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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Avraham Barkai: "Wehr dich!" Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-193811.11.2002

Avraham Barkai: "Wehr dich!" Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938

Verlag C.H. Beck, München, 2002. 496 Seiten, 44,90 Euro

<strong>Zur Abwehr des Antisemitismus und zur Durchsetzung von Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Integration wurde 1893 der "Centralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gegründet. Der in Berlin geborene, heute in Israel lebende Historiker Avraham Barkai hat sich an einer Geschichte dieser tragischen Organisation versucht.</strong>

Hans G. Helms

Immer schärfer werden, immer unfreundlicher die Anschauungen über uns [...] Es gibt hier nur eine einzige, unabweisliche Folgerung: "Laßt es euch nicht länger gefallen!" [...] Die deutschen Juden sollten das gewaltige Wort, das sie so oft in ihrem Inneren gehört, aber auch immer wieder in ihrem Inneren verschlossen haben, nicht länger mehr schweigend mit sich herumtragen, sondern es laut und weit hinausrufen in wiedergefundener Würde, [...] das Wort des unerbittlichen Sieges: "Hundsfott, wehr dich!"

: Mit solch kämpferischen Worten warb Martin Mendelsohn um Mitglieder des im März 1893 gegründeten Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Sein erster Vorsitzender, Mendelsohn, wandte sich an die orthodoxen wie an die assimilierten bürgerlichen deutschen Juden, die eine Synagoge allenfalls noch an hohen Feiertagen betraten. Bedroht waren sie alle, resümiert der israelische Historiker Avraham Barkai, der Autor dieser ersten umfangreichen Darstellung der Geschichte des Centralvereins, die damalige politisch-ideologische Situation. Barkai erinnert an die zunehmenden antisemitischen Vorfälle und deren politische Folgen im Laufe der 1880er Jahre und an die Tatsache, dass 1890 bereits fünf Vertreter antisemitischer Parteien im Reichstag ihr Unwesen trieben.

Damit erhielt der Antisemitismus einen "provinziell-populistischen Impetus", der 1893 einen Höhepunkt mit 16 antisemitischen Reichstagsabgeordneten erreichte. [...] Der "Antisemitismus gelangte in den Hauptstrom deutscher Parlamentspolitik".

: Bis zur Liquidation nach der Reichspogromnacht 1938 war der Centralverein die größte und einflussreichste Organisation zur Vertretung jüdischer Interessen in Deutschland.

Selbst zur Zeit der negativen Bevölkerungsentwicklung der deutschen Juden ab der Jahrhundertwende agierte der Centralverein für mindestens 20 bis 25 Prozent der [600.000 Juden] des Deutschen Reiches.

: Oberste Maxime des Centralvereins war "das Prinzip der Selbsthülfe":

dass es eines jeden anständigen Menschen Pflicht ist, sich selber zu verteidigen und nicht andere für ihn eintreten zu lassen.

: Bis zur Nazizeit führte die Selbsthilfe meist vor die Gerichtsschranken.

Die "Rechtsschutzstelle" war die erste und lange Zeit die aktivste Abteilung des C.V.,

: legt Bakai dar und charakterisiert die Bekämpfung des Antisemitismus vor Gerichten zugleich als "ein pathetisches Unterfangen".

In den meisten Fällen wurden Anträge auf Strafverfolgung wegen Religionsbeleidigung, Aufhetzung zum "Klassenkampf" oder wegen "groben Unfugs" [...] von der Staatsanwaltschaft und dem Ministerium wegen mangelndem "Öffentlichen Interesse" abgewiesen. Kam es doch zu einem Verfahren, so wurden zumeist die angeklagten antisemitischen Agitatoren und Zeitungen freigesprochen oder zu lächerlich geringen Strafen verurteilt.

: Ebenso erfolglos waren Bemühungen, auf politische Parteien und deren Kandidaten Einfluss zu nehmen. Die notwendig gewesene Solidarität mit den Pogromen ausgesetzten Ostjuden und mit den auf eine nationale Heimstatt in Palästina setzenden Zionisten scheiterte am Widerstand der bürgerlich deutsch denkenden Führer des C.V. Im März 1913 verkündete der Centralverein kategorisch:

Soweit der deutsche Zionist danach strebt, den entrechteten Juden des Ostens eine gesicherte Heimstätte zu schaffen oder den Stolz des Juden auf seine Geschichte und Religion zu heben, ist er uns als Mitglied willkommen. Von dem Zionisten aber, der ein deutsches Nationalgefühl leugnet, sich als Gast im fremden Wirtsvolk und national nur als Jude fühlt, müssen wir uns trennen.

