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StartseiteHintergrundHitlers Geschenk an Stalin15.06.2015

BaltikumHitlers Geschenk an Stalin

Am 15. Juni 1940 freuten sich viele Litauer über den Einmarsch sowjetischer Soldaten, doch bald verflog die Freude. Denn das Land sowie Estland und Lettland wurden der UdSSR einverleibt. Möglich machten das geheime Zusatzprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt. Die Erinnerung daran ist nicht verblasst - auch wegen des aktuellen Ukraine-Konflikts.

Von Robert Baag

Eine Karikatur von David Low, die Hitler (r.) und Stalin zeigt, nachdem sie ihren Nicht-Angriffspakt unterzeichnet haben. (imago/United Archives)
Eine Karikatur von David Low, die Hitler (r.) und Stalin zeigt, nachdem sie ihren Nicht-Angriffspakt unterzeichnet haben. (imago/United Archives)
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Weiterführende Information

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75 Jahre danach Unterschiedliches Erinnern an den Hitler-Stalin-Pakt

Tallinn: ein Soldatenfriedhof in einem Randbezirk der estnischen Hauptstadt. Düster blickt der bronzene Soldat auf das Meer roter Nelkensträuße zu seinen Füßen.

Ein Junge und ein Mädchen, in olivgrünen Uniformen der sowjetischen Roten Armee, beide an die siebzehn, achtzehn Jahre alt, stehen stramm als Ehrenwachen links und rechts des Denkmals, blicken ernst und ohne eine Miene zu verziehen über die Menschenmenge hinweg, die sich langsam an ihnen vorbeischiebt, um noch mehr Blumen niederzulegen. Man feiert den "Denj Pobedy", den Tag des Sieges, die deutsche Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, vor 70 Jahren, am 9. Mai 1945.

Ein kleiner gemischter Chor, im Halbkreis gruppiert um einen schon etwas betagten Akkordeonspieler, singt mit Inbrunst Lieder, die schon damals, während des Kriegs, populär gewesen sind und die auch heute in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion wenigstens die ältere Generation noch in- und auswendig kennt.

Für wenige Esten ein Gedenktag

Rasch wird klar: Hier ist man unter sich. An diesem speziellen Tag haben sich an diesem Ort nur Angehörige der ethnischen Minderheiten Estlands versammelt - Menschen mit russischen, weißrussischen, vielleicht sogar ukrainischen Wurzeln. Ausschließlich rote Banner mit dem sowjetischen Hammer-und-Sichel-Emblem sowie die russische Trikolore wehen träge im leichten Wind über den Köpfen der Menge. Das Blau-Gelb ukrainischer Fahnen ist übrigens nirgends zu sehen - ebenso wenig wie das Schwarz-Blau-Weiß der estnischen Staats-Flagge. - Kaum verwunderlich: Denn für die allermeisten Esten sind sowjetische Gedenktage schon längst kein Grund mehr zu feiern. Eher im Gegenteil - so wie etwa für die 87jährige Heli Susi, die sich in diesen Tagen nicht an das Kriegsende, sondern vielmehr an den Frühsommer vor 75 Jahren erinnert, an die Zeit Mitte Juni 1940:

"Wir waren auf dem Lande in unserem Sommerheim. Und dann kam der Vater von der Stadt zu uns und sagte: ‚Ja, so ist es. Jetzt ist eine neue Regierung entstanden. Und die Russen sind hier drin.' - Und ich persönlich erinnere mich, dass ich zu heulen anfing. Ich weinte und weinte und weinte..."

Ihr Vater, ein bekannter Tallinner Rechtsanwalt, habe sie rasch auf den Schoß genommen und zu trösten versucht:

"Und ich fragte ihn: ‚Sag mir, Vater: Wird niemals mehr die estnische Republik sein? Ich wusste das mit meinen elf Jahren!"

