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StartseiteUmwelt und Verbraucher623 Kilometer Kabel für Stromaustausch mit Norwegen10.12.2019

Bau von NordLink623 Kilometer Kabel für Stromaustausch mit Norwegen

Ein Kabel auf dem Meeresboden: Mit NordLink entsteht derzeit eine Stromverbindung zwischen Deutschland und Norwegen. Durch die 600 Kilometer Kabel soll Windstrom aus Deutschland nach Norwegen fließen. Denn noch kann Ökostrom nicht immer genutzt werden - und das kostete zuletzt knapp 1,5 Milliarden Euro im Jahr.

Von Johannes Kulms

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Das Endstück eines Seekabels wird von dem Kabelverlegeschiff "Boka Connector" im Watt unter dem Deich hindurch an Land gezogen. (picture alliance / Carsten Rehder / dpa)
623 Kilometer lang ist das Kabel, das Strom von Deutschland nach Norwegen bringen soll - und umgekehrt (picture alliance / Carsten Rehder / dpa)
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Etwa 500 Menschen leben in Averlak, einem kleinen Dorf im Süden von Dithmarschen. Früher gab es hier eine ganze Reihe von Geschäften und Kneipen. Doch die sind längst verschwunden. Immerhin: die Diskothek "For.You" mit Saalbetrieb ist noch da. "10 Gründe bei uns zu feiern", verkündet dort eine Werbetafel. Nur ein paar Schritte weiter sind zwei Dorfbewohner in ein Gespräch vertieft - ein 70-Jähriger und ein 90-Jähriger. Dass der 70-jährige frühere Metzger die Energiewende abfeiert, lässt sich nicht gerade behaupten…

"Das ist alles Verarscherei in meinen Augen."

Am besten wäre es, die deutschen Atomkraftwerke einfach weiterlaufen zu lassen, meint er. An die 3.000 Windräder drehen sich in Schleswig-Holstein. Der strukturschwache Landkreis Dithmarschen an der Nordseeküste ist voll mit ihnen. Doch die Technologie bringe nicht viel, meint der 90-jährige frühere Müller aus Averlak: "Das ist eine saubere Energie. Bloß die drehen und der Strom geht nicht weg." "Die wissen nicht wohin mit dem Strom. Das geht bis hier und dann ist Schluss."

Bei Windflaute in Deutschland soll norwegischer Strom in den Süden geliefert werden

Knappe 1,5 Milliarden Euro wurden zuletzt jedes Jahr in Deutschland für nicht genutzten Ökostrom gezahlt. Denn noch immer fehlen die Leitungen, um zuverlässig den überschüssigen Strom ins Netz einzuspeisen, wenn gerade mal wieder besonders viel Wind weht und Sonne scheint. Auch die Speichertechnologie ist noch nicht so weit, dass sie die Menge auffangen kann.

Etwas Abhilfe schaffen soll das Projekt "Nordlink" – ein 623 Kilometer langes Kabel, das in einem knappen Jahr Deutschland und Norwegen verbinden wird. Die Idee ist simpel: Überschüssiger Strom aus Deutschland wird nach Skandinavien geschickt und dort ins Netz eingespeist. Herrscht in der Bundesrepublik dagegen Windflaute können die Norweger aus den unzähligen Wasserkraftwerken grünen Strom in den Süden schicken.

Der Großteil von Nordlink ist bereits unter dem Meeresboden verlegt. Nur wenige Kilometer von Averlak entfernt lässt sich an diesem Vormittag eine weitere Etappe beobachten. Hier bei Brunsbüttel soll das Kabel unter dem Nord-Ostsee-Kanal durchgeführt werden. Marco Heusel ist Projektleiter bei Tennet. Der Netzbetreiber ist zusammen mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau, KfW, auf deutscher Seite an dem zwei Milliarden Euro teuren Vorhaben beteiligt.

"Wir sind hier relativ glücklich, wir haben hier relativ sandige Böden und hatten in der Pilotbohrung auch keine Schwierigkeiten gehabt."

Die Verlegung der beiden Stromkabel unter dem Nord-Ostsee-Kanal sei ein Meilenstein für das Projekt, sagt Heusel.

"Also, das ist hier schon ein Highlight, das sind auch Bohrgeräte, die stehen hier nicht im Regal, die müssen Sie also reservieren, dass Sie die bekommen."

Meereskabel soll 3,6 Millionen deutsche Haushalte mit Strom versorgen können

Die Pilotbohrungen sind bereits fertig. Zwei 560 Meter lange Tunnel mit jeweils 35 Zentimetern Durchmesser wurden dafür unter dem Nord-Ostsee-Kanal gebohrt. Gerade ist die riesige grüne Maschine in ihrer nächsten Phase, zieht dafür eine lange Metallstange nach der anderen aus einer kleinen grauen blubbernden Grube heraus. Hierdurch werden die gebohrten Tunnel noch einmal einige Zentimeter breiter, anschließend werden zwei Stahlrohre über die kompletten 560 Meter eingezogen, durch die dann im Januar bzw. Februar 2020 die Kabel laufen werden. Eines mit dem Plus-, das andere mit dem Minus-Pol.

Für NordLink-Kabel unter dem Nord-Ostsee-Kanal kommen riesige Bohrmaschinen zum Einsatz (Johannes Kulms/Deutschlandradio)Für NordLink-Kabel unter dem Nord-Ostsee-Kanal kommen riesige Bohrmaschinen zum Einsatz (Johannes Kulms/Deutschlandradio)

Rund 90 Prozent seiner Energie gewinne Norwegen durch die Wasserkraft, sagt Tennet-Sprecher Mathias Fischer. Ob das Königreich demnächst Deutschlands überschüssigen Windstrom durch NordLink abnimmt, hänge auch vom Strommarkt ab.

"Die Norweger werden auch in den Zeiten, in denen sie besonders viel Strom brauchen, Windenergie importieren. Weil sie dann einfach auch durch günstige Preise Geld sparen können. Es ist also so, dass Norwegen auch viel Strom braucht und auch viel längere Winter und Dunkelphasen hat als Deutschland. Und zum anderen ist es auch so, dass die Norweger auch nicht immer so viel Wasser haben. Da gibt es dann Phasen, da sind die Stauseen dann relativ leer aber die Industrien und die Verbraucher in Norwegen brauchen Strom. Und so erwarten wir, dass eine ganze Menge von dem Strom von Deutschland nach Norwegen exportiert wird."

Wie viel von dem bisherigen "Wegwerfstrom" NordLink künftig aufnehmen wird, können weder Fischer noch das Energieministerium in Kiel sagen. Laut Tennet soll das Kabel eine Kapazität von 1.400 Megawatt haben. Das entspräche 466 Windkraftanlagen zu je 3 Megawatt und reiche aus, um 3,6 Millionen deutsche Haushalte zu versorgen.

Am anderen Ufer des Nord-Ostsee-Kanals liegt parallel zur mächtigen Brunsbüttler Hochbrücke eine rostige Schlange auf dem Marschboden. Es ist das hunderte Meter lange Stahlrohr, das in Kürze unter der Wasserstraße verschwinden wird. Die Stelle wirkt beinahe wie eine Wegscheide der deutschen Energiegeschichte. Denn in Sichtweite erhebt sich in Brunsbüttel nicht nur die Raffinerie. Sondern auch das inzwischen stillgelegte Atomkraftwerk, dessen Rückbau viele Jahre dauern wird. Und dann sind da noch dutzende Windräder, die sich drehen.

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