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StartseiteKommentare und Themen der WocheFehlentwicklungen der Landwirtschaft nicht ignorieren26.11.2019

Bauernproteste Fehlentwicklungen der Landwirtschaft nicht ignorieren

In Berlin demonstrierten tausende Bauern gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung - ein Protest, der aber nur zum Teil berechtigt sei, meint Jule Reimer. Ein Umbau der Landwirtschaft hin zu mehr Schutz der Natur, des Grundwassers, der Stalltiere und des Klimaschutzes sei unausweichlich.

Von Jule Reimer

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Agrarier Niek bereitet sich auf den Bauernprotest vor. Die Bauern wollen unter anderem gegen den Stickstoffansatz der Regierung demonstrieren. (picture alliance / ANP / Siese Veenstra)
Mit Traktoren protestieren Landwirte gegen die Politik (picture alliance / ANP / Siese Veenstra)

Die Landwirte sind sauer und das ist verständlich. Ohne Ackerbau und Viehzucht wären die schönen Kulturlandschaften in Deutschland niemals entstanden. Viele Bauernfamilien – allen voran die Landfrauen – sind mit Herzblut in den Dörfern und Gemeinden aktiv: Ohne ihr ehrenamtliches Engagement würde vom Dorffest bis zur Freiwilligen Feuerwehr vieles nicht funktionieren.

Dass die Agrarproduktion mit der Zeit geht, dass rationalisiert werden muss, dass moderne Ställe anders aussehen als früher und dass auf dem Acker möglichst viele Errungenschaften für eine optimalen Ertrag genutzt werden, ist dabei eine Selbstver­ständlichkeit. Aber: Neben vielen Vorzügen hat moderne Landwirtschaft Fehlentwicklungen hervorgebracht und es hilft niemandem, diese zu ignorieren oder zu leugnen. 

Korrekturen notwendig

  • Beispiel 1: Zu viel Nitrat im Grundwasser. Die wissenschaftliche Bewertung ist eindeutig: Weder in Wäldern noch in Siedlungsgebieten werden so hohe Überschreitungen gemessen wie dort, wo viel Gülle auf Äckern ausgebracht wird.  
  • Beispiel 2: Zu enge Kastenstände für Sauen – übrigens verboten – in Schweineställen, die das Staatsziel Tierschutz verhöhnen.
  • Beispiel 3: Die verhängnisvolle Kettenwirkung bestimmter Insektizide auf die Artenvielfalt.

Nun ja, Insektizide sind dazu da, die Ernte zu sichern und auf dem Acker unerwünschte Insekten zu töten. Wenn aber ihr Einsatz auch Bestäuber wie Bienen erwischt oder Singvögeln die Nahrungsquelle nimmt, dann muss eine Güterabwägung getroffen werden. Nichts anderes tut derzeit die Bundesregierung mit ihrem Agrarpaket zu Insektenschutz und den strengeren Auflagen beim Düngen – und zwar keinesfalls mit dem breiten Hammer, sondern so differenziert, dass es manchem Umweltschützer schon wieder verwässert vorkommt.

Umstrittene Subventionen

Auch wenn dies Funktionäre der Bauernverbände gerne anders darstellen. Wer die Demo heute in Berlin begleitet hat, sollte sich vor Augen halten: "Die Bauern" als homogene Gruppe gibt es nicht, die wirtschaftliche Lage ist von Hof zu Hof völlig unter­schied­lich.

Fünf Milliarden Euro fließen jedes Jahr aus der EU-Kasse in die deutsche Landwirtschaft, Bund und Länder legen noch was drauf. In Berlin fuhren heute kleine und mittelgroße Bauern genauso auf wie durchindustrialisierte Agrarunternehmer.

Die meisten erhalten pro Jahr nur ein paar Tausend Euro aus Brüssel. Die Größeren können auf mehrere zehntausend, manche auf 100.000, 200.000, 300.000 Euro oder mehr zählen. Möglich macht es ein System, in dem die Höhe der Subventionen im Wesentlichen von der Hektarzahl des Betriebes abhängt – ohne dass diese an besondere Umweltauflagen gebunden wären.

Ob dieses System die nächsten acht Jahre so weitergeführt oder umgebaut wird, gar mit Obergrenzen für die Großempfänger: Diese Entscheidung steht in den nächsten Monaten im Europäischen Parlament und zwischen den EU-Regierungen an.

Ein Umbau hin zu mehr Schutz der Natur, des Grundwassers, der Stalltiere und des Klimaschutzes würde dieses Fördersystem zukunftsfähig machen. Im Interesse der Mehrheit der deutschen Landwirte wäre er allemal.

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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