Ein Jahr nach Sturm aufs KapitolBaerbocks demokratischer Schulterschluss

Ein Jahr nach dem Sturm auf das Kapitol hat Annalena Baerbock ihren amerikanischen Amtskollegen in Washington getroffen. Der Besuch der neuen Außenministerin ist vor allem eines: die Anerkenntnis, dass die USA nach wie vor Garant für Frieden, Stabilität und Demokratie in Europa sind, kommentiert Stephan Detjen.

Ein Kommentar von Stephan Detjen | 06.01.2022

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (l.) und der US-Außenminister Antony Blinken in Washington.
Stephan Detjen: „Als Geste demokratischer Verbundenheit hatte die Reise gerade in diesen Tagen ihren Sinn und Wert.“ (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Mandel Ngan)
Als die neue deutsche Außenministerin gestern das Kapitol in Washington verließ, erstrahlte das Gebäude für einige Augenblicke in einem letzten Sonnenschein strahlend weiß vor einem düsteren Abendhimmel. Ein passendes Bild für einen symbolischen Besuch im Zentrum der amerikanischen Demokratie, das heute vor einem Jahr der Ort eines gewalttätigen Angriffs war. Licht und Schatten, der Glanz demokratischer Institutionen und die Zeichen ihrer Verwundbarkeit liegen in den USA – nicht zum ersten Mal – eng beieinander. In noch nicht dagewesener Deutlichkeit hat US Präsident Biden heute die Dramatik der Ereignisse vom 6. Januar und die Verantwortlichkeit dafür benannt: Biden sprach im Kapitol von einem bewaffneten Aufstand, der vom ehemaligen Präsidenten Trump aus dem Weißen Haus angestachelt worden sei.
Der Präsident nahm damit faktisch das Urteil vorweg, dass ein Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses erst im Sommer sprechen soll. Die bemerkenswert scharfen Worte sind nicht nur eine realistische Beschreibung der historischen Ereignisse vor einem Jahr, sondern die Antwort auf die aggressive Rhetorik, mit der Donald Trump seine erneute Präsidentschaftskampagne vorbereitet.

Mehr zum Thema:


Ein Jahr nach dem unfriedlichen Machtwechsel stehen die USA bereits wieder im Wahlkampf. Die Midterm Elections im November dieses Jahres werden ganz im Zeichen der Auseinandersetzung mit dem Trumpismus stehen, der die republikanische Partei fest im Griff hat. Joe Biden hat ihm heute den Kampf angesagt.

USA - die verwundete Demokratie

Was bedeutet das für Deutschland und die neue Bundesregierung, als deren erste Repräsentantin Annalena Baerbock gestern in Washington war? Der gelassene Regierungswechsel in Deutschland steht in denkbar scharfem Kontrast zu dem anhaltenden Machtkampf in den USA. Minderheiten können zur Mehrheit werden, Opposition zur Regierung. Das ist der Wesenskern der Demokratie. Wenn Wahlen ihren klärenden und zumindest befristet befriedenden Charakter verlieren, ist die Demokratie verwundet. Dass diese Diagnose heute auch für die Vereinigten Staaten gilt, ist auch aus deutscher Sicht beunruhigend. Nach wie vor sind die USA Garant für Frieden, Stabilität und damit auch Demokratie in Europa. Alle Beteuerungen, Europa müsse mehr Eigenverantwortung übernehmen, alle pazifistischen Akzente sozialdemokratischer und grüner Wahlprogramme und auch das Lavieren des neuen Bundeskanzlers im Umgang mit Russland ändern daran nichts. Der Kurzbesuch Annalena Baerbocks, die für diese Reise mehr Zeit im Flugzeug als in Washington verbrachte, ist vor allem das Anerkenntnis dieser geopolitischen Grundkoordinaten. Sie hat sich damit in die Kontinuität deutscher Außenpolitik gestellt. Ob es ihr in nächsten Schritten gelingt, eigene, neue Akzente, etwa im Sinne einer stärkeren Werte- oder Klimarorientierung zu setzen, ließ sich in den wenigen Stunden in Washington nicht erkennen. Als Geste demokratischer Verbundenheit aber hatte die Reise gerade in diesen Tagen ihren Sinn und Wert.
Stephan Detjen 
Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.