Firmenporträt 23.08.2019

Bahnwerkstatt MaLoWaTraditions-Eisenbahner aus LeidenschaftVon Sabine Adler

Beitrag hören In einer Fabrikhalle steht ein Arbeiter an einer Lokomotive mit einem orangen Fahrerhaus (Sabine Adler/ Deutschlandradio)Bahn-Werkstatt MaLoWa - früher Teil des Mansfeld Kombinats in Sachsen-Anhalt (Sabine Adler/ Deutschlandradio)

Mit dem Fall der Mauer zerfiel das Mansfeld Kombinat im Süden von Sachsen-Anhalt in Einzelteile. Für die Bahnwerkstatt MaLoWa wurde der Mut zweier Firmengründer und die Leidenschaft für die Bahn zur Rettung.

"Tinchen, wir sind mal in der Werkstatt", ruft Gerhard Kellner in Richtung Sekretariat und stürmt los. Im Flur stoppt er vor einem Foto an der Wand.

"Die erste und einzige englische Dampflok, die jemals auf dem Festland repariert wurde, war hier."

Der 62-Jährige ist Eisenbahner durch und durch. Vor 26 Jahren wurde der kleine Mann mit dem grauen Schnauzbart Chef der Bahnwerkstatt MaLoWa in Benndorf im Süden von Sachsen-Anhalt. Er allein als technischer Leiter hätte den Schritt nicht gewagt. Aber mit dem damaligen Werkstattchef Vorwerk fasste er sich ein Herz. Der Mut der beiden rettete 50, also fast die Hälfte der Arbeitsplätze.

Existenz bedroht nach dem Mauerfall

Mit dem Fall der Mauer zerfiel das Mansfeld Kombinat in seine vielen Bestandteile, die Betriebsbahn wurde stillgelegt, drohte auf dem Schrott zu landen.

"1990 mit der Wende hieß es, wir machen alles auf der Straße. Und wenn ich keine Transporte mehr mache, brauche ich auch keine Instandhaltung. Das heißt, auch die Werkstatt war kurz vorm Schließen."

Es ging um alles oder nichts. Mit dem Mut der Verzweiflung suchten und fanden sie einen Ausweg, entdeckten eine Marktlücke. Für historische Züge gab es im Westen keine Werkstätten mehr, niemand möbelte dort noch antike Waggons oder Loks auf.

"Die Werkstätten waren seit den 1970er-Jahren geschlossen und die Museums- und Privatbahnen hatten viele Fahrzeuge gerettet und mit der Öffnung der Grenzen waren mit einem Mal wieder Werkstätten da, die ihre Fahrzeuge reparieren konnten. Und sie konnten Fahrzeuge noch dazu kaufen. Der Osten war ein Mekka für ganz Deutschland im Schienenbetrieb."

Reparaturbetrieb als Marktlücke

Von Vorteil waren nicht nur die zentrale Lage in Deutschland und das Können der Facharbeiter, sondern auch die vielen Loks und Wagen, oft wertvolle Stücke, die ihnen die Treuhand-Anstalt in aller Eile zum Schrottpreis überlassen hatte.

"Es ist eines der Dinge, wo wir noch viele Jahre später geschmunzelt haben. Für die Werkstatt, die 1884 gegründet wurde, haben wir richtig bezahlt bei der Treuhand. Und zwar Geld, das wir nicht hatten. Wir wussten, wie eine Achse repariert wird, aber Bankgespräche, das war für uns Neuland."

700.000 D-Mark mussten sie für die Werkstatt an die Treuhand bezahlen und sich außerdem zu noch einmal 700.000 Mark Investitionen verpflichten. Die 220 Schmalspur-Wagen, Diesel- Dampfloks, waren so etwas wie eine stille Reserve, ein Sparstrumpf.

25 Jahre später, 2018 waren sie schuldenfrei. Die eiserne Reserve der 220 Fahrzeuge aus Wendezeiten ist allerdings deutlich geschrumpft. "Da existieren mittlerweile noch 40. Ein Teil ist verschrottet, ein anderer ist verkauft".

Kundschaft sind die Privatbahnen

Mit den Jahren haben sie ein neues Geschäftsfeld erobert, mit dem sie hauptsächlich ihr Geld verdienen: die Privatbahnen. 200 private Gesellschaften gibt es in Deutschland. Für sie bringt die MaLoWa Bahnwerkstatt bei Eisleben Personen- und Güterwagen sowie Lokomotiven durch den TÜV. Nur ein ICE hat noch nicht auf ihren Gleisen gestanden. Die historischen Gefährte sind inzwischen eher eine Liebhaberei. Aber es gibt keine Spurweite, kaum ein Modell, das nicht schon in ihre Reparaturwerkstatt gerollt ist.

"Die Halle hat acht Gleise, ich habe manchmal zehn Fahrzeuge gleichzeitig hier drin. Hier haben wir eine Diesellok V100.  Eine sehr gute Maschine. Dahinter haben wir eine kleine Rangierlok, und da hinten auf Gleis 3 ist wieder eine V60. Die beiden Kollegen setzen gerade einen Motor instand. Komplett Handarbeit. Das macht die Sache nicht billiger, aber wir können sie weiter nutzen."

Neben der Werkhalle mit den vielen Gleisen wird es laut. In der Sandstrahlanlage steht ein Arbeiter in dicker Schutzkleidung mit einer Art Spritzpistole.

Ausbau des Güterverkehrs? "Nur Lippenbekenntnisse"

Sobald die Tür aufgeht, schaltet sich der Sandstrahl ab.

"Hochsicherheitstrakt. Hier ist eine Strahlkies-Anlage dahinter. Hier wird eine Strahlkies 10 Bar gestrahlt. Das geht durch und durch."    

"Sie sind seit 10 Jahren hier, was machen Sie?"

"Ich bin Strahler und Lackierer. Das ist ein guter Job, bin 34."

"Und sie sind wahrscheinlich ziemlich froh, dass sie hier einen Job haben."

"Ja, das macht mir auch Spaß."

"Was machen Sie gerade?"

"Ich strahle gerade was ab, damit es wieder neu lackiert werden kann."

Werkstattchef Gerhard Kellner ist misstrauisch, wenn Politiker in Berlin vom Ausbau des Güterverkehrs sprechen hört.   

"Die Politik sagt, 2030 wollen wir doppelten Güterverkehr haben. Wie soll das funktionieren? Grundvoraussetzung: Ich brauche Schiene. Es werden immer noch in Größenordnungen Strecken zurückgebaut. Immer noch. Es sind keine Rangierbahnhöfe mehr da. Es fehlt an allem. Alles nur Lippenbekenntnisse."

Die Sorgen um die Zukunft sind nicht vorbei.

Mehr zum Thema

Empfehlungen