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StartseiteInterview"Saudis haben sich zu viel Mühe gegeben, um schlecht zu sein"15.06.2018

Autor Kaminer zur FIFA Fußball-WM "Saudis haben sich zu viel Mühe gegeben, um schlecht zu sein"

Die Russen seien über ihren 5:0-Sieg über Saudi-Arabien verblüfft, so der deutsch-russische Autor Wladimir Kaminer im Dlf. Sie hätten nämlich die Rolle ihres Präsidenten bei diesem Spiel unterschätzt. Nicht umsonst habe sich der Scheich in letzter Zeit so oft in Russland aufgehalten, erklärte Kaminer augenzwinkernd.

Wladimir Kaminer im Gespräch mit Stefan Heinlein

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer am 2. Juli 2015 in Hamburg. (dpa/picture alliance/Markus Scholz)
Wenn Russland aus der WM ausscheide, drückten viele Russen den Deutschen die Daumen, so Autor Wladimir Kaminer (dpa/picture alliance/Markus Scholz)
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Stefan Heinlein: Nun also rollt der Ball in Russland. Gestern Nachmittag der Anpfiff für die 21. Fußball-Weltmeisterschaft. 5:0 zum Auftakt, ein klarer Sieg des Gastgebers gegen Saudi-Arabien. Vor der Partie die große Eröffnungs-Show mit Robbie Williams, allerdings ohne westliche Politprominenz auf der Tribüne in Moskau. Die Bühne gehört also ganz dem Kreml-Präsident Wladimir Putin. Er will sich und sein Land als guter Gastgeber präsentieren. Vier Wochen lang werden die Augen aller Fußballfans auf Russland gerichtet sein, und darüber möchte ich jetzt sprechen mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer. Er wurde 1967 in Moskau in der damaligen Sowjetunion geboren. Er lebt und arbeitet aber seit vielen Jahren in Deutschland. Guten Morgen, Herr Kaminer.

Wladimir Kaminer: Guten Morgen! – Ich muss der Wahrheit halber sagen: 17 Regierungschefs waren mit Putin auf der Tribüne. Allerdings kamen sie alle aus den Ländern, die keinen Fußball spielen können. 15 davon haben keinen Fußball gespielt und zwei sind unbekannt.

Heinlein: Aber Gerhard Schröder war auf der Tribüne und kann auch Fußball spielen. Ist das eine besondere Ehre dann auch für Wladimir Putin?

Kaminer: Ich glaube, dass er schon unbedingt die anderen auch haben wollte. Es ist übrigens schade, finde ich, dass Frau Merkel zum Beispiel nicht hingeflogen ist mit dem kleinen Plakat "Free Oleg Senzow". Dann hätte man doch vielleicht diesen politischen Gefangenen, diesen Filmregisseur, der 20 Jahre in Moskau bekommen hat und jetzt Hungerstreik hält, rausholen können, oder ein paar andere.

"Die Russen sind verblüfft"

Heinlein: Angela Merkel hat im Moment zuhause in Berlin andere Probleme, über die wir dann im Anschluss reden wollen. – Herr Kaminer, erst mal herzlichen Glückwunsch! 5:0 – das ist ja klarer als erwartet. Tanzen jetzt die Russen auf den Tischen? Ist der Titel in greifbarer Nähe?

Kaminer: Die Russen sind verblüfft. Die haben ja nichts anderes gemacht, als über ihre Mannschaft geschimpft während dem ganzen letzten Monat. Sie haben natürlich die Rolle des Präsidenten bei diesem Spiel unterschätzt. Nicht umsonst war ja der Scheich schon 20mal in den letzten zwei, drei Monaten in Moskau. Die haben da irgendwas abgemacht. – Es wird ja sowieso nichts in Russland passieren, was nicht mit dem Präsidenten abgesprochen ist.

Heinlein: Die Russen treten ja ansonsten, nicht nur im Sport, sehr, sehr selbstbewusst auf, Herr Kaminer. Jetzt sagen Sie, man unterschätzt, man ist sehr zurückhaltend, was die Erwartungen an die eigene Mannschaft anbelangt. Warum diese Zurückhaltung? Warum ist man so bescheiden?

Kaminer: Die Mannschaft hat sich nicht gut gezeigt in der letzten Zeit. Das stimmt. Aber trotzdem fand ich das jetzt keinen Grund, um die Jungs dann gleich fertigzumachen. Man weiß doch, dass Fußball nicht nur ein Leistungssport ist. Da spielen auch Glück und Schicksal eine wichtige Rolle und durchaus kann eine schwächere Mannschaft gegen eine stärkere gewinnen. Allerdings haben die Saudis natürlich sich ein bisschen zu viel Mühe gegeben, um ganz schlecht zu sein.

Heinlein: Wie populär ist eigentlich der Fußball zuhause bei Ihnen in Russland? Ist das tatsächlich nur die Nummer zwei hinter Eishockey?

