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StartseiteHintergrundBanges Warten auf den Papst09.05.2009

Banges Warten auf den Papst

Katholiken in Israel sind unsicher ob der Besuch ihres Oberhaupts sinnvoll ist

Papst Benedikt XVI. besucht Israel - offiziell deklariert als Pilgerreise. Sein Besuch schürt Erwartungen aller Religionsgruppen - man denke an die Kontroverse um die Aufnahme des Holocaust-Leugners Williamson. Auch die Katholiken im Land - ohnehin weitgehend isoliert - sind nicht sicher ob der Sinnhaftigkeit der Visite.

Von Clemens Verenkotte

Papst Bendedikt XVI. bei seiner wöchentlichen Generalaudienz (AP)
Papst Bendedikt XVI. bei seiner wöchentlichen Generalaudienz (AP)
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Jerusalem: Im christlichen Viertel der Altstadt setzen um kurz vor Zwölf die Kirchenglocken ein – das vielstimmige Geläut dringt durch die engen, verwinkelten Gassen, eine schon warme Frühlingssonne steht am wolkenlosen Himmel. Unbeeindruckt von den traditionellen Klängen der christlichen Religionsgemeinschaften setzen Anwohner, Händler, Passanten und Touristen ihr Tageswerk fort:

In der Via Espaniol, dem spanischen Weg, betreibt Sisil Deabes ihren kleinen Lebensmittelladen. In dem fensterlosen Raum hängt über der mit Nudelpackungen, Saftflaschen, Tomatendosen und Schokoladentafeln zugestellten Verkaufstheke ein Bildnis des Heiligen Georg, daneben eine in grell-bunten Farben gehaltene Marien-Darstellung. Sisil ist Katholikin und lebt seit über 30 Jahren hier im christlichen Viertel. Die verwitwete Palästinenserin stammt aus dem Westjordanland, ihre beiden Schwestern und deren Familien wohnen in einem kleinen Dorf bei Jenin. Nahezu täglich besucht die 60-jährige Frau den Gottesdienst in der Franziskaner-Kirche, die nur wenige Schritte von ihrem Haus entfernt liegt. Welche Bedeutung der Besuch von Papst Benedikt für sie hat? Die kleinwüchsige Altstadtbewohnerin gibt desillusioniert zurück:

"Er ist willkommen, obgleich jeder neue Papst schlimmer ist als der vorherige. Niemand hilft den Palästinensern wirklich und tut etwas. Wir sind Christen, von Sebaste aus dem Bezirk Jenin. Wir sind römisch katholisch. Wir haben Italien besucht, in Rom haben wir den vorherigen Papst besucht. Ich habe dort gebetet, und wir redeten mit dem Papst. Er kam nach Jerusalem und er kam auch in unsere Kirche, in der ich arbeite, er schüttelte Hände - aber er tat nichts. Er war nutzlos. Die Israelis, die bekommen von niemandem etwas zu hören."

Vielen Jerusalemer Christen ist der Aufenthalt von Papst Johannes Paul II. in ihrer Stadt noch in guter Erinnerung – im März 2000, als die politischen Vorzeichen noch ganz andere waren, als es den Anschein hatte, als ob es tatsächlich eine Verhandlungslösung des israelisch-palästinensischen Konflikts geben würde, ein Ende der Besatzung, ein Ende der – wie Sisil Deabes es formuliert – ständigen Angst. Dieses Gefühl sei unter den Christen in der Altstadt absolut vorherrschend:

"Es ist schwer, weil man in Angst lebt, wohin man nur geht. Man lebt immer in dieser Angst. Das ist eine schlimme Erfahrung. Obgleich hier viele Juden an meinem Laden vorbeikommen - sie scheren nicht um mich, und ich nicht um sie. Ich lebe seit 30 Jahren in Jerusalem, aber jetzt ist die schlimmste Zeit. Vor allem, wenn ich in die Westbank gehe, dann sieht man es, an den Straßensperren und den Lebensbedingungen. Vielleicht ist es heute ein bisschen weniger als vor einem Jahr, aber bis heute halten sie uns manchmal bis Mitternacht fest, selbst am Weihnachtstag. Wir wollen an die heiligen Stätten kommen und uns frei bewegen. Wir können uns nicht frei bewegen."

Unterstützung, vor allem moralische Unterstützung erwarten Jerusalemer Katholiken wie Sisil von Papst Benedikt, wenn er am 11. Mai in der Stadt eintreffen wird. Er müsse ihre eingeschränkten Lebensbedingungen ansprechen, ihre Existenzsorgen, ihre Furcht vor der Zukunft, er müsse reden über Gerechtigkeit und Frieden, über ihre Rechte. Auf den Einwand, dass Papst Benedikt XVI. nicht als Politiker, sondern als Pilger komme, gibt Sisil zurück:

"Er sollte was sagen, er sollte sich erklären, wegen seines Amtes und weil er der Papst ist. Wir können nicht als Palästinenser immer leiden - das ist nicht zu akzeptieren. Wir Palästinenser sind ein totes Volk - gehen Sie in die Westbank!"