Estlands Einverleibung in die UdSSR

Estland, und nur wenige Tage zuvor Lettland und Litauen haben ihre nach dem Ersten Weltkrieg errungene, noch kein Vierteljahrhundert währende Unabhängigkeit schon wieder verloren. Bald schon werden sie Sowjetrepubliken sein, Teil der UdSSR unter dem Diktator Josef Stalin. - Die litauische Wochenschau in jenen Tagen zeigt dennoch glücklich winkende Menschen im Zentrum der Hauptstadt Vilnius...
Speziell in Litauen hat es bis zu jenem 15. Juni 1940, dem Einmarsch von Moskaus Roter Armee, nicht wenige Menschen gegeben, die sich von der Sowjetunion keineswegs bedroht fühlen, die eine umfangreiche Verstärkung der sowjetischen Militärbasen nach dem Sieg Hitlerdeutschlands und der Sowjetunion über den ungeliebten Nachbarn Polen zunächst sogar begrüßen. - Vytautas Petkjavitschius ist damals, Mitte Oktober 1939, als junger Pfadfinder einer von ihnen:

"Und auch die litauische Armee samt Militärmusik begrüßte sie, mit Blumen... Das war alles sehr schlaugemacht worden. Erst dann nämlich, als diese gottlose Sowjetisierung von Litauen anfing, da sind die Menschen aufgewacht."

Lange Vorgeschichte der Geheimprotokolle

Hitler und Stalin hatten sich Ende September 1939, nachdem sie Polen bereits unter sich aufgeteilt hatten, noch auf ein zweites geheimes Zusatzabkommen zum sogenannten "Molotow-Ribbentrop-Vertrag" geeinigt: Stadt und Gebiet Vilnius wurden dem litauischen Staat zugeschlagen - und damit ein alter polnisch-litauischer Konflikt vorläufig beendet. Nachdem Litauen Hitlers Ansinnen abgelehnt hatte, eine Art deutsches Protektorat zu werden, bot dieser seinem damaligen Kumpanen Stalin Litauen als eine Art Geschenk an - im Austausch für einen Landstreifen in Ostpolen, den die Wehrmacht bei ihrem schnellen Vormarsch erobert hatte, der aber laut erstem Teilungsprotokoll eigentlich der sowjetischen Besatzungsmacht als Raubbeute zugestanden hätte. Ein Verzicht, der Hitler leicht fiel, weiß der litauische Historiker Algimantas Kasparawicius aus einschlägigen Dokumenten:
"Hitler sagte: Na, soll sich Stalin das doch alles nehmen! Früher oder später schnappen wir uns sowieso das ganze Baltikum. Inzwischen können die Litauer ja ruhig mal ein bisschen probieren wie die sowjetische Herrschaft schmeckt."

Kasparawicius hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass der Inhalt der Geheimprotokolle zum "Molotow-Ribbentrop"- bzw. "Hitler-Stalin-Pakt" eine lange Vorgeschichte habe - und deshalb 1939 keineswegs spontan oder situationsbedingt improvisiert worden sei:

"Die ersten Entwürfe des - wenn man so sagen darf - "Molotow-Ribbentrop-Paktes", mit genau formulierten Aufteilungsüberlegungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion stammen vom November 1925 - belegt durch diplomatischen Schriftwechsel zwischen Moskau und Berlin, zwischen Moskau und Warschau. Der sowjetische Diplomat Sergej Aleksandrowskij hat damals, 1925, notiert: ‚Mittelfristig könnte sich folgende Lage entwickeln: Deutschland bietet uns Estland und Lettland an. - Ganz genauso wie es dann 1939 passiert ist."

Stalin schafft vollendete Tatsachen

Während im Sommer 1940 die deutsche Wehrmacht Richtung Paris marschiert, schafft Stalin im Windschatten dieser Ereignisse in den baltischen Republiken zielstrebig vollendete Tatsachen. Nachdem alle drei Staaten - Estland, Lettland und Litauen - bereits im Spätherbst 1939 Verträge über gegenseitige Hilfeleistung mit Moskau abgeschlossen und der Sowjetunion erlaubt haben, insgesamt rund 75.000 Rotarmisten in ihren Ländern zu stationieren, fordert die sowjetische Führung jetzt ultimativ dort eine noch stärkere Militärpräsenz. Es habe angeblich Vertragsverletzungen gegeben.

