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StartseiteKultur heuteAngst vor Gewalt 09.12.2019

Autor Sansal über AlgerienAngst vor Gewalt

Viele Intellektuelle haben Algerien verlassen - der Schriftsteller Boualem Sansal ist geblieben. Von den anstehenden Präsidentschaftswahlen hält er wenig: "Es gibt immer mehr Streiks. Alle sind sehr beunruhigt." Die Hoffnung liegt für ihn auf vernünftigem Handeln der Armee.

Von Dirk Fuhrig

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Algerische Demonstranten halten die Nationalflagge während ihrer Proteste in der Hauptstadt Algier (RYAD KRAMDI / AFP)
Seit Anfang des Jahres fordern algerische Demonstranten Reformen im Land (RYAD KRAMDI / AFP)
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Fünf Kandidaten, die alle aus der alten Machtelite stammen - was soll dabei herauskommen? Boualem Sansal, vor ein paar Wochen 70 Jahre alt geworden, hält die geplante Abstimmung, so wie viele seiner Landsleute, für eine Farce:

"Die Bevölkerung versucht alles, um die Wahlen zu verhindern. Es gibt immer mehr Streiks. Freitags demonstrieren die Studenten, dienstags die Schüler. Aber auch andere Gruppen fangen an zu protestieren, Mediziner oder Ingenieure zum Beispiel. Die Wirtschaft ist völlig am Boden, nichts funktioniert mehr, Algerien steht vor dem Bankrott. Alle sind sehr beunruhigt. Die Hoffnung liegt darin, dass es innerhalb der Armee vernünftige Leute gibt. Ich kenne einige solcher Personen, die bereit wären zu sagen: 'Stop. Wir dürfen so nicht weitermachen, sonst führt das in einen Bürgerkrieg.'"

Ein Bürgerkrieg wie in den 90er-Jahren, als sich radikale Islamisten und ein immer autokratischer werdender Staat bekämpften. Sansal hat die Gefahr einer Machtübernahme durch religiöse Fanatiker in seinem Roman "2084 - das Ende der Welt" in beklemmender Weise beschrieben. Auch sein neues Buch "Der Zug nach Erlingen" handelt von einer Bedrohung durch fundamentalistische Kräfte. 

"Die jungen Leute stehen unter großem Druck"

Das Regime in Algier, so erläutert Sansal, werde von den europäischen Staaten nicht nur als Bollwerk gegen islamistische Umtriebe unterstützt, sondern auch wegen seiner umfangreichen Öl- und Gasvorkommen. Die Lage im Land ist angespannt.

"Ich lebe in Algerien und verfolge alles, was passiert, sehr genau. Ich diskutiere mit Studenten, mit politischen Parteien und Journalisten. Die jungen Leute stehen unter einem großen Druck. Wir haben alle Angst davor, dass es zu Gewalt kommt. Das Militär wartet nur darauf, auf die Leute schießen zu können. Die Islamisten warten auch darauf, damit sie sagen können: Stützt Euch auf den Islam, um die Freiheit zu erlangen. Ich appelliere an die Vernunft."

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal ((c) Roger van Heereman / Merlin Verlag) ((c) Roger van Heereman / Merlin Verlag)Boualem Sansal: "Der Zug nach Erlingen oder die Verwandlung Gottes" Ein Opfer der Pariser Terroranschläge von 2015 erwacht mit einer neuen Identität aus dem Koma. Der algerische Autor Boualem Sansal konstruiert auf Basis dieser Verwandlung ein literarisches Spiel voller Überraschungen und Rätsel – das auch nach Deutschland führt.

Viele Intellektuelle leben im Ausland

Den Algeriern fehlen die intellektuellen Köpfe. Boualem Sansal ist, zusammen mit seinem Schriftstellerkollegen Kamel Daoud, eine der wenigen Stimmen innerhalb des Landes, die auch im Ausland gehört werden.

"Die Intellektuellen waren immer die, die vom algerischen Regime am stärksten verfolgt wurden. Die Filmleute, die Produzenten, die Künstler  - die freien Denker haben alle das Land verlassen. Unsere Intellektuellen leben in Frankreich, in Deutschland, in England, in den Vereinigten Staaten oder in Kanada. Sie leben ihr Leben in diesen Ländern. Natürlich interessieren sie sich für ihr Land, aber sie können nichts tun."

"Die Probleme Algeriens muss man in Algerien lösen"

Eigentlich ist es erstaunlich, dass der Systemkritiker Boualem Sansal noch immer weitgehend unbehelligt in Algier leben kann. 

"Meine Familie besteht aus lauter Exilanten, die in der ganzen Welt verstreut leben, so wie alle meine Brüder. Ich habe mich dafür entschieden zu bleiben. Denn die Probleme Algeriens muss man in Algerien lösen. Auch Deutschland regelt seine Probleme in Deutschland und nicht in China oder in den USA. Das liegt für mich auf der Hand. Lange habe ich gedacht, dass die Lösung in der Ökonomie liegt - ich komme ja selbst ursprünglich aus der Wirtschaft. Wenn man das Land modernisiert und Arbeitsplätze schafft, werden sich die sozialen und politischen Probleme schon beheben lassen, dachte ich."

Das sieht er mittlerweile anders, wie er in unserem Gespräch ein wenig resigniert betont. Der Ingenieur, der erst mit fast 50 Jahren Schriftsteller wurde, ist fassungslos über die irrationalen Beweggründe, die Menschen antreiben - nicht nur, aber auch gerade in seiner Heimat Algerien.

"Auch eine funktionierende Wirtschaft kann wenig ausrichten gegen den Einfluss von Religion und Metaphysik. Ich bin Laizist, Atheist -  und musste lernen zu verstehen, warum sich Menschen auf die Religion stützen, wenn sie ein Land aufbauen wollen. Das kam mir immer sehr seltsam vor, aber das ist die Herausforderung, der ich mich stellen muss."

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