Inzwischen haben in der Jerusalemer Altstadt die Mittagsgebete der Muezzin die Kirchenglocken abgelöst. Gläubige betreten durch die offene Eingangstüren die Moscheen; der gewohnte akustische Gleichklang der verschiedenen Religionen beherrscht den Tagesablauf. Nur zwei Seitenstraßen von Sisils kleinem Einzelhandelsladen entfernt hat die Maronitische Kirche ihre Jerusalemer Dependance – das sorgsam restaurierte Gebäude, in dem bis Ende des 19. Jahrhunderts das Habsburger Reich seine diplomatische Vertretung in der Stadt hatte, dient heute vor allem als Pilgerhaus mit knapp 30 schmucken Zimmern. Die Maroniten, eine der größten und ältesten christlichen Religionsgemeinschaften im Nahen Osten mit Hauptsitz im Libanon, erkennen den Papst als ihr Oberhaupt an. Hier in Jerusalem, so erklärt der Sekretär des maronitischen Exarchats Dr. Sobhy Makhoul, hätten die christlichen Gemeinden übereinstimmend eine nur sehr geringe Erwartungshaltung an die Visite von Papst Benedikt:

"Wir erwarten nicht sehr viel von diesem Besuch, obgleich Sie den Enthusiasmus sehen. Aber das ist kein Vergleich zu der Begeisterung, als Johannes Paul II. hier war. Auch wenn man es mit den Reservierungen hier vergleicht, den Pilgern, den Gruppen, das ist kein Vergleich zu 2000. Es gibt nicht viele Erwartungen, und außerdem sehen wir nicht, dass es für die christliche Präsens im Heiligen Land positive Ergebnisse geben wird, weil es vor dem Besuch keinen Abschluss der Verträge gab. Diese müssen durch die Knesset und da gibt es ein großes Fragezeichen - bis heute. Die Israelis helfen nicht sehr. Wenn wir über die Nonnen sprechen, vor allem diejenigen, die aus dem Libanon kommen, mit deren Rechtsstatus - sie bekommen nicht die Visa für die mehrfache Ein - und Ausreise, - und das passiert vor dem Papstbesuch. Daran kann man ablesen, dass es den Israelis ziemlich egal ist."

Vor zwei Jahren, so berichten katholische Amtsträger in Jerusalem übereinstimmend, habe Papst Benedikt XVI. einen Besuch im Heiligen Land von der Ratifizierung des Vertrags über die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Staat Israel durch die Knesset abhängig gemacht. Zwar haben beide Seiten bereits Ende Dezember 1993 die diplomatischen Beziehungen aufgenommen. Das Vertragswerk jedoch, das für den rechtlichen und auch steuerlichen Status der kirchlichen Einrichtungen und ihre Mitarbeiter ausschlaggebend ist, ist jedoch vom israelischen Parlament bis heute nicht ratifiziert. Dass Papst Benedikt im Vorfeld seiner Visite seine zentrale Forderung habe fallen lassen und nicht auf einer Fixierung der juristischen Grundlagen bestanden habe, betrachten Vertreter der katholischen Kirche im Heiligen Land als einen gravierenden Fehler.

Mittagsgebet in der Dormitio Abtei der Benediktiner: Neben einem Dutzend Ordensgeistlichen haben auf den rot gepolsterten Bänken in der Apsis einige Gläubige Platz genommen, die Kirchenbänke sind an diesem Wochentag leer. Die Abtei auf dem Berg Zion, wenige Hundert Meter südlich von den Altstadtmauern Jerusalems entfernt, ist seit über 100 Jahren der Sitz der deutschsprachigen Benediktiner in der Stadt. Pater Jonas, der Prior der Dormitio Abtei, sieht dem Papst-Besuch mit einer Mischung aus Freude und Skepsis entgegen. Als Verwaltungschef der benediktinischen Gemeinschaft kennt er den Lebensalltag der arabischen Christen in Jerusalem und den der palästinensischen Christen in der angrenzenden Westbank aus eigener, langjähriger Erfahrung sehr gut. In dem kargen Besuchszimmer der Abtei beschreibt er die Situation der Christen so:

"Den Christen geht es schlecht im Heiligen Land. Sie können sich nicht frei bewegen, vor allem die in der Westbank, die keinen israelischen Pass haben, sie sind immer wieder darauf angewiesen, dass sie eine Erlaubnis bekommen, und das ist ein - ich sage mal -, ein Spießrutenlauf durch die Behörden, und das macht auch mürbe. Also das kriege ich immer wieder mit."

