Montag, 17.12.2018
 
Seit 15:35 Uhr @mediasres
StartseiteKalenderblattBauerntölpel oder Machtstratege27.03.2008

Bauerntölpel oder Machtstratege

Vor 50 Jahren wurde Nikita Chruschtschow Ministerpräsident der Sowjetunion

Kaum war Josef Stalin gestorben, begann hinter den Kreml-Mauern der Kampf um die Macht. Fünf Jahre später, 1958, hatte sich Nikita Chruschtschow gegen seine parteiinternen Konkurrenten durchgesetzt. Er wurde Ministerpräsident der Sowjetunion.

Von Ralf Geißler

Nikita Chruschtschow im Jahr 1956. (AP Archiv)
Nikita Chruschtschow im Jahr 1956. (AP Archiv)

Der Westen sah in Nikita Chruschtschow lange einen Bauerntölpel. Er war laut, derb und impulsiv. Doch Chruschtschow wurde von vielen unterschätzt. Zielbewusst baute er seine Macht aus. Die Chance seines Lebens witterte er nach dem Tod seines Förderers Josef Stalin.

"Das Sowjetvolk nimmt Abschied von seinem großen Führer und Lehrer: dem geliebten Stalin."

Noch während der Staatstrauer im März 1953 beginnt hinter den Kreml-Mauern der Machtkampf. Keiner der Funktionäre verfügt über die Autorität, Stalins Nachfolge allein anzutreten. Und so einigen sich die Spitzen der KPdSU auf eine Teilung der Macht. In der "Prawda" ist in diesen Tagen zu lesen:

Die Methode der kollektiven Führung ist das Grundprinzip der Parteiführung.

Chruschtschow erlangt in der neuen Führungsriege nur einen zweitrangigen Posten. Er wird Sekretär im verkleinerten Zentralkomitee der KPdSU. Zum Ministerpräsidenten und ersten Parteisekretär wird Georgi Malenkow berufen. Er hatte Stalin lange Zeit als Privatsekretär gedient. Dennoch kritisiert Malenkow als einer der ersten seinen ehemaligen Ziehvater - im kleinen Kreis.

"Sie müssen wissen Genossen, dass der Personenkult des Genossen Stalin in der täglichen Führungspraxis krankhafte Formen und Ausmaße angenommen hatte."

Innerparteilich hat Malenkow wenig Rückendeckung. Auch die Armeeführung zweifelt an seiner Stärke. So gelingt es Chruschtschow, dem ersten Mann der Sowjetunion einen Posten abzunehmen. Im September 1953 wählt das Zentralkomitee Chruschtschow zum ersten Parteisekretär. Malenkow bleibt nur noch Ministerpräsident. Der BBC-Kommentator Lindley Frazer bewertet das Geschehen im Bayerischen Rundfunk.

"Chruschtschow steht in dem Ruf, nicht so vorsichtig zu sein wie Malenkow, sondern härter, rücksichtsloser als sein Vorgänger. Die Männer im Kreml haben augenblicklich alle Hände voll mit ihrer eigenen Rivalität zu tun und mit der Aufgabe, sich gegen die Bevölkerung zu behaupten."

Zielbewusst baut Chruschtschow seine Position aus. Er beobachtet, wie Malenkow einige Wirtschaftsreformen anstößt. Als dessen sogenannter "Neuer Kurs" nicht das gewünschte Wirtschaftswachstum bringt, greift Chruschtschow ihn öffentlich an. Im Februar 1955 muss Malenkow auch als Ministerpräsident zurücktreten. Das Amt übernimmt Chruschtschow allerdings nicht selbst, sondern Nikolai Bulganin. Die beiden Männer repräsentieren die Sowjetunion fortan gemeinsam. Bei Auslandsreisen treten Bulganin und Chruschtschow meistens zusammen auf.

In dieser Zeit überrascht Chruschtschow die ganze Welt. Er rechnet in seiner Geheimrede mit Stalin ab, lässt die Gefangenenlager öffnen und propagiert die Politik der friedlichen Koexistenz mit dem Westen.

"Wir werden mittels des Beispieles durch einen höheren Lebensstandard, durch einen kürzeren Arbeitstag, werden wir Einfluss nehmen auf die Hirne der Arbeiter aller Länder."

Aber nicht alle Funktionäre finden Chruschtschows Politik gut. Ministerpräsident Bulganin will sich 1957 seines Mitregenten entledigen und plant die Entmachtung Chruschtschows als Parteichef. Doch dieser kann sich die Mehrheit im Zentralkomitee sichern und nun seinerseits Bulganin stürzen. Am 27. März 1958 übernimmt Chruschtschow von ihm das Amt des Ministerpräsidenten. Wie einst Stalin vereint er nun das höchste Partei- und das höchste Staatsamt in einer Person. Dem Westen begegnet Chruschtschow fortan mit deutlichen Worten.

"Der Herr Kennedy weilte hier in West-Berlin. Ich habe gelesen, dass der Herr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika mit sehr großer Unzufriedenheit sich die Mauer betrachtet hat. Die hat ihm ganz und gar nicht gefallen. Aber mir, mir gefällt sie außerordentlich."

Einige Jahre kann Chruschtschow mit der ganzen Machtfülle regieren. Doch seine impulsive Art, die anhaltenden Wirtschaftsprobleme und die gestörten Beziehungen zu China lassen die Zahl der Kritiker in der Sowjetunion wachsen. Und so wird Chruschtschow selbst Opfer der Intrigen innerhalb der KPdSU. Im Oktober 1964 muss er von seinen Ämtern zurücktreten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk