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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin gewagter Sprung19.04.2021

Baerbock Kanzlerkandidatin der GrünenEin gewagter Sprung

Mit der Nominierung von Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin haben die Grünen den Unionsparteien gezeigt, was eine professionelle politische Partei ist, kommentiert Klaus Remme. Das Zutrauen für das Amt habe die Grünen-Co-Vorsitzende, der Weg bis zum Kabinettstisch sei aber noch weit.

Ein Kommentar von Klaus Remme

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Die grünen Co-Vorsitzende Annalena Baerbock verlässt nach der Bekanntgabe ihrer Kandidatur als Spitzenkandidatin der Grünen zur Bundestagswahl die Bühne (dpa / Reuters / Pool-Foto / Annegret Hilse)
Die grünen Co-Vorsitzende Annalena Baerbock verlässt nach der Bekanntgabe ihrer Kandidatur als Spitzenkandidatin der Grünen zur Bundestagswahl die Bühne (dpa / Reuters / Pool-Foto / Annegret Hilse)
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Auch ohne den erschreckenden Kontrast zur Union wäre die heutige Kandidatenkür der Grünen beachtlich. Während es zwischen CDU und CSU drunter und drüber geht, zeigen sich die Grünen als professionelle politische Partei, die sich anschickt, in diesem Land die Möbel gerade zu rücken.

  (dpa/Kay Nietfeld) (dpa/Kay Nietfeld)Grüne - Annalena Baerbock ist Kanzlerkandidatin
Die Grünen haben bekanntgegeben, dass sie Annalena Baerbock ins Rennen um das Kanzleramt schicken werden. Die 40-Jährige stellt zusammen mit Robert Habeck den Bundesvorsitz der Partei.

Sekunden vor der Verkündung, das live Bild stand schon, fegte eine Mitarbeiterin mit Kehrblech und Handfeger akribisch auch das letzte Staubkörnchen von der Bühne. So sind die Grünen heute, sauber, ja blitzblank geradezu. Alles was stören könnte, wird im Vorfeld abgeräumt. Möglichst geräuschlos, ohne Reibung, ohne Verlust. Auf Dauer ist das kein Erfolgsrezept. Noch aber hält die scheinbar bedingungslose Unterstützung von Mittelbau und Basis der Partei. Vom Rückhalt, wie ihn Annalena Baerbock heute erfahren hat, können die anderen Kandidaten nur träumen. Und das ist zum großen Teil das Verdienst von Robert Habeck. Zusammen mit Baerbock hat er in den vergangenen Jahren das Fundament für die heutige Geschlossenheit gelegt. "Fröhlich und souverän" werde man die Entscheidung bekanntgeben, hatte er vor einigen Tagen gesagt. Fröhlich, naja, darüber kann man streiten. Souverän war es in jedem Fall. "Wir beide wollten es", sagte Habeck, bevor er einen Schritt zurücktrat und sagte: "Annalena, die Bühne gehört dir".

  (picture alliance/dpa/Kay Nietfeld) (picture alliance/dpa/Kay Nietfeld)"In der Inszenierungskunst sind die Grünen im Moment die Nummer eins"
Es sei eine "Ironie der Geschichte", dass die Grünen heute so geschlossen seien, während die CDU im Chaos versinke, sagte Hubert Kleinert, Politikwissenschaftler und Grüner der ersten Stunde, im Dlf.

Wieviel Schaden ambitionierte Spitzenpolitiker in einer solchen Konkurrenzlage anrichten können, war in der Vergangenheit auch und gerade bei den Grünen zu beobachten. Heute machen Armin Laschet und Markus Söder vor, wie es nicht geht! Und Annalena Baerbock dankte es der Partei heute mit einem überzeugenden Auftritt. In den kommenden Wochen und Monaten ist ausreichend Zeit, über die Schuldenbremse, Investitionspläne, Asylpolitik und Auslandseinsätze zu streiten. Heute stand die Kandidatin im Mittelpunkt und diese ließ keine Sekunde Zweifel daran, dass sie die Kanzlerkandidatur A ernst nimmt und sich B zutraut. Und nach drei Jahren erfolgreicher Führungsarbeit im Team in der Partei hält man es fast für möglich, dass sie diesen Führungsstil im Wahlkampf und vielleicht sogar am Kabinettstisch beibehält. Doch bis dahin ist es noch weit.

Und wahr ist ja auch: Baerbock selbst ist auf ein loyales Team angewiesen. Sie hat noch nie regiert, sie hat nie an irgendeinem Kabinettstisch gesessen. Selbst für eine gelernte Trampolinsportlerin ist das, was Annalena Baerbock da vorhat, ein gewagter Sprung. Andererseits, die politische Konkurrenz hat in den vergangenen Monaten der Pandemiebekämpfung bewiesen, dass Erfahrung, im Bund und in den Ländern, keine Garantie für erfolgreiches Handeln ist. Das Hängen und Würgen von Union und SPD macht neugierig darauf, wie sich die Parteien der sogenannten Großen Koalition als Juniorpartner machen würden. Oder in der Opposition!

Klaus Remme  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme, geboren in Cloppenburg. Studium der Politischen Wissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Freiburg und Wien. Berufliche Stationen: Institute for Defense & Disarmament Studies, Boston, BBC World Service, London, Norddeutscher Rundfunk. Seit 1996 beim Deutschlandfunk. Von 2007 bis 2012 Korrespondent von Deutschlandradio in Washington. Seitdem Korrespondent im Hauptstadtstudio mit Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik. 

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