Am 14. Juni 1940 verlangt die UdSSR dann die Ablösung der litauischen Regierung sowie die Erlaubnis einmarschieren zu dürfen. - Die litauische Führung beugt sich den Moskauer Forderungen. Und schon tags darauf, am 15. Juni 1940, überqueren 300.000 Rotarmisten die litauische Staatsgrenze und besetzen das Land. Zwei Tage später, am 17. Juni 1940, erleiden Estland und Lettland dasselbe Schicksal.

"Die Situation damals erinnert uns an die sogenannte Volksabstimmung in Krim 2014", vergleicht Ainars Dimants, Vorsitzender des Lettischen Aufsichtsrates für Elektronische Medien, die Rolle Russlands mit dem Ablauf der aktuellen Ukraine-Krise:

"Nach demselben Szenario: zuerst Einrichtung der militärischen Stützpunkte. Das war in Krim auch so, praktisch. Dann kamen diese Leute, die in diesen Stützpunkten waren, auf die Straße plötzlich. Und zusammen mit zusätzlichen Kräften, die dann über die Grenze noch zusätzlich hineinkamen - Das sogenannte Kontingent war ja größer als die Zahl der Soldaten der lettischen Armee."

Wie Hohn muss diese Passage eines damals gerade populären, im holzschnittartigen Stil des sowjetischen "SozRealismus" gedrehten Spielfilms in den Ohren der erpressten Balten geklungen haben: Die Helden des Streifens, patente Kolchos-Traktoristen allesamt, versichern sich gegenseitig in schmissigem Wechselgesang, dass sie niemals fremden Boden fordern, aber auch - in den Kampf entsandt vom Genossen Stalin - keinen Zoll der eigenen Erde aufgeben würden...

Nur wenige Wochen später werden in allen drei baltischen Staaten sogenannte "Parlamentswahlen" angesetzt und dabei Kandidaten ohne echte Alternative aufgestellt. Nach deren programmiertem Sieg rufen sie Ende Juli 1940 als neue Staatsform jeweils die "Sozialistische Sowjetrepublik" aus und bitten anschließend um Aufnahme in die UdSSR. Ein Anliegen, dem der Oberste Sowjet, das Unionsparlament in Moskau, Anfang August 1940 gerne nachkommt.

"Wenn jemand gesagt hätte: Das war eine Okkupation! - Der hätte ganz mächtige Probleme."

Russischsprachige Minderheit redet von Freundschaft

Und zwar während der gesamten Sowjet-Ära, noch bis kurz vor dem Zusammenbruch der UdSSR im Dezember 1991, erinnert sich der schon nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Publizist Antanas Gailius. Viele der weiterhin in den baltischen Republiken lebenden Angehörigen der russischsprachigen Minderheiten lehnen solch eine Sichtweise allerdings brüsk und unbeirrt ab. Und zwar keineswegs nur - wie etwa hier im lettischen Riga - Vertreter der älteren Generation, die vielleicht bloß der untergegangenen Sowjetunion ihrer Jugendzeit nachtrauern:

"Es gab keine Okkupation!"
"Komisch, früher hat kein Mensch von irgendeiner Okkupation geredet. Dieses Lied singt man erst seit Kurzem: Okkupation! Okkupation!"
"Was für eine Okkupation?! Alle haben normal und in Freundschaft zusammengelebt. Und niemand war irgendwo ‚okkupiert'!"

"Es begann ziemlich schnell schon mit den Verhaftungen, im Juni. Im Juli waren die ersten Erschießungen. Diese Zeiten, 1940 bis 1941, ebenso wie nach 1944 wieder - es war ein Albtraum, von dem man nicht erwachen konnte."

