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StartseiteKommentare und Themen der WocheZu früh für endgültige Erleichterung15.12.2018

Bahn einigt sich mit EVGZu früh für endgültige Erleichterung

6,1 Prozent mehr Lohn in zwei Stufen sei ein ordentlicher Schritt nach oben, kommentiert Nadine Lindner. Für endgültige Erleichterung sei es aber zu früh. Denn der großzügige und arbeitnehmerfreundliche Tarifabschluss bei der Bahn löse zwar ein Problem, könnte gleichzeitig aber ein neues schaffen.

Von Nadine Lindner

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Ein moderner ICE steht im Hauptbahnhof München (imago stock&people)
Die Einigung zwischen Bahn und EVG könne die Gewerkschafter freuen, denn sie falle arbeitnehmerfreundlich aus, meint Nadine Linder im Dlf. (imago stock&people)
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Streik bei der Bahn Ohne Fleiß kein Preis

Die Tarifeinigung zwischen der Bahn und der EVG ist eine gute Nachricht! Alle können nach dem vorläufigen Ende des Konflikts erst mal aufatmen: erstens die strapazierten Bahnkunden, die gerade Koffer für den Weihnachtsurlaub packen. Zweitens die Bahnmitarbeiter, die sich nicht nur über einen guten Tarifabschluss freuen können, sondern auch über weniger Stress durch Warnstreiks. Und drittens das Unternehmen selbst, dem kurz vor Weihnachten der Ärger durch Streiks erspart bleibt.

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft ist die deutlich größere Gewerkschaft bei der Bahn und vertritt viele Mitglieder in Werkstätten und Stellwerken, die Züge warten und bereit stellen und ohne die im täglichen Betrieb nichts geht.

Anfang der Woche hatte die EVG mit einem kurzfristigen Warnstreik den Zugverkehr lahmgelegt und die Bahn empfindlich getroffen.

Ein ordentlicher Schritt nach oben

Die Einigung zwischen Bahn und EVG kann die Gewerkschafter freuen, denn sie fällt arbeitnehmerfreundlich aus. 6,1 Prozent mehr Lohn in zwei Stufen, das ist ein ordentlicher Schritt nach oben. Vor der ersten Tariferhöhung, die erst im nächsten Sommer kommt, gibt es eine Einmalzahlung von 1.000 Euro. Und auch bei der Laufzeit konnte sich die Bahn am Ende nicht durchsetzen. 29 Monate soll die Vereinbarung gelten, die Bahn hätte gern 34 Monate gesehen.

Für Arbeitnehmer ist die kürzere Laufzeit eine gute Nachricht, denn sonst frisst die Inflation die vereinbarte Tariferhöhung wieder teilweise auf. Das Signal, das von dieser Einigung zwischen Bahn und EVG ausgeht, ist das folgende: Die Bahn möchte als Arbeitgeber attraktiv sein. Dieser Wunsch ist sinnvoll und verständlich, schließlich sucht der Staatskonzern händeringend Fachkräfte. Allein im kommenden Jahr sollen über 20.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden. Und die Konkurrenz auf dem leer gefegten Arbeitsmarkt ist groß, vor allem bei Spezialisten.

Doch für endgültige Erleichterung bei Bahnkunden ist es noch etwas früh: denn es gibt noch die zweite, die kleinere Gewerkschaft bei der Bahn, die Gewerkschaft der Lokführer, kurz GDL.

Wie sich die kleinere GDL, die 2015 bereits die Republik mit ihren Streiks lahmgelegt hatte, verhält, ist noch völlig unklar.

Noch keine komplette Entwarnung für Bahnkunden

Die GDL hatte mit der Bahn in Eisenach parallel zur EVG getagt, aber die Verhandlungen gestern für gescheitert erklärt. GdL-Chef Klaus Weselsky hat zwar keinen Streik vor Weihnachten angedroht, das konnte er auch nicht, denn es gilt die Friedenspflicht, der Gewerkschaftschef wies aber darauf hin, dass die Lokführer ja mal anfangen könnten, ihre Überstunden abzubummeln, das werde sicherlich auch Auswirkungen haben.

Ob die GDL diese Drohungen umsetzt, muss sich noch zeigen. Es gibt also noch keine komplette Entwarnung für Bahnkunden.

Die Bahn hat als Ziel gesetzt, dass sie mit beiden Gewerkschaften ähnliche Tarifverträge abschließt, um keine Ungleichbehandlungen innerhalb der Belegschaft zu erzeugen. Das heißt, die GDL dürfte sich nicht zu weit von dem entfernen, was mit der EVG vereinbart wurde.

Der großzügige und arbeitnehmerfreundliche Tarifabschluss bei der Bahn löst ein Problem und könnte gleichzeitig ein neues schaffen. Denn er kann zwar mit attraktiven Löhnen zur Lösung des Personalmangels beitragen, verschärft aber mit steigenden Personalkosten die Finanzierungslücke, die jetzt schon bei der Bahn klafft.

Allein fünf Milliarden Euro mehr fordert Bahnchef Richard Lutz in seiner "Agenda für eine bessere Bahn", um die schlimmsten Probleme zu beheben, die Verschuldung der Bahn liegt bei sagenhaften 20 Milliarden Euro.

Bund muss viel mehr Geld in die Bahn stecken

Der Bund als Eigentümer wird also nicht drumherum kommen, mehr Geld, viel mehr Geld in die Bahn zu stecken. Vor allem wenn das Ziel aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt werden soll, bis 2030 die Fahrgastzahlen im Nah- und Fernverkehr zu verdoppeln.

Nadine LindnerNadine LindnerNadine Lindner, Jahrgang 1980, studierte Politikwissenschaft, Afrikanistik und Journalistik in Leipzig und Lissabon. Nach Stationen beim Ausbildungssender der Universität Leipzig mephisto 97.6, der "FAZ" und dem MDR folgte ein Volontariat beim Deutschlandradio. Von 2013 bis 2015 war sie Landeskorrespondentin im Studio Sachsen. Heute arbeitet sie als Korrespondentin im Hauptstadtstudio und ist für die Grünen, Energie- sowie Umweltpolitik zuständig.

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