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StartseiteInterview"Das geht dann schon an die Substanz"18.08.2020

Bauernverband zieht Erntebilanz"Das geht dann schon an die Substanz"

Die Landwirte in Deutschland bekommen den dritten trockenen Sommer in Folge zu spüren, auch wenn das Ergebnis in diesem Jahr nicht ganz so schwach wie in den beiden Vorjahren ausfällt. "Trotzdem werden wir ein unterdurchschnittliches Ernteergebnis haben", sagte Bernhard Krüsken vom Bauernverband im Dlf.

Bernhard Krüsken im Gespräch mit Christiane Kaess

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Ernte der Feldfrucht Weizen auf einem Feld bei Goslar in Niedersachsen (imago-images / Martin Wagner)
"Wir sehen kontinuierlich eine Zunahme von Extremwetterereignissen, insbesondere von Frühsommertrockenheit" - Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands (imago-images / Martin Wagner)
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Schon im dritten Jahr hintereinander ist es in Deutschland zu trocken. Tatsächlich sterben Wälder und verdursten Pflanzen auf den Feldern – es scheint weniger schlimm zu sein als im Sommer 2018, aber auch dieses Jahr ist die Natur übermäßig belastet, weil es zu wenig regnet. Das wirkt sich auch auf die Versorgung aus. Die Bauern haben sich Sorgen um ihre Ernte gemacht. Der Deutsche Bauernverband stellt heute seine Bilanz vor. Vorab berichtet Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, dass die deutschen Bauern bei ihren Erträgen weiter unter Schnitt der Jahre vor 2018 sind.

Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, verteilt bei der Aktion "Raus aus der Tierindustrie - Agrarwende für Klimagerechtigkeit jetzt!" der Bewegung "Extinction Rebellion Deutschland" Informationsmaterial über den Klimaschutz.  (dpa/Wolfgang Kumm)Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands (dpa/Wolfgang Kumm)

Christiane Kaess: Ist die Sorge der Landwirte begründet?

Bernhard Krüsken: Ja, natürlich. Der Klimawandel ist gekommen, um zu bleiben, das ist gleich der Satz am Anfang. Wir sehen natürlich in den Ernteergebnissen, die wir in diesem Jahr wiederum zu verzeichnen hatten, ganz klar den Fußabdruck auch des Wetters und der Niederschläge. Wir haben eine relativ große Streuung in den Regionen, und Sie können an den Erträgen ablesen, wie die Niederschlagsversorgung gewesen ist. Das wird auch die Herausforderung für die kommenden Jahre sein, damit umzugehen.

Die Sonne strahlt durch Bäume in einem Waldstück. (imago/A. Friedrichs) (imago/A. Friedrichs) Folgen der Trockenheit - "Dürre entsteht über sehr lange Zeiträume"
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Kaess: Was heißt das, Herr Krüsken, wie fällt dann die Ernte in diesem Jahr aus, was sind die wichtigsten Eckdaten?

Krüsken: Wir machen natürlich gerade noch ein bisschen Feinschliff an den Zahlen. Ich lade Sie ein, nachher um 11 Uhr in den Stream zu gehen, wir bringen das auf Twitter. Aber was man jetzt sagen kann, ist, dass wir den Trend, den wir 2018 und 2019 gesehen haben, dass der nicht ganz so ausgeprägt ist, aber trotzdem wieder hier wir ein unterdurchschnittliches Ernteergebnis haben. Ich wiederhole, das hat natürlich ganz klar mit der Witterung zu tun.

"Bei anderen Kulturen geht es auch in die Richtung"

Kaess: Was bedeutet unterdurchschnittlich, nur damit sich unsere Hörer da ein bisschen konkretere Vorstellungen machen können?

Krüsken: Na ja, wir sind deutlich unter dem Schnitt der Jahre vor 2018, und das ist schon eine deutliche Schrumpfung, zumindest beim Getreide. Bei den anderen Kulturen sehen wir das noch nicht in der Präzision, aber es geht auch in die Richtung.

Kaess: 2018 war die große Zäsur, aber 2019 und auch dieses Jahr fallen nicht mehr ganz so dramatisch aus?

