Donnerstag, 30. Juni 2022

Baerbock in der Ukraine
Die Regierung hat noch viel nachzuholen

Es sei gut und wichtig, dass sich Bundesaußenministerin Annalena Baerbock selbst ein Bild vom Leid und Kampf der Ukrainerinnen und Ukrainer gemacht habe, kommentiert Sabine Adler. Nun sollten auch Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihre Reisen nicht mehr allzu lange aufschieben.

Ein Kommentar von Sabine Adler | 10.05.2022

Bundesaußenministerin  Annalena Baerbock trifft Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew, und seinen Bruder Wladimir Klitschko zu einem Gespräch
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock trifft Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew, und seinen Bruder Wladimir Klitschko zu einem Gespräch (picture alliance / photothek)
Wenn es nach dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister Berlins geht, hat die Außenministerin heute alles falsch gemacht. Sich an den Ort des Geschehens zu begeben und dann von dort womöglich voller Emotionen und Forderungen zurückzukehren, sei nun wirklich nicht hilfreich, hatte der SPD-Bundestagsabgeordnete gesagt. Diesen Ratschlag gab er seinen Kollegen Michael Roth und Anton Hofreiter sowie Agnes Marie Strack Zimmermann, mit der er neu im Verteidigungsausschuss sitzt, als die drei in die Ukraine reisten.

Baerbock tat, was man erwartet, wenn Deutschland Millionen Euro schickt

Gut, dass Annalena Baerbock nicht auf den SPD-Politiker hört. Dass sie vielmehr das tat, was man erwartet, wenn Deutschland viele Millionen Euro für humanitäre Hilfe und Waffen in die Ukraine schickt. Dass sie sich anschaute, gegen welchen Feind sich die Ukrainer und Ukrainerinnen schützen müssen. Es ist ein gnadenloser Gegner, der einen friedlichen Ort wie Butscha mit nicht mal 40.000 Einwohnern vier Wochen lang in eine Hölle verwandelte, der Wohnhäuser bombardiert und 400 Menschen, die noch nicht geflohen oder tot waren, zwischen den Ruinen aufspürte, verhörte, vergewaltigte, fesselte, folterte und eigenhändig tötete und dann nicht einmal verscharrte. Es ist ein Gegner, der dann alles abstritt und von Präsident Putin für Heldenmut und ihre Tapferkeit ausgezeichnet wurde.

Gespräche mit Überlebenden

Es ist wichtig, sich selbst ein Bild zu machen, um zu verstehen, welche Menschen wir in ihrem Kampf unterstützen, in welchem Elend wir ihnen beistehen und unser Mitleid ausdrücken, mit welchem Ausmaß von Zerstörung sie zurechtkommen müssen.
Die Außenministerin wird nun ein für allemal vor Augen haben, wie viel an Wiederaufbauarbeit zu leisten ist. Sie hat in den Gesprächen mit den Überlebenden erfahren, was russische Soldaten angerichtet haben und kann verstehen, wer da am Verhandlungstisch von ihrer Seite Platz nimmt bei hoffentlich baldigen Friedensgesprächen. Sie wird nachempfinden können, wie viele Rachegedanken die Ukrainerinnen und Ukrainer beiseite schieben müssen, um ihr Leben zu bewältigen und wenn sie ab jetzt an Russland denken.

Der Krieg wird nicht schnell zu Ende sein

Die grüne Ministerin wird nun wissen, wie wichtig es den Menschen ist, dass die Verbrechen auch ein juristisches Nachspiel haben, damit die ukrainische Bevölkerung irgendwann Ruhe findet, weil den Tätern ihre gerechte Strafe zuteil wird.
Dass Olaf Scholz die Einladung von Präsident Selenskyj für den gestrigen 9. Mai nicht angenommen hat, hat ihn erneut nicht gut aussehen lassen. Doch noch ist es nicht zu spät, den Ukrainern mitten in ihrem Unglück beizustehen, denn es wird leider nicht schnell zu Ende sein. Doch zu lange sollten sowohl Scholz als auch Bundespräsident Steinmeier ihre Reisen nicht mehr aufschieben, wenn sie noch als Freund und Helfer wahrgenommen werden wollen. Deutschlands Bürger sind es längst, die Regierung hat allerhand nachzuholen.