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StartseiteHintergrundWie Familienunternehmen NS-Zwangsarbeit aufarbeiten 22.06.2020

Bahlsen, Flick und Co. Wie Familienunternehmen NS-Zwangsarbeit aufarbeiten

Viele traditionsreiche Familienunternehmen beschäftigten im nationalsozialistischen Deutschland Zwangsarbeiter. Die Aufarbeitung erfolgt häufig nur auf medialen Druck und dauert bis heute an. In vielen Fällen begann sie erst Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Von Otto Langels

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"Die Familie Reimann hat sich sehr mit dem historischen Hintergrund ihres Unternehmens beschäftigt und insbesondere mit den Dingen, die in der Zeit des Nationalsozialismus und im Vorfeld stattgefunden haben; gerade aus dem Wissen heraus, dass auch Mitglieder der Familie Reimann schon in den 20er und dann in den 30er Jahren Nationalsozialisten gewesen sind und die Entwicklung des Nationalsozialismus in ihren Bereichen auch unterstützt haben."

Andreas Eberhardt ist Geschäftsführer der Alfred Landecker Stiftung, eine erst jüngst von der Familie Reimann gegründete Einrichtung, die ehemalige NS-Opfer unterstützt. Die Reimanns zählen zu den reichsten Familien Deutschlands mit einem geschätzten Vermögen von 20 bis 30 Milliarden Euro, sie ist weltweit beteiligt an Firmen der Nahrungs-, Kosmetik- und Waschmittelindustrie wie Jacobs-Kaffee, Schweppes und Calgon.

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"Die Dinge" während der NS-Zeit, die Andreas Eberhardt dezent anspricht, beziehen sich auf Vorgänge in der Firma Benckiser, einem Chemie-Unternehmen aus Ludwigshafen im Besitz der Familie Reimann.

"Bei Benckiser hat es Zwangsarbeit gegeben. Wir sind bei einer Zahl von etwas über 800 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die in der Zeit des Nationalsozialismus bei Benckiser gearbeitet haben. Mehrheitlich kamen diese Menschen aus Frankreich, aus Belgien und aus den Niederlanden."

Ein erstaunliches Phänomen: Erst mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus beginnt eine Familie nachzuforschen, wie ihre Vorfahren von der Wirtschaftspolitik der Nazis profitiert hatten und in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickt waren.

Späte Aufarbeitung

Doch die Reimanns sind kein Einzelfall. Auch bekannte Unternehmerdynastien wie die Quandts, Bahlsens, Oetkers und Flicks begannen erst Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dann auch eher notgedrungen als freiwillig, sich mit Ihrer Vergangenheit zu beschäftigen.

"Auch als man mir die Arbeit gezeigt hatte, konnte ich es nicht schaffen. Der Meister stieß mich und schlug mich immer wieder. Ich arbeitete dort vielleicht zwei Wochen, dann flog ich raus und bekam eine noch schlimmere Arbeit. Nicht dass ich mich davor drückte, ich wollte arbeiten, aber ich schaffte es einfach nicht."

Jerzy Jeliński war 1942 als vierzehnjähriger Junge aus dem polnischen Lodz nach Deutschland verschleppt worden, wo er in einer Tischlerei, einem Chemiebetrieb und schließlich am Hochofen der Spandauer Stahlindustrie arbeiten musste, einem Unternehmen des Flickkonzerns.

Während der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht mussten Juden - wie hier beim Straßenbau - Zwangsarbeit verrichten (undatierte Aufnahme). Die Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft hat am 22.5.2001 den Weg für die Entschädigungszahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter frei gemacht. Nach der Abweisung der Sammelklagen in den USA sei jetzt die notwendige Rechtssicherheit gegeben. Die Entscheidung sorgte für Erleichterung im In- und Ausland. (picture alliance / dpa / Ullstein) (picture alliance / dpa / Ullstein)Entschädigung für NS-Zwangsarbeit - Späte Einsicht, wenig Geld
Die Nationalsozialisten verpflichteten vor und vor allem während des Krieges Millionen Menschen zu Zwangsarbeit – allein drei Millionen Polen. Der Kampf für Entschädigung war nach dem Zweiten Weltkrieg lang und zäh. Zufrieden mit den Zahlungen sind viele von ihnen nicht.

