietl gewissermaßen in die Öffentlichkeit tritt. Wir erfahren all das, wo der herkommt und wie er wurde, was er ist.

Lechler: Mich hat sehr beeindruckt und reingezogen, wie man die Nachkriegszeit, zum Beispiel auf dem bayerischen Land, erlebt, wenn er von seiner Kindheit erzählt - von der Spielwelt, die er sich aus Stanniol-Papierchen gebas­telt hat oder von den Aprikosenknödeln der Großmutter und vom schmerzlich vermissten Vater auch. Er erzählt von seiner ersten Statistenrolle mit sieben und von den bigotten, biertrinkenden Bergbayern und von den ersten Rei­sen - viel auch von den Mädchen und später von den Frauen; vom Schwabinger Nachtleben in den 60ern - welche Passagen oder welche Aspekte fanden Sie besonders stark?

"Besonders stark, wenn er aufhört, ein Kind zu sein"

Seidl: Ich finde natürlich besonders stark, wenn er aufhört, ein Kind zu sein. Wenn er den jugendlichen, den erwachenden Mann schildert. Ich nehme jetzt mal bisschen das Maul voll und sage: Es ist diese Figur, die wir da sehen, diese Figur, für die dieser Titel "A bissel was geht immer" überhaupt nicht gilt, weil der viel mehr will als "a bissel was" und auch tatsächlich viel mehr erreicht als "a bissel was". Das ist wirklich die faszinierende Geschichte eines jungen Mannes, dem aufgrund - wie soll ich sagen - seiner geistigen und körperlichen Attraktivität alles zufällt, sich jede Tür öffnet, und das von ihm selbst beschrieben. Das finde ich ganz schön beeindruckend, dass einer im Grunde eine solche Geschichte in der Ich-Form schreibt. Wie man eine solche Geschichte schreiben kann, ohne dabei zum Angeber zu werden, peinlich zu werden, sondern da für diese Geschichte die richtige Form findet - ich nehme einfach mal mein Maul so voll und sage: Das ist richtig ein bedeutendes Buch.

Lechler: Sie haben einmal über Helmut Dietl gesagt, eine seiner großen Leistungen sei gewesen, dass er seine eigene Person zur Kunstfigur stilisiert habe, wie vor ihm nur Thomas Mann. Was haben Sie da beobachtet?

Helmut Dietl verkörpert die vier Helden seiner Serien

Seidl: Ach, naja, also Thomas Mann fällt einem einfach ein als eine sehr stilisierte Figur, die durch München spaziert. So eine Figur war ja Helmut Dietl auch. Es gab vermutlich in den 70er, 80er, 90er-Jahren niemanden, der beim Namen Helmut Dietl nicht diese weiß gekleidete, schwarzhaarige, bärtige, gern mit Sonnenbrille ausstaffierte, stilisierte Figur auch vor Augen hatte - was natürlich so eine Stilisierung ist gewissermaßen natürlich auch eine Tarnung. "In dem Moment, wo ihr eh mein Bild vor Augen habt, schaut ihr gar nicht mehr hin." Was insofern wieder ganz gut ist, weil diese gut getarnte tatsächliche Figur Helmut Dietl sozusagen die ganze Person offenbart hat in den vier Helden der vier großen Fernsehserien, die er gemacht hat.

Lechler: Nun hat Dietl diese Biografie ja nicht etwa nach der Krebs­dia­gnose begon­nen, um Bilanz zu ziehen, sondern schon davor, weil er nach den Verrissen seinen letzten Films "Zettl" eine Schreib­blockade hatte was Drehbücher betrifft, und sich eben diese andere Arbeit gesucht hat. Das heißt - und Sie haben das schon angedeutet - das Buch ist nicht nur Hintergrund, sondern wirklich ein neuer Teil seines Werks? Und als solches gelungen?!

Seidl: Absolut! Und muss als solches absolut ernst genommen werden. Und ich würde sagen man kann dieses Buch neben die Serien und die Filme stellen als gleichrangiges Werk.

Lechler: "A bissel was geht immer - Unvollendete Erinnerungen" von Helmut Dietl erscheint heute bei Kiepenheuer & Witsch, 350 Seiten, 23 Euro. Danke, Claudius Seidl.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Helmut Dietl: "A bissel was geht immer - Unvollendete Erinnerungen", Kiepenheuer & Witsch, 350 Seiten.

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