Freiheitsdenkmal in Riga (Lettland) (Robert Baag)Freiheitsdenkmal in Riga (Lettland) (Robert Baag)

Repressionen, Deportation und Erschießungen

Erinnert sich - diametral entgegengesetzt - die 87-jährige Zeitzeugin Heli Susi. Kaum habe sich im Sommer 1940 die Sowjetmacht im Baltikum - in ihrem Fall im estnischen Tallinn - eingerichtet, hätten die gezielten Repressionen der Moskauer Okkupationsbehörden auch schon begonnen:

"Dann sammelte man die Wirtschaftselite. Auch natürlich irgendwie bekannte Namen, Kollegen von meinem Vater, Rechtsanwälte und Richter. Etwa 20.000 Menschen wurden deportiert. Von den Menschen, die 1941 deportiert wurden, kamen etwa 15 bis 20 Prozent zurück. Und es gab Massenmorde: In einem Jahr, 1940 bis 1941, haben wir alles in allem 60.000 Menschen verloren - durch Erschießungen, Verhaftungen, Deportierungen, Mobilisation. So sind die amtlichen Zahlen."

Dieses eine Jahr des Terror-Regimes, orchestriert von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD, genügt den Menschen im Baltikum völlig, um nach dem 22. Juni 1941, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, damit also auch auf ihre von Stalin einverleibten Heimatländer, in der vorrückenden Wehrmacht vor allem eine "Befreier-Armee" zu sehen - so wie dies zur gleichen Zeit ebenso in den kurz zuvor noch sowjetisch besetzten Teilen Ostpolens und der Westukraine geschieht.
Ein Tabuthema in der Sowjetunion nach 1945 - inzwischen aber international unbestritten:

"Ein Jauchzen! Jetzt kommen die Deutschen und werden Schluss machen mit diesem Albtraum! Der Vater natürlich war skeptisch. Er sagte: Die Russen sind schlimm. Die Deutschen sind auch schlimm. Aber sie sind geschickter als die Russen. Der Vater erinnerte sich gerade an diese Zeit, 1918, als er im Befreiungskrieg kämpfte."

"Es ist gut, dass die russischen Historiker, na, zumindest anerkennen, dass Lettland zwangsmäßig in die Sowjetunion einverleibt wurde..."

Unterschiedliche Wahrnehmung unter Historikern

Beschreibt der Rigaer Geschichtsdozent Janis Keruss den gegenwärtigen Stand der einschlägigen russisch-lettischen Historiker-Debatte, schränkt dann aber beinahe mitfühlend ein:

"Wir können in dieser politischen Situation nicht erwarten, dass die russischen Historiker die "Besatzung" anerkennen. Na, also: Putins Regime, diese Geschichtspolitik. Die Mehrheit der russischen Historiker erkennt das nicht als "amoralischen Akt"' an."

Charakteristisch eine Szene im Moskauer Kreml - vor exakt fünf Jahren: Eine estnische Journalistin schafft es während einer Pressekonferenz bei Wladimir Putin - damals zwischenzeitlich russischer Ministerpräsident - mit einer simplen Frage eine äußerst gereizte Reaktion auszulösen:

"Warum fällt es Ihnen so schwer zu sagen: 'Entschuldigt uns für die Okkupation Eures Landes?' - Denn wenn Sie das sagen würden, könnten wir sehr leicht miteinander leben."

Wladimir Putin:
"Vielen Dank für Ihre Frage. Sie kommt mir wie gerufen. Nehmen Sie bitte die Erklärung des Kongresses der Volksdeputierten aus dem Jahr 1989 zur Hand: Sie verurteilt den Molotow-Ribbentrop-Pakt und bewertet ihn als rechtlich gegenstandslos. Dieser Pakt hat nicht die Meinung des Sowjet-Volkes wiedergegeben, sondern ist eine persönliche Angelegenheit zwischen Stalin und Hitler. - Was kann man denn noch genauer und klarer zu dieser Frage sagen?! Oder wollen Sie vielleicht, dass wir das jetzt jedes Jahr machen?! Wir finden, dass diese Frage abschließend behandelt und beendet ist. Wir werden das nicht mehr aufgreifen. Wir haben das e i n m a l gesagt. Das reicht!"