"Diese Hitze! Es gab Handschuhe, aber sie waren durchgebrannt, die Fingerspitzen waren zu sehen, es war, als ob man mit bloßen Händen arbeitete. An den Füssen brannte es auch, es gab keine Schuhe, nur solche Latschen, oft mit Löchern, so dass die Zehen herausguckten. Der Schweiß lief einem nur so runter. Woher sollte ein Junge die Kraft nehmen? Woher die Kraft? Ich war doch erst 16 Jahre alt. Woher also die Kraft?"

Jerzy Jelinski war einer von Millionen Ausländern, die das NS-Regime als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppte. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurden sie dringend benötigt, weil das Regime die deutschen Männer an die Front schickte. Viele Betriebe, vor allem auch in der Rüstungsindustrie, konnten ihre Produktion nur mit Hilfe von Zwangsarbeit aufrechterhalten. Der Einsatz billiger Arbeitskräfte war zudem profitabel.

Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide: "Wir schätzen, dass rund 13 Millionen Menschen aus den besetzten Gebieten Europas im Deutschen Reich zur Arbeit eingesetzt wurden, d.h. Männer, Frauen und im Verlauf des Krieges auch viele Jugendliche und Kinder. Die waren in Deutschland überall zur Zwangsarbeit eingesetzt, bei den großen Rüstungsbetrieben, aber auch den Kirchen, den Kommunen, kleineren Handwerksbetrieben, Bäckereien, Gärtnereien und auch in Privathaushalten."

Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Von den 13 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern starben rund 2,7 Millionen auf Grund der schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen, darunter 1,1 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, ebenso viele KZ-Häftlinge sowie 500.000 zivile Beschäftigte.

1947 musste sich Friedrich Flick als Konzernchef im fünften von insgesamt zwölf Nürnberger Nachfolgeprozessen vor einem US-amerikanischen Militärgericht wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten.

Die Anklage warf Friedrich Flick Sklavenarbeit in gigantischem Umfang vor. Im Dezember 1947 wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt, kam aber schon im Frühjahr 1950 frei und gefiel sich fortan in der Rolle des ohnmächtigen Opfers im Angesicht eines skrupellosen Terrorregimes. Damit unterschied er sich kaum von der Mehrheit der Deutschen. Alle Bundesregierungen und nahezu alle Unternehmen lehnten es fortan ab, Verantwortung für Zwangsarbeit, Ausbeutung und Misshandlungen zu übernehmen.

"Es gab in der Nachkriegszeit schlichtweg kein Unrechtsbewusstsein wie übrigens auch während der Kriegszeit selbst nicht. Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen waren so allgegenwärtig, dass sie als normale Begleiterscheinung des Krieges angesehen wurden. Und das setzte sich dann nach 1945 fort. Und auch was Fragen von Erinnerung an Zwangsarbeit belangt, hat es jahrzehntelang keine Rolle gespielt."

Jahrzehntelang wurden Anträge auf Entschädigung abgewiesen. Die Begründung: NS-Zwangsarbeit sei kein Unrecht gewesen, sondern eine Maßnahme zur Beseitigung kriegsbedingten Arbeitskräftemangels. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung kam in den 1990er Jahren eine Diskussion über Zwangsarbeit und Entschädigung auf, aber nur auf Druck aus dem Ausland, insbesondere aus den USA, wo Boykottaufrufe und Sammelklagen gegen deutsche Unternehmen drohten.

"Nur durch äußeren Druck war es überhaupt möglich, dass der deutsche Staat und die deutsche Wirtschaft sich einigten auf den sogenannten Entschädigungsfonds, die Gründung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, woraus dann in den Jahren 2000 bis 2007 an rund 1,66 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen ein bestimmter Geldbetrag ausgezahlt wurde. Wenn man die Zahlungen der einzelnen Wirtschaftsbetriebe in das Verhältnis setzt zu dem, was ja auch profitiert wurde, sind das immer vergleichsweise geringe Beträge gewesen, die man ja natürlich auch steuerlich absetzen konnte."

Öffentliche Hand musste Entschädigungsgeld dazugeben

Zu dem Entschädigungsfonds der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", kurz EVZ, trugen die deutschen Unternehmen nur die Hälfte von insgesamt rund fünf Milliarden Euro bei, die andere Hälfte musste die öffentliche Hand zuschießen. Die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erhielten maximal 7.700 Euro pro Person.

