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StartseiteInterview"Die Bahn ist zu einer Entschädigung verpflichtet"30.10.2017

Bahn-Chaos nach Unwetter"Die Bahn ist zu einer Entschädigung verpflichtet"

Die Auswirkungen von Stürmen wie "Xavier" oder jetzt "Herwart" auf den Bahnverkehr könnten nur durch ein Gesamtkonzept minimiert werden, sagte Detlef Neuß vom Fahrgastverband Pro Bahn im Dlf. In das müssten auch Umweltverbände sowie private und kommunale Grundstückbesitzer entlang der Bahnstrecken miteinbezogen werden.

Detlef Neuß im Gespräch mit Stefan Heinlein

Sie sehen umgestürzte Bäume über Bahngleisen. (imago / Jochen Tack)
Umgestürzte Bäume über Bahngleisen. (imago / Jochen Tack)
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Stefan Heinlein: Alle reden vom Wetter – wir nicht! So Mitte der 60er-Jahre ein erfolgreicher Werbeslogan der Deutschen Bundesbahn, wie sie sich damals noch nannte. Von diesem Nimbus der Bahn als zuverlässiger Verkehrsteilnehmer, der allen Stürmen trotzt, ist mittlerweile nicht mehr viel übrig geblieben.

Das zweite Sturmtief in diesem Herbst hat erneut den Bahnverkehr vor allem in Norddeutschland nahezu vollständig zum Erliegen gebracht. Doch auch an anderer Stelle sorgte "Herwart" für Chaos.

Über den Bahnverkehr möchte ich jetzt sprechen mit Detlef Neuß vom Fahrgastverband Pro Bahn. Guten Tag, Herr Neuß!

Detlef Neuß: Guten Tag.

Heinlein: Zum zweiten Mal in kurzer Zeit ein Bahn-Chaos auf vielen Strecken vor allem im Norden. Ist das allein höhere Gewalt oder auch ein Armutszeugnis für die Bahn?

"Es muss beim Grünschnitt entlang der Bahntrassen einiges geschehen"

Neuß: Das ist nicht allein höhere Gewalt. Ich würde nicht unbedingt von einem Armutszeugnis reden, aber es muss natürlich beim Grünschnitt entlang der Bahntrassen einiges geschehen. Das was bis jetzt gemacht wird, reicht offensichtlich nicht aus. Man hat zwar schon einiges verbessert. Zu Zeiten von Herrn Mehdorn schlugen noch die Äste gegen die fahrenden Züge. Das ist jetzt Gott sei Dank vorbei. Aber die Ereignisse der letzten Wochen haben doch gezeigt, dass das, was gemacht wurde, immer noch nicht vollständig ausreicht.

Heinlein: Wurde da an falscher Stelle gespart, unter Herrn Mehdorn, aber auch unter seinen Nachfolgern?

Neuß: Da wurde sicherlich an falscher Stelle gespart. Es ist aber nicht nur der Spareffekt, sondern der Grünschnitt wird auch immer häufig von Umweltverbänden angegriffen. Die sperren sich dagegen. Und dann gehören ja auch nicht alle Grundstücke entlang einer Bahntrasse der Bahn selbst, sondern da sind auch noch private Grundstückseigentümer und kommunale Grundstückseigentümer mit im Boot. Deswegen haben wir ja auch einen Runden Tisch nach "Xavier" gefordert, der diese Dinge einmal bespricht mit allen Beteiligten und mal klärt, was da jetzt zu machen ist, damit diese Auswirkungen in Zukunft deutlich abgemildert werden können.

Heinlein: Über diesen Runden Tisch, Herr Neuß, müssen wir gleich noch mal reden. Aber habe ich das richtig verstanden? Private Eigentümer oder auch die Kommunen können verhindern, dass dieser Grünschnitt, die Sicherheit der Bahn ausreichend sichergestellt wird?

"Dann fällt ein Baum von einem privaten Grundstück auf die Gleise"

Neuß: Verhindern können sie es nicht. Sie unterliegen natürlich auch der Verkehrssicherheitspflicht. Aber sie können sich natürlich dagegen sperren, vor allen Dingen private Grundstückseigentümer. So eine Baumfällaktion kostet ja auch Geld und dann kann es durchaus auch mal sein, dass sich jemand dagegen sperrt, und dann fällt auch mal ein Baum von einem privaten Grundstück auf die Gleise.

Heinlein: Sind die Privateigentümer dann zuständig und müssen auch diese Baumfällung für die Sicherheit der Bahn bezahlen?

Neuß: Die sind auf jeden Fall zuständig. Sie müssen die Verkehrssicherheit gewährleisten. Wenn bei ihnen auf dem Grundstück ein morscher Baum steht, dann müssen sie den fällen lassen, wenn der auf eine Straße oder auf die Gleise fallen könnte. Bei den Straßen ist es so, dass Behörden dafür verantwortlich sind. Die könnten auch bei Ihnen aufs Grundstück gehen und dann eine solche Aktion vornehmen, die sie Ihnen wahrscheinlich in Rechnung stellen würden. Die Bahn ist eine Aktiengesellschaft. Die hat natürlich nicht das gleiche Recht wie eine Behörde. Das ist auch eine Folge der Privatisierung der Bahn.

