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BahnreformGute Vorsätze reichen nicht mehr

Mit dem, was nach dem Bahn-Krisen-Gipfel zu hören war, werden sich die Probleme der Bahn nicht beheben lassen, kommentiert Klemens Kindermann. Denn es seien eigentlich nur gute Vorsätze gewesen. Für Verbesserungen müssten Unternehmensspitze und Politik in die Organisation der Bahn und ihre internen Abläufe eingreifen.

Von Klemens Kindermann

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(dpa/Jan Woitas)
ICE-Züge stehen im Bahnhof von Leipzig (dpa/Jan Woitas)
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Jeder Mittelständler weiß es, jeder gut geführte Konzern auch: Die Mitarbeiter erkennen oft besser als die Unternehmensspitze, was schief läuft in ihrer Firma und wo etwas verbessert werden kann. Zwischen den hektischen Bahn-Krisen-Gipfeln in dieser Woche aber ist das Ergebnis der großen Bahn-Mitarbeiterbefragung fast untergegangen: Die internen Arbeitsabläufe und die übergreifende Zusammenarbeit müssen besser organisiert werden, meint die Mehrheit der 200.000 Befragten. Mit anderen Worten: Bei der Bahn wisse oft die eine Hand nicht, was die andere tue. Bitte, so möchte man dem Verkehrsminister und dem Bahn-Vorstand zurufen: keine Krisen-Luftblasen, hört lieber auf die Bahner! 

Denn während der Bundesverkehrsminister noch mit großem Schwung am zweiten Gipfel-Tag eine "Bürger-Bahn" forderte, kündigte die Unternehmensspitze einen weitgehend bekannten Hilfsplan mit 22.000 neuen Mitarbeitern an. In den Ohren der Beschäftigten muss sich die "Bürger-Bahn" wie ein neuer Slogan aus der stets findigen Max-Maulwurf-Marketingabteilung des eigenen Hauses anhören, der Hilfsplan erinnert eher an abgestandenes Chili con Carne aus dem Bordbistro: Diese Zahl der Neueinstellungen war mindestens erwartet worden, im vergangenen Jahr waren es sogar 24.000. 

Verkennung der wirklichen Probleme der Bahn

Apropos Bistro: Dass die Deutsche Bahn nach dem Spitzentreffen ernsthaft schriftlich mitteilte, dass es in allen 650 Bordrestaurants und –bistros seit Kurzem neue Gerichte gibt, ist schon fast Realsatire. Den meisten Fahrgästen geht es um pünktliches Ankommen und nicht um Currywurst mit Tortilla-Streuseln.

Aus all dem spricht eine seltsame Verkennung der wirklichen Probleme der Bahn. Die werden sich mit dem, was diese Woche zu hören war, nicht beheben lassen: dass Züge schneller gewartet, Kunden besser über Verspätungen informiert und Engpässe im Schienennetz verringert werden sollen, ist alles richtig. Und es sollte auch gemacht werden. Aber das ist so, als ob der Modelleisenbahner ein paar Bäumchen neu setzt. Will man wirklich vorankommen, müssen auch Gleise neu verlegt werden. Dazu aber hört man nichts vom Vorstand oder von der Politik. 

Verbesserung der internen Arbeitsabläufe und übergreifende Zusammenarbeit – wie die Mitarbeiter das fordern – heißt konkret: die Kleinstaaterei im Konzern zu beenden. Die Bereiche Fernverkehr, Regio und Cargo müssen deutlich besser kooperieren, um die Kundenzufriedenheit zu steigern. Wer hätte nicht schon etliche Male erlebt, wie der zu Beginn der Fahrt absolut pünktliche Regionalexpress in jedem zweiten Bahnhof herumhängen muss – "Eine Zugüberholung – wir bitten um Ihr Verständnis" -, weil verspätete ICEs und ICs vorbei müssen. Um hier ein Steuerungsproblem zwischen Fern- und Regionalverkehr zu erkennen, muss man kein Kybernetiker sein.

Eigentlich nur gute Vorsätze

Und noch etwas fordern die Mitarbeiter zu Recht: Die Strategie des Konzerns sollte geschärft werden. Ein wunder Punkt. Gerade die aufgeregten Gipfel dieser Woche zeigten: Eine wirkliche Strategie fehlt. Wozu will man die Bahn denn überhaupt haben? Begreift man die Bahn als eine Art Daseinsvorsorge, die in Zeiten des immer abrupteren Klimawandels und einer vernetzten Mobilität Garant für das Wohlergehen der Menschen sein soll? Dann ist ihre Finanzierung eine öffentliche Aufgabe – wie die der Autobahnen übrigens – und die Bundesregierung darf sich nicht scheuen, dem hoch verschuldeten Konzern noch mehr Geld zu geben. 

Oder will man doch noch etwas Wettbewerb haben, der ja bekanntlich in den meisten Fällen zu besseren Ergebnissen für die Kunden führt, also pünktlichere Bahnen, betriebsbereite Toiletten und intakte Züge? Dann müsste man die Bahn konsequenterweise zerschlagen, und zwar einerseits in ein Unternehmen, das die Züge betreibt, und andererseits in einen Infrastrukturbereich, der sich um das Schienennetz und dessen Digitalisierung, aber auch um Bahnhöfe und Stellwerke kümmert. 

Von all dem war in dieser Woche nichts zu hören. Und die teils wenig neuen, teils vagen Ankündigungen der Bahnspitze, mit der sich das Verkehrsministerium erstaunlicherweise auf einmal zufriedengab, sind eigentlich nur gute Vorsätze. Die aber werden nicht mehr reichen. Will man Verbesserungen, müssen Unternehmensspitze und Politik in die Organisation der Bahn und ihre internen Abläufe eingreifen. Ganz so wie es die Mitarbeiter raten.

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