Älterer Mann mit kurzen weißen Haaren in grauem Jacket und schwarzem RollkragenpulloverDer Kunstsammler und Konzern-Erbe Friedrich Christian Flick während einer Pressekonferenz zur Eröffnung einer Ausstellung der Sammlung Flick im Hamburger Bahnhof in Berlin am 2004

Friedrich Christian Flick, einer der Erben des Flick-Konzerns, zahlte im Jahr 2005 fünf Millionen Euro in den Fonds ein, dies jedoch erst nach massiver Kritik an seiner zunächst ablehnenden Haltung. Den Betrag taxierten Finanzexperten auf ein Prozent seines Privatvermögens. Immerhin hatte er vier Jahre zuvor mit fünf Millionen Euro die F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz gegründet und damit Lehren aus der Kollaboration seines Großvaters mit dem NS-Regime gezogen.

Susanne Krause-Hinrichs ist Geschäftsführerin der in Potsdam ansässigen Stiftung. "Die Zielsetzung der Stiftung ist für eine demokratische, friedliche Gesellschaft zu arbeiten, Rassismus-Prävention zu machen, Antisemitismus-Prävention. Und das in Ostdeutschland, und die Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche."    

Die Stiftung fördert rund 50 Projekte pro Jahr mit insgesamt 350.000 Euro. Dem Gründer Friedrich Christian Flick sei es eine Verpflichtung und ein persönliches Anliegen, sich für demokratische Werte einzusetzen, sagt Susanne Krause-Hinrichs und nennt als Beispiel das Projekt "Musik schafft Perspektive" in Potsdam.

"Da arbeiten wir mit Kindern im so genannten Plattenbauviertel und finanzieren die Zusammenarbeit mit dem örtlichen Potsdamer Orchester über Jahre hinweg. Man sieht das an den Kindern, wie das gewirkt hat, wie offen die geworden sind und was für eine Kultur da reingekommen ist auch in Verbindung mit den Eltern, die das jetzt auch akzeptiert haben, das dann auf das ganze Viertel ausgestrahlt hat."

Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit besteht seit 2006 am historischen Ort, in den Baracken eines ehemaligen Zwangsarbeitslagers in Berlin-Schöneweide. Dort waren Frauen untergebracht, die in der Batteriefabrik Pertrix arbeiten mussten, einem Unternehmen des Quandt-Firmenimperiums. Die Quandts zählen heute mit ihrer Beteiligung am BMW-Konzern zu den reichsten deutschen Familien.

"Das Schweigen der Quandts"

Christine Glauning, die Leiterin des Dokumentationszentrums: "Die Familie Quandt hat sich im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit engagiert mit einem größeren Betrag von rund fünf Millionen. Die Auseinandersetzung dieses Familienunternehmens mit der eigenen Geschichte, wo über 57.000 Zwangsarbeiter, Zwangsarbeiterinnen und KZ-Häftlinge eingesetzt waren, hat wie in vielen anderen Fällen auch sehr lange gedauert. Und der Anstoß kam von außen durch einen Dokumentarfilm "Das Schweigen der Quandts" Anfang der 2000er-Jahre, der die Geschichte sozusagen ins Rollen brachte und die Familie dazu brachte, sich dann doch mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Ein Resultat war die Aufarbeitung. Wir konnten ein Zeitzeugenprojekt durchführen, eine Ausstellung erarbeiten und haben eine internationale Jugendbegegnungsstätte aufgestellt."

Eine der Zwangsarbeiterinnen, die bei Pertrix unter extremen Bedingungen Batteriehülsen herstellen musste, ist Olena Werschezka. 1942 wurde sie als 17-Jährige aus der heutigen Westukraine verschleppt. Die Fahrt nach Berlin in einem Güterwaggon dauerte zwei Wochen. Ihre Unterkunft verglich sie rückblickend mit einem Schweine- oder Kuhstall.

"Man gab uns nur sehr schlechtes Essen, die ganze Zeit nur Steckrüben. Und nur einmal am Tag Brot mit Holzspänen. Es sah zwar wie Weißbrot aus, aber Holzmehl rieselte raus, mit Holzspänen. Einige konnten es nicht essen und starben. Dann gab man uns sowas Grünes, wie Spinat, das konnte ich mir nicht ansehen, aber ich zwang mich, es zu essen. So habe ich überlebt."