Auch wenn Papst Benedikt offiziell als Pilger komme, habe seine Visite in jedem Falle auch eine politische Dimension, analysiert der deutsche Ordensgeistliche. Was werde er sagen, etwa wenn er am Dienstag, den 12. Mai zu Füßen des biblischen Ölbergs im Osten der Stadt zu den Gläubigen sprechen werde – angesichts des anhaltenden Baus neuer jüdischer Siedlungen, des beständigen Abrisses arabischer Häuser, des deswegen sehr angespannten Klimas in der Stadt? Pater Jonas von der Dormitio Abtei:

"Unsere Erwartung ist auch - und ich denke, da sind wir als Benediktiner nicht alleine, auch die anderen christlichen Denominationen, vor allem der lateinischen Kirche, der Gruppierungen, dass er auch den Politikern hier im Lande eine Friedensorientierung gibt und vielleicht auch in mancher Hinsicht auch kritisch anmerkt, so kann es zum Frieden kommen."

Beit Jala im palästinensischen Bezirk Bethlehem: Die Glocken der Kirche des katholischen Priesterseminars – des einzigen im Heiligen Land - kündigen die Abendmesse an. Hier, im 16.000 Einwohner großen Vorort von Bethlehem, stellen die Christen noch die Bevölkerungsmehrheit - in dem von hohen, grauen Betonmauern eingeschlossenen Gouvernement Bethlehem leben die meisten der rund 50.000 palästinensischen Christen. Der Gottesdienstbesuch ist vielen hier eine Selbstverständlichkeit, zum gemeinsamen Beten des Kreuzweges kommen an diesem späten Freitagnachmittag in der Fastenzeit schätzungsweise 150 bis 200 Gläubige:

Mit sehr gemischten Gefühlen sehen palästinensische Katholiken dem Besuch des Papstes entgegen. Nach Beginn der israelischen Militäroperation im Gaza-Streifen, die hier nur der "Krieg gegen Gaza" genannt wird – hätten alle führenden Kirchenvertreter, angefangen vom lateinischen Patriarchen von Jerusalem bis hin zu den Ortspfarrern, es für ausgeschlossen gehalten, dass Benedikt XVI. eine Einladung des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres annehmen und nach Israel reisen würde. Die Christen im Heiligen Land – circa 200.000 Menschen in Israel, Jerusalem, der Westbank und Gaza – hätten es sich nicht vorstellen können, dass der Papst dennoch habe reisen wollen. Der Leiter des katholischen Priesterseminars in Beit Jala, Monsignore William Shomali, beschreibt seine widersprüchlichen Gefühle ganz offen – einerseits sei er über die Nachricht froh gewesen, dass das Kirchenoberhaupt komme, keine Frage. Sein zweites Gefühl jedoch nach der Ankündigung des Vatikans, die Einladungen ins Heilige Land anzunehmen, sei negativ gewesen, denn:

"Der Heilige Vater wurde nach seiner berühmten Rede in Regensburg in Deutschland von muslimischen Ländern heftig kritisiert. Ihm wurden einige Attribute gegeben, als ob er fundamentalistisch sei, intolerant sei, nicht ein Mann des Dialogs. Einige Leute sagten sogar, er sei antimuslimisch. Ich bin mir sicher, dass diese Attribute übertrieben sind, aber sie waren spontane Reaktionen auf seine berühmte Konferenz."

Mehrmals habe er nach der päpstlichen Vorlesung in Regensburg im September 2006 den Papst öffentlich vor muslimischen Zuhörern verteidigen müssen, berichtet der Leiter des Priesterseminars. Er habe ihnen in Erinnerung gerufen, dass es Papst Johannes Paul II. gewesen sei, der 1982 als Erster den damals von Israel und dem Westen als Terroristen klassifizierten Palästinenser-Chef Jassir Arafat im Vatikan empfangen habe. Man könne die Katholische Kirche nicht auf der Grundlage allein eines Zitats aus einer Rede, gehalten von einem Papst, beurteilen, wie er gegenüber muslimischem Publikum plädiert habe. – Als während des Gaza-Krieges keine eindeutigen Erklärungen aus dem Vatikan gekommen seien, so der Monsignore, hätten sich viele Palästinenser ihre Meinung über Benedikt XVI. gebildet:

"Viele Leute fingen an zu sagen, der Heilige Vater ist pro-israelisch, weil er jede Woche Juden in seinem Palast im Vatikan empfängt, und ihnen gegenüber gute Erklärungen abgibt. Warum hat er keine eindeutigen Statements abgeben, als es den Krieg in Gaza gab? Wir hatten also Angst, dass der Zeitpunkt des Besuchs schlecht sein könnte."