Krüsken: 2018, um das auch noch mal zu sagen, war keine große Zäsur, sondern die Veränderungen, die Landwirte gesehen haben an ihren Erträgen, an der Bestandsführung, an der Wachstumskurve, die sind ja nicht erst seit 2018 da. Wir haben im Grunde in den zurückliegenden Jahrzehnten eine kontinuierliche Verschiebung gehabt. Wir haben auf der einen Seite Vegetationszeit hinzugewonnen, der phänologische Frühling und der phänologische Herbst laufen weiter auseinander, wir haben ungefähr in 30 Jahren 12 bis 13 Tage hinzubekommen. Auf der anderen Seite sehen wir genauso kontinuierlich eine Zunahme von Extremwetterereignissen, insbesondere von Frühsommertrockenheit, und das ist nicht erst seit 2018 so. 2018 war jetzt nur ein Extrem, dass das ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat, aber das ist eine langjährige Entwicklung, und Landwirte spüren und sehen das schon lange und arbeiten auch schon sehr lange damit.

Besonders der Westen von Trockenheit betroffen

Kaess: Wenn wir auf dieses Jahr blicken, wer ist wo am schlimmsten betroffen?

Krüsken: Sie können das an der Niederschlagsverteilung sehen. Was Trockenheit angeht, ist insbesondere der Westen getroffen, dann haben wir die typischen Frühsommer-Trockenheitsregionen in den neueren Bundesländern, insbesondere im Südosten der Republik, aber auch in Nordbayern.

Kaess: Sind das existenzielle Bedrohungen für Landwirte, die Sie daraus ablesen können, also laufen wir wirklich Gefahr, dass Höfe eingehen?

Krüsken: Na ja, wenn Sie sozusagen drei Jahre hintereinander hier Einbrüche haben, dann geht das schon an die Substanz. Wir sprechen heute über die Getreideernte, aber wir müssen auch über den klassischen Ackerbau hinaus sehen, denn wer ist im Grunde auch schon den Sommer über auf Aufwuchs angewiesen – das sind die Futterbaubetriebe, das sind die Rinderhalter. Die sind ja ohnehin in einer ökonomisch immer etwas angespannten Situation, und das ist dann schon etwas, das an die Substanz geht.

Alleebäume bilden den einzigen grünen Farbtupfer zwischen trockenen, abgeernteten Feldern (aufgenommen mit einer Drohne). (dpa-Bildfunk / Jan Woitas) (dpa-Bildfunk / Jan Woitas) Erntebilanz 2019 - Bauernverband beklagt Ernteausfälle
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Kaess: Jetzt haben Sie es selber gesagt, der Klimawandel steckt hinter dieser Dürre, und die Kritiker sagen jetzt, die Landwirtschaft ist Mitschuld an der Dürre, weil sie zu wenig nachhaltig wirtschaftet.

Krüsken: Na ja, das ist eine ziemlich pauschale Zuspitzung, kann ich natürlich so nicht stehen lassen. Wir sind ja in der klassischen Dreifachrolle als Landwirtschaft: Wir sind Teil der Lösung erst mal, das muss man vorab sagen, denn wir leisten ja als Sektor, wenn Sie alles zusammennehmen, im Großaufbau erneuerbare Energien, Kohlenstoffbindung auch einen Beitrag zur Einsparung von Treibhausgasemissionen. Da sind wir natürlich Betroffene, das ist der zweite Teil dieser Rolle, und das sehen wir in diesen Tagen erneut, und natürlich macht Landwirtschaft auch selber Emissionen, das ist richtig. Aber ich glaube, Landwirtschaft in Deutschland steht im Vergleich zu anderen Regionen der Welt, was die Treibhausgasbilanz angeht, relativ gut da. Das ist ein Standortvorteil, den können wir gut nutzen. Ich will noch mal dran erinnern, dass auch die Klimakonferenz in Paris, COP 23, schon sehr unmissverständlich und im Konsens aller Beteiligten, die am Tisch saßen, festgestellt hat, dass es eine emissionsfreie Lebensmittelerzeugung nicht geben kann, weil wir greifen in diese Systeme ein, und wir werden immer einen bestimmten Grad an Treibhausgasemissionen haben …