Joachim Scholtyseck, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bonn, posiert am Donnerstag (22.11.2007) in seinem Seminar in Bonn. Der Historiker wird die Geschichte der deutschen Unternehmerfamilie Quandt aufarbeiten. Dazu übernimmt Scholtyseck über die Dauer von drei Jahren ein Forschungsprojekt, das die Vergangenheit zwischen dem Beginn der unternehmerischen Aktivitäten im 19. Jahrhundert bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts lückenlos aufklären soll. Bei der Aufarbeitung kann der Historiker aufbesonders umfangreiche Quellen zurückgreifen. Besonders reize ihn, dass er Einsicht in das Familienarchiv erhalten werde, sagteScholtyseck der Deutschen Presse-Agentur. Foto: Felix Heyder dpa/lnw (zu dpa 0332 vom 22.11.2007) +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa / Felix Heyder)Historiker Joachim Scholtyseck (dpa / Felix Heyder)

Aufgrund des öffentlichen Drucks gab die Familie Quandt eine Studie in Auftrag, die eigene Firmengeschichte zu erforschen. Autor war der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck.

"Man muss zunächst vorausschicken, dass es weltfremd wäre, dass ein Unternehmen Zwangsarbeiter hätte ablehnen können. Aber es kam darauf an, wie man diese Zwangsarbeiter beschäftigt hat. Es gab Handlungsspielräume. Und diese Handlungsspielräume wurden, das muss man eben sagen, in den Quandt-Firmen nicht ausgenutzt. Manchmal machte es das Überleben dann eben auch aus, ob man eine Scheibe Brot mehr oder weniger am Tag bekommen hat."

Es fällt auf, dass Familien wie die Quandts, Flicks oder Reimanns sich erst nach Jahrzehnten der eigenen Geschichte gestellt haben, und dies meist nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf Druck von außen. Doch warum sollte es in Unternehmerdynastien anders zugehen als in deutschen Durchschnittsfamilien, wo die Verstrickung in den Nationalsozialismus lange verdrängt und beschwiegen oder nie thematisiert wurde?

"Man kann sich eben vorstellen, in einer Familie ist es schmerzhaft, sich von so einem Bild zu lösen, dass der Großvater eben doch ein ganz großer Held gewesen sei. Und ein solcher Ablösungsprozess ist niemals ganz einfach und kann auch nicht ganz einfach sein. Ich weiß das aus meiner eigenen Familie. Und es gibt eben sicherlich genügend andere Beispiele."

Das Erkennen von Verstrickungen

Einen ähnlichen Prozess habe auch die Familie Reimann durchgemacht, meint Andreas Eberhardt. Bevor er Geschäftsführer der Alfred Landecker Stiftung wurde, leitete er die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. "Das ist vielleicht auch eine Generationenfrage. Das Erkennen von Verstrickungen, von gesellschaftlicher Verantwortung auch im Unternehmensbereich, hat dazu geführt, gerade wenn man sich heutige Verhältnisse, Entwicklungen und auch wieder Gefährdungen der Demokratie anschaut, hier noch mal, wie ich finde, in außerordentlicher Art und Weise tätig zu werden."

Die Familiengeschichte der Reimanns ist besonders tragisch, denn in ihr finden sich Täter und Opfer gleichermaßen. Die Firmenpatriarchen Albert Reimann senior und Albert Reimann junior waren überzeugte Nationalsozialisten und Antisemiten. Sie beschäftigten Zwangsarbeiter und unterstützten aktiv das NS-Regime. Aber es gab auch Alfred Landecker, den Namensgeber der Stiftung, der eng mit der Familie verbunden war.

"Alfred Landecker war ein deutscher Jude, der in Mannheim gelebt hat, der dort eine Familie hatte. Seine Tochter hatte mit einem der Reimanns eine Beziehung. Aus dieser Beziehung sind auch Kinder hervorgegangen, die heute auch noch Unternehmensbeteiligungen halten. Alfred Landecker hat verzweifelt versucht, seine Familie zu retten in der Zeit des Nationalsozialismus. Alfred Landecker wurde in ein polnisches Getto deportiert. Und dort, so heißt es denn immer, verliert sich seine Spur."

Die Hintergründe der Familiengeschichte lassen die Reimanns derzeit durch einen Historiker untersuchen. Er soll auch die genaue Zahl der Zwangsarbeiter und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen erforschen. Mit einem Betrag von zehn Millionen Euro will man sie bzw. ihre Nachkommen entschädigen.

