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StartseiteDeutschland heuteMehr Vielfalt in Berliner Verwaltungen21.10.2019

Azubis im öffentlichen DienstMehr Vielfalt in Berliner Verwaltungen

Jede vierte Person in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte. Im öffentlichen Dienst spiegelt sich diese Vielfalt aber nicht wider: Nur etwa zehn Prozent der dortigen Beschäftigten haben ausländische Wurzeln. Das Land Berlin will das ändern und setzt vor allem bei der Ausbildung an - und das erfolgreich.

Von Claudia van Laak

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Ein Stapel Akten liegt auf einem Schreibtisch in einer Behörde   (icture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Seit zehn Jahren wirbt Berlin gezielt um Fachkräfte mit ausländischen Wurzeln für den öffentlichen Dienst (icture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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Sabine Karras leitet die Ausbildung im IT-Dienstleistungszentrum des Landes Berlin. Sie sagt einen erstaunlichen Satz: Weder der Schulabschluss noch die Noten sind für mich wichtig, wenn ich einen Azubi einstelle.

"Unser Ziel ist am Ende, eine heterogene Ausbildungsgruppe zusammenzustellen. Wir suchen jetzt nicht den Typ x, der möglicherweise in unser Haus passt, sondern wir wollen ganz viele verschiedene Menschen haben, so, wie es auch das Berliner Stadtbild ist, sag ich jetzt mal."

Die Berliner Stadtgesellschaft, dazu gehören auch der Abiturient, dessen Eltern aus dem Libanon kommen, die türkischstämmige Frau mit Kopftuch und der junge Mann, dessen Mutter aus Großbritannien, der Vater aus Sri Lanka stammt. Sie alle arbeiten beim IT-Dienstleister des Landes Berlin, kurz ITDZ.

"Ich bin Stefan Amarasinghe und mache eine Ausbildung zum Fachinformatiker beim ITDZ."

"Ich heiße Samer Safwan und mache eine Ausbildung beim ITDZ Berlin."

"Ich bin Havvar Artan und ich mache eine Ausbildung beim ITDZ Berlin."

Bei anderen Arbeitgebern wegen Kopftuch abgelehnt

Havvar Artan ist bereits 32 Jahre alt, hat in der Türkei Informatik studiert. Trotzdem hat sie sich für eine Ausbildung entschieden. "Fachinformatikerin für Systemintegration" lautet die Berufsbezeichnung. Andere Arbeitgeber hätten sie abgelehnt, weil sie ein Kopftuch trage.

"Das war hier gar kein Thema. Im Gegenteil. Ich wurde hier unterstützt, weil ich eine Frau bin und einen Migrationshintergrund habe."

Vier von zehn Azubis im IT-Dienstleistungszentrum haben ausländische Wurzeln – das entspricht etwa dem Anteil an der Berliner Bevölkerung. Auch bei der Polizei, den landeseigenen Krankenhäusern, der Stadtreinigung, den Bezirksämtern steigt der Anteil von Azubis mit Einwanderergeschichte – auf mittlerweile 28 Prozent. Das ist schon gut, aber es ist noch Luft nach oben, sagt Berlins Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial.

"Es ist vor allem auch ein ganz wichtiges Signal in die Verwaltung hinein, dass wir hier mehr Vielfalt brauchen. Dass diese Menschen diesen Platz hier auch haben, weil das Zugehörigkeit schafft und eine Identifikation. Das brauchen wir, damit die Menschen sich tatsächlich mit dem Staat stärker identifizieren."

Die Vielfalt auf der Straße muss sich in den Verwaltungen abbilden – davon ist die gebürtige Polin überzeugt, die seit einem halben Jahr Integrationsbeauftragte des Landes Berlin ist. Übrigens die erste mit ausländischen Wurzeln.

"Es macht schon etwas aus, wenn ich auf ein Amt oder zu einer Behörde gehe, und dort vielleicht auch eine Leistung bekomme oder eine Beratung in meiner Herkunftssprache."

Gezielte Suche nach Personal mit ausländischen Wurzeln

Seit zehn Jahren bereits wirbt die Verwaltung in der Hauptstadt um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln. "Berlin braucht Dich" heißt die Kampagne, die sich sowohl an Arbeitgeber als auch an junge Leute richtet. Es gelte, Vorurteile auf beiden Seiten aufzubrechen, sagt Integrationsbeauftragte Niewiedzial. Für junge Migrantinnen und Migranten sei der öffentliche Dienst nicht Arbeitgeber Nummer 1.

"Es fehlen Vorbilder. Es fehlen sowohl Vorbilder in der Peergroup, aber natürlich auch in der Familie. Wenn man selbst zugewandert ist, die eigenen Eltern nicht unsere Verwaltung kennen, dann können sich die Jugendlichen nicht an ihren eigenen Eltern orientieren. Hinzu kommt, dass man in manchen Kulturen auch Vorbehalte gegen den Staat hat, und man deshalb nicht auf die Idee kommt, sich für den öffentlichen Dienst zu interessieren."

Umgekehrt bleibt dem öffentlichen Dienst gar nichts anderes übrig, als sich für diese Jugendlichen zu interessieren, sprich, explizit um sie zu werben. In den nächsten drei Jahren werden in Berlin von rund 120.000 Verwaltungsmitarbeitern etwa 20.000 in den Ruhestand gehen. Behörden und Landesbetriebe brauchen also dringend Vorbilder wie Stefan Amarasinghe, Havvar Artan oder Samer Safwan. Der 17-Jährige mit libanesischen Wurzeln wirbt bei seinen Freunden für eine Ausbildung beim IT-Dienstleister des Landes Berlin.  

"Das ist schon ziemlich cool, weil wir hier auch sehr selbständig sind. Man kann sich die Zeit so einteilen, dass man an einem Tag früher geht und an dem anderen länger hierbleibt."

Auch Havvar Artan aus der Türkei ist ein Vorbild für Jüngere. Eine Broschüre über Ausbildungsberufe beim IT-Dienstleistungszentrum wirbt mit ihrem Porträt. Die Botschaft ist klar: Wir heißen auch Frauen mit Kopftuch willkommen.

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