"Verdonnert, mit den Standortbedingungen zu arbeiten"

Kaess: Ja, Herr Krüsken, da muss ich mal kurz einhaken, denn da gibt es ja doch große Unterschiede zwischen den verschiedenen Höfen und wie produziert wird. Es kommt immer wieder der Vorwurf, die Bauern müssten einfach selber umsteuern – einige tun das auch und diversifizieren bei ihrem Anbau auch viel stärker als andere. Es gibt auch Druck, zum Beispiel aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium von Julia Klöckner, die glaubt, dass es die Pflicht ist der Bauern, auch das Risikomanagement gegen die Wetterextreme selber vorzunehmen und sich da anzupassen. Es gibt sogar eine Ackerbaustrategie des Bundeslandwirtschaftsministeriums, die ist allerdings noch nicht in Kraft, weil sie zu umstritten ist. Da geht es unter anderem zum Beispiel auch um mehr Vielfalt beim Anbau, um eben dem Klimawandel entgegenzuwirken, und da kommt gerade von Ihrem Verband, dem Deutschen Bauernverband, Widerstand. Da heißt es, das ist viel zu ambitioniert. Schneiden Sie sich nicht ins eigene Fleisch mit dieser Blockadehaltung?

Krüsken: Das ist natürlich alles etwas populistisch zugespitzt, wir haben ja auch eine Ackerbaustrategie aufgelegt, und Landwirte arbeiten mit diesen Veränderungen seit Jahren. Wir passen unser Sortenspektrum an – natürlich, Landwirtschaft ist ein standortbezogenes Geschäft, sie können nicht einfach ihre Produktion in andere Teile Europas auslagern, weil es dort besser geht oder billiger ist. Wir sind sozusagen dazu verdonnert, hier mit diesen Standortbedingungen zu arbeiten …

"Wir brauchen ein anderes Risikomanagement"

Kaess: Aber den Kritikern geht es ja gar nicht um eine Auslagerung, sondern um die Anpassung, und da gibt es eben manche Höfe, die kommen damit viel besser klar als andere.

Krüsken: Ich hatte Ihre Frage noch nicht beantwortet. Wir sagen auch ganz klar, natürlich brauchen wir Hilfe zur Selbsthilfe. Wir brauchen ein anderes Risikomanagement, und das ist zuallererst eine Aufgabe des landwirtschaftlichen Unternehmers. Er braucht dazu Rahmenbedingungen, da gibt es Ansätze im Bereich Versicherungen, dazu werden wir auch heute Mittag etwas sagen. Noch mal zum Thema Ackerbaustrategie: Ich weiß nicht, ob die Ackerbaustrategie des BML so umstritten ist. Wir sind an unseren Standorten, an denen die Betriebe sind – ich wiederhole das –, gezwungen, mit den Bedingungen zu arbeiten, die da sind, und das können wir auch. Wir müssen allerdings uns auch im weiteren Kontext einer Ackerbaustrategie Gedanken darüber machen, wie wir zum Beispiel mit dem Thema Wassermanagement umgehen. Das betrifft einmal Bewässerung von Kulturen, da müssen wir uns neue Gedanken machen, genauso wie andere Wassernutzer auch, über eine Infrastruktur in der Bewässerung, und dann brauchen wir …

Kaess: Da sagen genau diejenigen, die alternativer anbauen und diversifizierter, genau das ist der falsche Weg, denn wir müssen einfach mit der Trockenheit arbeiten und nicht gucken, wo wir noch mehr Wasser herbekommen.

Krüsken: Na ja, Diversifikation ist natürlich ein Teil dieser Geschichte. Ich kann ja auf einen Standort nicht mit einer Kultur gehen, die dort nicht hinpasst. Wir werden das auch nicht so machen wie in Saudi-Arabien, wo man mit künstlicher Bewässerung Weizen anbaut, aber wir brauchen auch sozusagen die Lizenz und die Erlaubnis, mit bestimmten wasserschonenden Anbauverfahren umzugehen …

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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