: Als die Kaiser Wilhelm und Franz Joseph den Ersten Weltkrieg entfesselten, rief der patriotische Centralverein seine Mitglieder auf:

über das Maß der Pflicht hinaus Eure Kräfte dem Vaterland zu widmen. Eilet freiwillig zu den Fahnen!

: An der Front erlebten die jüdischen Soldaten einen vehementen Antisemitismus, der sich noch steigerte, als die Heeresleitung 1916 die diskriminierende "Judenzählung" veranstaltete. Die Ergebnisse wurden nie veröffentlicht, weil sie dokumentiert hätten, dass ein überproportional hoher Anteil jüdischer Soldaten in vorderster Linie kämpfte und fiel. Die Nichtveröffentlichung nährte indessen das antisemitische Vorurteil von "jüdischer Drückebergerei". 1917 grassierten Schlagworte wie "Judenwahlen" und Judenfrieden". In der Revolution 1918 organisierten die Antisemiten aus Wirtschaft und Militär eine "Pogromhetze", die "das große Publikum zu Plünderungen jüdischer Geschäfte, Mord und Totschlag anstachelte. Von nun an rückte der Centralverein von der kämpferischen Parole "Wehr dich!", unter der er angetreten war, ab:

Offenbar hielten es die führenden Funktionäre in Berlin für das Beste, den Kopf so tief einzuziehen wie möglich.

: Auf eine Einladung des Centralvereins reagierte Albert Einstein 1920 mit einer sarkastischen Kritik der ideologischen Beschränktheit der Organisation.

Zuerst (...) müsste der Antisemitismus und die knechtische Gesinnung unter uns Juden selbst durch Aufklärung bekämpft werden. (...) "Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" - in jener Bezeichnung stecken (...) zwei Geständnisse schöner Seelen, nämlich: 1. Ich will nichts zu tun haben mit meinen armen ostjüdischen Brüdern. 2. Ich will nicht als Kind meines Volkes angesehen werden, sondern nur als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft. (...) Kann der "Arier" vor solchen Leisetretern Respekt haben?

: Wie berechtigt Einsteins Kritik war, erwies sich 1929, als der Centralverein sich vor der politischen Auseinandersetzung mit den Nazis drückte. Barkai kommentiert:

Auch wenn nicht alle Naziwähler rabiate Antisemiten waren, gehörte die Idee, die idealistischen Jugendlichen und "besonnenen Deutschen" unter ihnen durch verstärkte Hervorhebung der "vaterländischen Gesinnung" der Juden vom "Irrtum des Antisemitismus" zu überzeugen, in das Reich wunschdenkender Phantasterei.

: Die 1990 im Moskauer "Sonderarchiv" entdeckten Akten des Centralvereins, auf die sich Barkai stützt, belegen die Bemühungen des Centralvereins, sich nach der Machtübergabe an Hitler den Nazis würdelos anzubiedern.

Die als "organisch" postulierte kollektive Zugehörigkeit als "Volksgenossen" (wurde) zum Wunschziel ihrer Integrationsbemühungen. Doch in der totalitär beherrschten "Volksgemeinschaft" war (...) für Juden als einzelne oder als "Gruppe" kein Platz.

Um ihre Interessen dem Regime gegenüber mit einer Stimme zu vertreten, gelang es Leo Baeck im September 1933, alle jüdischen Organisationen in der "Reichsvertretung der Juden in Deutschland" zusammenzufassen. Auf Zeit sicherte sie den gesetzlich entrechteten deutschen Juden eine zusehends schmaler werdende Existenzbasis. Der auf behördlichen Druck 1935 umbenannte "Jüdische Centralverein" wurde geduldet, weil er - wie die Zionisten - die Auswanderung förderte. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde der Centralverein liquidiert. Seine leitenden Mitarbeiter wurden erst verhaftet und dann ins Exil getrieben. Einige wenige blieben zurück und wurden "in den Vernichtungslagern" ermordet.

Avraham Barkai: "Wehr dich! - Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938". Der Band ist im Münchener Beck Verlag erschienen, umfasst 496 Seiten und kostet 44,90 Euro.

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