Heinlein: Stimmt der Eindruck, den manche haben, die sagen, früher war alles besser, so ein Chaos, wie wir es jetzt an diesem Wochenende oder vor wenigen Wochen erlebt haben, das gab es früher nicht?

Viele Schäden auch an Oberleitungen

Neuß: Früher wurde deutlich mehr links und rechts der Bahnstrecken zurückgeschnitten. Aber viele Schäden entstehen natürlich auch durch Schäden an der Oberleitung. Die Elektrifizierung ist natürlich verglichen mit vergangenen Jahrzehnten mehr geworden, auch wenn sie im Augenblick erst bei 58,8 Prozent liegt. So toll ist das nicht. Und es sind sehr viele Nebenstrecken stillgelegt worden, über die man früher mal hätte ausweichen können, und die müsste man jetzt noch wieder aktivieren, vor allen Dingen elektrifizieren, damit auch mal ein ICE, wenn auch langsamer über eine Nebenstrecke ausweichen kann.

Heinlein: Aber eine Diesellok käme vielleicht sogar noch einfacher voran, ohne diese Elektrifizierung und die Oberleitungen, die in Gefahr sind, dann von Bäumen niedergewalzt zu werden?

"Die Fahrgastinformation lässt zu wünschen übrig"

Neuß: Das ist vollkommen richtig. Wenn ein Baum auf den Schienen liegt, kommt natürlich auch eine Diesellok nicht weiter. Aber bei einer nicht elektrifizierten Strecke besteht natürlich nicht die Gefahr eines Oberleitungsschadens. Dazu müssten Sie dann aber auch ausreichend Wagenmaterial zur Verfügung stehen haben, das dann anstelle von Zügen mit elektrischem Antrieb fahren kann, und das ist nicht vorhanden.

Heinlein: Herr Neuß, ich habe mir noch das Stichwort Runder Tisch notiert. Das haben Sie vorhin erwähnt. Was ist denn notwendig, wenn sich alle zusammensetzen, um die Sicherheit der Bahn zu gewährleisten und so ein Chaos zu verhindern?

Neuß: Zum einen: ausreichender Grünschnitt entlang der Bahnstrecken, und zwar abgestimmt unter allen Beteiligten. Und wir müssen natürlich auch noch dafür sorgen, dass die Fahrgastinformation besser wird. Die lässt zu wünschen übrig. Das liegt teilweise auch daran, dass innerhalb des Unternehmens Deutsche Bahn AG die Software nicht mehr gerade die jüngste ist. Man kann schlecht untereinander von einem Unternehmenszweig zum anderen kommunizieren. Das muss alles besser werden und besser aufeinander abgestimmt werden. Und auch der Grünschnitt entlang der Strecke muss mit allen Beteiligten – das sind die Umweltverbände, das sind die privaten Anlieger, das sind die kommunalen Anlieger und natürlich auch die DB AG selber – abgestimmt werden, damit wir da ein Gesamtkonzept bekommen, das in Zukunft eine solche Situation weitestgehend entschärft. Völlig verhindern werden Sie Wettereinflüsse auf den Bahnverkehr nie. Das geht ja beim Autoverkehr auch nicht.

"Die Bahn ist zu einer Entschädigung verpflichtet"

Heinlein: Wenn Flüge ausfallen, dann werden die Passagiere in der Regel ja entschädigt. Sie bekommen etwas zu trinken, sie bekommen etwas zu essen, wenn es länger dauert sogar eine Hotelübernachtung bezahlt. Ist die Deutsche Bahn davon weit entfernt, oder gibt es auch die Möglichkeit, dass die Fahrgäste dann in dieser Form entschädigt werden?

Neuß: Bei der Deutschen Bahn AG besteht die Verpflichtung, die Fahrgäste auch bei höherer Gewalt zu entschädigen. Das was die Flugpassagiere bekommen, das bekommen die Bahnpassagiere erst recht. Die Fluggesellschaften sind dazu nicht einmal unbedingt verpflichtet, wo hingegen die Bahn auch bei höherer Gewalt zu einer solchen Entschädigung verpflichtet ist.

Heinlein: Ein Fahrgast, der an diesem Wochenende von Hamburg nach Berlin nicht kommen konnte, wegen Zugausfällen, und ins Hotel ging, gehen musste, der bekommt das bezahlt von der Bahn?

Neuß: Ja, das ist korrekt.

Heinlein: Was ist mit den Hotelzügen, die zur Verfügung gestellt werden? Ist das auch vielleicht eine Lösung?

Neuß: Das ist auch eine Lösung. Sie können sich vorstellen, einfach ins Hotel zu gehen und ein Zimmer zu buchen, wenn so viele Leute gestrandet sind, ist gar nicht so einfach. Hotelzug ist natürlich ein ziemlich komfortabler Begriff. Wir reden da eher von Übernachtungszügen. Aber man ist natürlich wesentlich besser damit bedient, wenn man sich in einen Zug gemütlich und warm hinsetzen kann, da eventuell dann auch was zu trinken bekommt oder verpflegt wird, als wenn man in der Bahnhofshalle übernachten muss und warten muss, bis die nächsten Züge wieder fahren.

Heinlein: Im Deutschlandfunk heute Mittag Detlef Neuß vom Fahrgastverband Pro Bahn. Herr Neuß, ganz herzlichen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Neuß: Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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