Und weiter: "Darüber hinaus wird die Familie die Alfred Landecker-Stiftung jährlich mit einem nachhaltigen Betrag unterstützen, weil wir alle sehen, dass im Moment Tendenzen sich entwickeln, die uns mit Sorge erfüllen und wo wir sehen, dass wir demokratischen Entwicklungen verstärkt Raum schaffen müssen, gerade bei jüngeren Generationen, die demnächst auch Verantwortung für diese Gesellschaften übernehmen."

Für alle Vorhaben stellt die Familie der Stiftung zunächst für einen Zeitraum von zehn Jahren insgesamt 250 Millionen Euro zur Verfügung. Eine großzügige Summe, vergleicht man sie mit den jeweils fünf Millionen von Flick und Quandt.

Der Fall Bahlsen

Eine andere Firmenerbin gedenkt dagegen ihr Kapital anders einzusetzen. "Eins möchte ich sagen, ich bin Kapitalist, nee, also ich bin überhaupt nicht anti-capitalism, mir gehört ein Viertel von 'Bahlsen'. Da freu ich mich auch drüber. Das soll mir auch weiterhin gehören. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und so was." So Verena Bahlsen im vergangenen Jahr bei einem öffentlichen Auftritt auf einem Marketing Festival.

Nun ließe sich das launige Statement dem jugendlichen Übermut einer 26-jährigen Multimillionärin zuschreiben. Doch als sie wegen ihrer Aussage kritisiert und an die Zwangsarbeiter bei Bahlsen erinnert wurde, erklärte die Keks-Erbin, Bahlsen habe sich nichts zuschulden kommen lassen und seine Zwangsarbeiter genauso gut behandelt und bezahlt wie die deutschen Arbeitskräfte. Tatsächlich bekam ein Zwangsarbeiter nur einen Bruchteil des Lohns eines deutschen Kollegen; ein profitables Geschäft für Unternehmen im "Dritten Reich".

Verena Bahlsen bei einem Pressedinner zur Vorstellung ihres Restaurants "Hermann's" in Berlin. (picture alliance/dpa/Monika Skolimowska)Verena Bahlsen (picture alliance/dpa/Monika Skolimowska)

Es folgte, was in solchen Fällen häufig folgt: eine schriftliche Stellungnahme von Verena Bahlsen unter dem schönen Firmen-Logo "THE BAHLSEN FAMILY":

"Dass aus meiner Rede auf dem Marketing-Kongress in Hamburg eine Debatte über deutsche Geschichte und Zwangsarbeiter im Dritten Reich sowie die Rolle des Unternehmens Bahlsen dabei geworden ist, bedaure ich sehr. Das war keinesfalls meine Absicht. Dass ich die Debatte später durch unbedachte Äußerungen verstärkt habe, war ein Fehler. Das tut mir leid. Nichts liegt mir ferner, als den Nationalsozialismus und seine Folgen zu verharmlosen."

Das Unternehmen schob noch eine Erklärung nach, bedauerte, welch großes Leid und Unrecht den Zwangsarbeitern widerfahren sei, verwies darauf, dass man 1,5 Millionen DM an die Stiftung EVZ gezahlt habe, und versprach, was man in solchen Fällen auch häufig tut: die Geschichte der Zwangsarbeiter bei Bahlsen von unabhängigen Historikern erforschen zu lassen; ein Versuch, das Thema aus den Schlagzeilen zu bekommen.

Christine Glauning, die Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit, sieht in solchen unbedachten Äußerungen und dem anschließenden Bemühen um Schadensbegrenzung gleichwohl eine Chance.

"Ich finde es wichtig, dass die Familienunternehmen und die Stiftungen sich auch ganz konkret mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen und Projekte fördern, die konkret mit dem Thema Zwangsarbeit in den jeweiligen Unternehmen zu tun haben, zumal Zwangsarbeit kein historisches Thema ist, sondern in der Tat auch noch heute massenhaft stattfindet. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass zwischen 27 und 40 Millionen Menschen weltweit unter Zwangsarbeitsverhältnissen oder sklavenähnlichen Verhältnissen arbeiten müssen. Und darauf auch das Augenmerk zu lenken, denke ich, ist auch Teil der historisch-politischen Bildungsarbeit, heute, und dass es wichtig ist, das zu erkennen und herauszuarbeiten."

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