Putin vertritt eine andere Wirklichkeit

Putin kehrt sogleich den Spieß um und setzt mit seiner de-jure-Version der de-facto-Annexion der drei Ostsee-Staaten sogar noch eins drauf:

"Wenn 1939 die baltischen Republiken in den Verband der Sowjetunion eingetreten sind, dann konnte die Sowjetunion diese Länder im Jahr 1941(!) gar nicht okkupieren, weil sie Teil der Sowjetunion waren. Vielleicht war ich mal kein besonders guter Jura-Student, weil ich in meiner Freizeit viel Bier getrunken habe. Aber an so manches von damals kann ich mich noch erinnern. Wir hatten gute Lehrer..."

Die bisher frischeste Interpretation des Hitler-Stalin-Pakts aus dem Mund des russischen Staatsoberhaupts ist gerade einmal einen Monat alt, öffentlich vorgetragen am 10.Mai während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Moskau, aus Anlass des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa:

"Für die Sicherheit der Sowjetunion war dieser Pakt sinnvoll!"

Der russische Präsident Wladimir Putin (l.) und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel 2014 bei den Feiern im Rahmen des 70. Jubiläums des D-Days, der Landung der Alliierten in der Normandie in Frankreich. (picture alliance / dpa / Metzel Mikhail)Der russische Präsident Wladimir Putin leugnet, dass die Sowjetunion in das Baltikum einmarschiert ist. (picture alliance / dpa / Metzel Mikhail)

Eine bemerkenswerte Rolle rückwärts von Wladimir Putin. Denn: 1988/89, noch während der "Glasnost"-Periode unter dem späteren sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow, hatte dessen enger Berater, der Historiker Alexander Jakowlew, bereits in aller Offenheit kritisiert:

"Da ist gesagt worden, dass die Grenzen als Ergebnis dieses Paktes für uns weiter in Richtung Westen verschoben worden seien, sodass wir einfacher Widerstand (gegen die Deutschen)leisten könnten... Aber: Es gab ja gar keine richtige neue Grenze! Die ist doch überhaupt nicht befestigt worden! Nur die alte Grenze, die hatte man schon mal gleich abgebrochen. - Kurz: Die Deutschen sind bald darauf, 1941, innerhalb von nur drei Tagen, glaub' ich, durchs Baltikum einfach durchmarschiert... Diese neue Grenze hat sich also einfach als unnütz erwiesen."

Eine sich auch aus solcher Erkenntnis speisende umfassende Kritik an dem inzwischen wieder als "großen Feldherrn und Manager" gelobten Stalin wird man in den heutigen russischen Schulbüchern für den Geschichtsunterricht nicht finden. Dabei waren schon 1988, vor mehr als einem Vierteljahrhundert, im Endstadium der UdSSR, Historiker wie das sowjetische Akademie-Mitglied Wjatscheslaw Daschitschew mit ihrem Urteil über den Hitler-Komplizen Stalin wesentlich weiter und geradezu schonungslos:

Baltische Neutralität wurde zum Verhängnis

"Durch diesen Pakt hat er eigentlich Hitler erlaubt, den Zweiten Weltkrieg unter den günstigsten Bedingungen zu entfesseln. Und darin sehe ich nicht nur die Mitschuld, sondern auch das Verbrechen Stalins."

Kaum verwunderlich deshalb, dass als Reaktion auf die jüngsten geschichtspolitisch motivierten, relativierenden Äußerungen höchster russischer Offizieller der lettische Historiker Janis Keruss - stellvertretend für die meisten seiner baltischen Fachkollegen - den politischen Eliten in Lettland, Litauen und Estland dringend empfiehlt die Lehren aus den Ereignissen vor 75 Jahren für die Gegenwart entsprechend zu beherzigen und umzusetzen:

"Die baltischen Länder gehörten zu keinen Bündnissen im Jahre 1940 und haben versucht Neutralität zu bewahren. Sie waren sehr entgegenkommend der Sowjetunion gewesen, schon am Ende der 1930er-Jahre. Aber das hat uns nicht beschützt und deshalb diese Zugehörigkeit zur NATO wird schon als eine sehr wichtige Sicherheitsgarantie empfunden."

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