Diese Sorgen der Ortskirche nahmen noch deutlich zu, als der Vatikan dann Ende Januar vier fundamentalistische Bischöfen der Pius-Bruderschaft in die Katholische Kirche wieder aufnahm – einschließlich des britischen Bischofs Richard Williamson, der den Holocaust in Abrede stellte und damit in Israel - und nicht nur dort - für blankes Entsetzen sorgte. Tagelang dominierte Williamson die internationalen Schlagzeilen, die umständlichen publizistischen Rettungsversuche des Vatikans stießen hierzulande auf Zorn und Ablehnung. Kein geeignetes Klima für eine Papst-Entscheidung, jetzt nach Israel zu reisen. Die Ortskirche entsandte eigens eine eigene Delegation nach Rom, mit der Botschaft: Der Papst möge bitte nicht kommen, die Zeit sei einfach nicht die richtige für eine derartige Visite, selbst nicht für eine Pilgerfahrt. Monsignore Shomali zu den Befürchtungen der Katholiken im Heiligen Land:

"Dieser Besuch könnte von einer Seite ausgenutzt, instrumentalisiert werden gegen die andere Seite, und diese Gerüchte können auch der christlichen Gemeinschaft hier Schaden zufügen. Also sagten wir, wenn zu 50 Prozent die Chance besteht, dass dieser Besuch wegen der Vorurteile gegen den Papst den Christen Schaden zufügt, ist es besser, dass er nicht kommt. Wenn die Wahrscheinlichkeit bei fünf oder zehn Prozent liegt, ist das in Ordnung. Aber bei 50 Prozent wird es zum Risiko."

Pfarrer Faysal Hijazen sitzt in der Küche seines Pfarrhauses in Beit Zahour, dem zweiten weitgehend christlich geprägten Vorort von Bethlehem – seine Haushälterin brüht Teewasser auf und reicht den Gästen Plätzchen. Der katholische Geistliche, der aus der Region stammt, ist vor vier Jahren von Jordanien hierher nach Beit Zahour versetzt worden und leitet seitdem die Gemeinde der Kirche "Unsere Frau von Fatima". Er blickt zurück auf die vergangenen Monate. Schon lange habe es ja geheißen, dass Papst Benedikt kommen würde:

"Zunächst gab es Gerüchte, dass er kommen würde, im Dezember, Januar, Februar gab es Gerüchte. Aber wegen des Krieges in Gaza sagten wir: Wir hoffen, dass er nicht kommt, weil wir Angst vor der Situation hatten, dass wir nicht in der Lage sein würden, den Papst zu empfangen - vor allem während des Krieges."

Bei Pfarrer Hijazen herrscht – wie bei die meisten katholischen Geistlichen in Bethlehem – inzwischen eine gehörige Portion Zweckoptimismus vor: Die Christen hier müssten dem Heiligen Vater trotz ihrer Bedenken einen großartigen Empfang bereiten, die Visite in der eingemauerten Geburtsstadt Jesu müsse zu einem Erfolg werden. Wir haben das Beste jetzt daraus zu machen, wie die katholischen Geistlichen in Bethlehem ihren Auftrag formulieren. Wenn sie schon nicht auf erkennbare Veränderungen ihrer desolaten Lebensumstände hoffen könnten, dann würden sie von Benedikt XVI. zumindest Worte der Ermutigung, des Verständnisses und der Hoffnung erwarten.

"Als er endgültig ankündigte, dass er kommen würde, waren wir froh. Wir waren froh, weil wir wissen, dass der Papst hier über Gerechtigkeit und Frieden sprechen wird, für die Menschen in der Region, für alle Menschen, die hier wohnen, Palästinenser und Israelis, für jeden, der hier lebt."

Die rund 200.000 Christen in Israel und den palästinensischen Gebieten, sind stolz darauf, allen politischen und gesellschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz an ihrem Glauben und an ihrer Präsens im Heiligen Land festgehalten zu haben. Sie ahnen, dass sie von der päpstlichen Visite in ihrer Heimat – Benedikt XVI. wohl schwierigste seit Beginn seines Pontifikats – allenfalls auf Worte der Ermutigung und Bestärkung hoffen können, auf mehr allerdings auch nicht. Die Hoffnung der Katholiken – wie hier in Beit Jala bei Bethlehem – richtet sich vielmehr darauf, dass der Papst durch den eigenen Augenschein ihrer Lebensumstände nach seiner Rückkehr in den Vatikan dann deutlicher als bislang für ihre Anliegen eintritt.

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