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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Wirtschaftlich und technisch nicht realistisch" 10.10.2018

Autoindustrie zu strengeren CO2-Grenzwerten "Wirtschaftlich und technisch nicht realistisch"

Die geplante Verschärfung der EU-Abgaswerte für Neuwagen hat heftige Reaktionen der Autoindustrie ausgelöst. Der europäische Autoverband befürchtet negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Branche, Beschäftigte und Verbraucher gleichermaßen. Deutsche Autobauer stoßen ins gleiche Horn.

Von Brigitte Scholtes

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Dieselgipfel in Berlin mit Vertretern von Bund, Ländern und der Autoindustrie. (AFP / AXEL SCHMIDT)
Dieselgipfel in Berlin mit Vertretern von Bund, Ländern und der Autoindustrie. (AFP / AXEL SCHMIDT)
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"Wirtschaftlich und technisch nicht realistisch": Das ist die Reaktion des Branchenverbands VDA auf die Beschlüsse der EU-Umweltminister, den Kohlendioxid-Ausstoß gegenüber 2020 um weitere 35 Prozent zu senken. Die deutschen Autohersteller liegen jetzt noch weit über den Werten, die sie 2020 erreicht haben sollen. Nach den Zahlen des Kraftfahrtbundesamts stoßen sie inzwischen im Schnitt wieder 132 Gramm pro Kilometer aus – 2020 soll der Wert bei 95 Gramm liegen. Ein Grund ist auch die sinkende Zahl der Dieselfahrzeuge, denn die stoßen weniger CO2 aus als Benziner. Noch weiter zu reduzieren dürfte den deutschen Autofirmen tatsächlich schwer fallen, glaubt Stefan Bratzel, Autoexperte vom Center für Automotive Management an der FH Bergisch-Gladbach:

"Eine große Problematik wird nicht nur das Jahr 2030 darstellen, sondern, wenn man die Zwischenziele gibt, minus 20 Prozent bereits im Jahr 2025, dann haben die deutschen Hersteller insbesondere ein veritables Problem, weil 2025 ist aus Sicht der Automobilhersteller ja praktisch die nächste Fahrzeuggeneration. Da ist schon ein großes Fragezeichen, ob man dann das Thema Elektromobilität schon so weit entwickelt hat, dass man so große Marktanteile realisieren kann, die notwendig sind, um dann dieses Zwischenziel zu erreichen."

Gewinne fließen derzeit reichlich

So dürften die deutschen Autohersteller wohl nicht an Strafzahlungen vorbeikommen, auch wenn diese mit einem Image-Schaden verbunden wären. Die würden da ganz nüchtern kalkulieren, glaubt Jürgen Pieper, Analyst des Bankhauses Metzler:

"Die sagen sich, was bedeutet das für mich an Kosten, wenn ich diese Grenzwerte jetzt irgendwie erreichen will, und dann auf der anderen Seite, was kann ich unter den gegebenen Umständen noch an Autos verkaufen? Und da wird man ganz klar in die Richtung gehen, ich akzeptiere Strafzahlungen dann vielleicht bis zu einer Milliarde von mir aus, wenn ich gleichzeitig aber noch meine relativ hochwertigen, teuren, schweren Autos verkaufen kann."

Etwa 40 Milliarden Euro Gewinn schaffen die drei großen deutschen Autohersteller aktuell. Sollten sie die Grenzwerte für 2020 reißen, drohen ihnen Strafzahlungen zwischen drei und fünf Milliarden Euro. Der Gewinn aus dem Verkauf der großen SUVs mit hohen Verbrauchswerten dürfte deutlich darüber liegen. Deshalb komme es auch auf den Kunden an, mahnt Pieper:

"Wird überhaupt der Kunde diese Richtung E-Mobilität wirklich in der Form mitmachen, wie wir uns das heute vorstellen? Wird man über einen gewissen Marktanteil hinaus kommen? Auch das ist ja, was man heute sagen kann, noch völlig offen."

Vorgaben fördern Innovationen

Ferdinand Dudenhöffer, Autoexperte der Universität Duisburg hingegen, erinnert an frühere Grenzwert-Vorgaben der Politik. Die hätten die deutsche Autoindustrie herausgefordert und sie viele Innovationen hervorbringen lassen, die mit zu den heutigen Gewinnen der Branche beitrügen:

"Die Autoindustrie, die jammert am Anfang, wie das üblicherweise ist, wenn man härtere Vorgaben hat. Aber sie wird mit diesen Vorgaben nach meiner Einschätzung wachsen, so wie in der Vergangenheit, und eher aufblühen als wie im anderen Fall den Anschluss verlieren."

Die hohen Grenzwerte sollte die Autobranche also als Chance sehen.

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