Kaminer: Ja, Fußball ist sehr populär. Die besten Zeiten hatten wir in der Sowjetunion, glaube ich. Damals hat die Nationalmannschaft auch sich gespeist aus den anderen Republiken, die heute unabhängige Staaten sind. Unsere besten Spieler waren ja aus Dynamo Kiew, Ararat Eriwan, Dinamo Tiflis. Das sind alles heute andere Länder.

Heinlein: Was geschieht denn, Herr Kaminer, wenn Russland früh ausscheiden sollte, trotz dieses Auftaktsieges? Wem drücken dann die Gastgeber die Daumen?

Kaminer: Ich glaube, den Deutschen.

Heinlein: Tatsächlich?

Kaminer: Wenn Russland vorher ausscheidet – das wird auch, glaube ich, schon der Fall sein -, dann hat das Land eine ganz neue Herausforderung für sich. Wie geht es, wenn man selbst bereits eine Niederlage erlitten hat und trotzdem gastfreundlich und weltoffen den anderen gegenüber bleiben soll? Das wird eine sehr spannende Sache für die Russen.

"Die Polizei weiß gar nicht, was sie mit all diesen tanzenden Menschen machen soll"

Heinlein: 2006 hat Deutschland ja mit dem Sommermärchen tatsächlich diesen Image-Wandel geschafft. Alle waren erstaunt, wie fröhlich und wie unverkrampft wir Deutschen feiern können. Wie hoch sind denn die Chancen aus Ihrer Sicht für ein russisches Sommermärchen?

Kaminer: Russisches Sommermärchen sieht wie folgt aus: Für vier Wochen sind alle Demonstrationen und irgendwelche Begegnungen auf der Straße verboten. Dabei tanzen von früh bis spät Iraner, Argentinier, Peruaner auf den Straßen von Moskau. Ich habe gestern Fotos gesehen, das war Wahnsinn. Die Polizei weiß gar nicht, was sie machen soll mit all diesen tanzenden Menschen von der ganzen Welt. Sie haben in ihren Anweisungen nur einen Satz stehen: Sie müssen immer lächeln und sagen, "Welcome to Russia". Da kommen doch die Russen selbst bald auf die Idee, dass sie auch tanzen dürfen auf ihren Straßen.

Heinlein: Sie sagen es: Nur ein sehr kleiner Teil der Russen, der privilegierten Russen, muss man sagen, war ja bisher im Ausland. Viele haben überhaupt keinen Reisepass. Könnte tatsächlich diese WM das Weltbild der Russen verändern?

Kaminer: Das wird auf jeden Fall passieren. Das sehe ich jetzt schon an den vielen Reaktionen in den sozialen Netzwerken, dass sie sich total wundern, dass die Welt so lustig drauf ist.

Heinlein: "Die Welt zu Gast bei Freunden" – das war das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Das ist durchaus auch etwas, was die Russen als Gastgeber sich zu Herzen nehmen werden?

Kaminer: Die Welt zu Gast bei Russen – das ist noch lustiger als bei Freunden.

Heinlein: Putin verspricht – das hat er vorab gesagt und gestern auch noch mal – ein Fest voller Leidenschaft und Emotionen. Glauben Sie das auch, dass die Russen leidenschaftlich dann mitgehen werden, wenn ihre eigene Mannschaft ausgeschieden sein sollte?

Kaminer: Ich kenne sehr viele Landsleute, die für Deutschland oder für Portugal sind zum Beispiel. Deutschland, Portugal und Belgien sind die Favoriten jetzt bei Russen.

"Fußball war die ganze Zeit Opium für die Welt"

Heinlein: Herr Kaminer, reden wir ein wenig über das Politische. Will Putin ablenken von Korruption, Krim und Doping? Soll Fußball auch so etwas sein wie Opium für die Welt?

Kaminer: Fußball war die ganze Zeit Opium für die Welt – Opium ist vielleicht zu stark, aber Alkohol, ein Schnäpschen für die Welt war das. Heute ist Politik so emotional, so leidenschaftlich geworden. Dieser ganze Populismus ist ja nichts anderes als Verwandlung der Politik in eine Theaterbühne. Und Fußball ist Politik, natürlich!

Heinlein: Fußball ist Politik. Die FIFA und der Kreml, passt das eigentlich ganz gut zusammen? Ist das eine ganz gelungene Symbiose?

Kaminer: Ich glaube, dass die FIFA mehr Mitglieder hat als die UNO. Eigentlich ist Fußball wichtiger als Politik.

Heinlein: Auch in Russland?

Kaminer: Gleich am ersten Tag dieser Weltmeisterschaft wurde die Mehrwertsteuer erhöht von 18 auf 20 Prozent und das Rentenalter angehoben, und die Menschen können nicht mal dagegen protestieren, weil sie haben ja Demoverbot.

Heinlein: Ich bedanke mich, Herr Kaminer, für das Gespräch. Im Deutschlandfunk heute Morgen der Schriftsteller Wladimir Kaminer. Spaciva und Doswedanja! – Ich hoffe, ich habe es richtig ausgesprochen.

Kaminer: Ja, absolut!

Heinlein: Danke und auf Wiederhören!

Kaminer: Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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