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StartseiteKultur heute"Ein Juwel, wo es sonst langweilig wäre"12.01.2019

Bauhaus-Campus in Nigeria"Ein Juwel, wo es sonst langweilig wäre"

In den 60er-Jahren entwarf der Bauhaus-Schüler Arieh Sharon eine Universität für die nigerianische Stadt Ife. Fertiggestellt in den 80er-Jahren, begeistert der größte Campus Nigerias heute die Studierenden und ist nun Gegenstand eines Films.

Von Vladimir Balzer

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(Christian Hiller)
Die Universität in Ife ist der größte Campus Nigerias (Christian Hiller)
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Größer könnte der Kontrast kaum sein. Wer vom chaotischen und lauten Lagos, diesem 18 Millionen Moloch an der Südküste Nigerias, vier Stunden mit dem Bus nach Norden fährt, landet in einer Oase.

Eine Universität im Grünen: ruhig, mit zahlreichen Rückzugsräumen und viel Platz zum Studieren. 35.000 Studenten aus fast allen Disziplinen sind hier eingeschrieben, natürlich auch bei der Architektur - es ist die erste vollständige Fakultät dieser Art nach der Unabhängigkeit Nigerias in den 60ern.

Rationale Phase

Bayo Amole ist Professor für Architekturgeschichte an der Universität von Ife:

"Es ist wie ein Juwel, wo es sonst langweilig wäre. Ich wache morgens auf und stelle fest: ich bin umgeben von einer modernistischen Tradition. Und das ist keine, die man kennt, sondern etwas Besonderes. Sie ist genau für diesen Ort gedacht, sie erzählt von unserer Identität. Und man ist Teil davon."

Begonnen kurz nach der Unabhängigkeit in den 60er-Jahren, vollendet erst in den 80er-Jahren. Entworfen und gebaut von einem Bauhaus-Schüler: Arieh Sharon. Sein Studium hatte er in Dessau noch bei Walter Gropius begonnen. Doch die eigentliche Inspiration zog er aus den Stunden bei Hannes Meyer, dem Nachfolger von Gropius und Begründer des Neuen Bauhauses, das sich von den Anfängen unterschied. Erst Meyer hat eine eigene Bauabteilung gegründet. Und wollte vieles anders machen als sein Vorgänger. Das ist der Geist von Sharon und dieses Uni-Campus in Nigeria.

Ein Geist, der den Tel Aviver Architekten Zvi Efrat fasziniert. Er dreht einen Film über den Campus:
  
"Diese zweite Phase des Bauhaus ist viel rationaler, fast schon wissenschaftlich orientiert. Auf eine gewisse Weise lehnten die Bauhäusler jener Zeit das künstlerische, das überdesignte Bauhaus der Anfangsjahre ab."

Hannes Meyer zeigte auch ein besonderes Bewusstsein für die klimatischen Fragen. Er plante, was wirkliche Menschen wirklich brauchen. Das ist auch Sharons Herangehensweise. 

Bauen in den Tropen

Arieh Sharon, der Mann, der in Israel dutzende Siedlungen baute und Tel Aviv mitprägte, er setzte hier ein Paradebeispiel dessen, was man tropische Moderne nennen könnte.

Größte Herausforderung für das Bauen in den Tropen: das Wetter -  feucht und heiß, die Sonne erbarmungslos. Man müsste theoretisch ein Kraftwerk betreiben, um auf solch einem großen Campus eine künstliche Klimatisierung hinzubekommen. Darauf hat Sharon verzichtet. Der Großteil der Seminarräume und Vorlesungssäle hat keine Fenster. Gekühlt wird durch einen Schornsteineffekt: in der Mitte haben viele Gebäude ein lang gezogenes, offenes Atrium. Das Erdgeschoss wiederum ist meist offen, so dass ein natürlicher Luftzug entsteht. Der kühlt sich im Gebäude ab und macht ein Studieren in den Tropen erst möglich. Zweite Herausforderung neben der heißen, feuchten Luft: die Sonne. Dafür hat Sharon die Gebäude nach oben breiter werden lassen, so dass die oberen die unteren Etagen verschatten.
   
"Das hier wirkt modern, minimalistisch, es erinnert an die Neue Sachlichkeit. Aber auf der anderen Seite sehen wir hier auch die großen Gesten: große runde Formen, offene Wände, freitragende Dächer. Das kennen wir weder aus Europa noch aus Israel. Hier wurde eine neue Architektur geboren. Es ist wunderbar zu sehen, wie man das zurückverfolgen kann bis zur Bauhauslehre. Wie es hier transformiert wurde", so Zvi Efrat.

Und es funktioniert! Studierende haben unzählige Möglichkeiten, sich zu treffen, Seminare und Vorlesungen finden in offenen Atrien, luftigen Zwischenräumen oder unter Vordächern statt. Dazwischen viel Grün.

Politische Dimension

Und was man hier erlebt, ist keine Moderne-Müdigkeit, wie wir sie vielleicht aus dem Westen kennen. Hier tut sie noch ihr fortschrittliches Werk. Studenten bevölkern fröhlich diesen Ort. Wenn Bayo Amole von seinem Campus schwärmt, dann heißt das auch, dass es ihn nicht im Geringsten stört, dass ein israelischer Architekt, ein Bauhaus-Schüler kommen musste, um Nigerias größten Uni-Campus zu bauen. Und, ja, natürlich hatte es eine politische Dimension damals. Israel suchte Verbündete in Afrika. Aber dennoch:
   
"Arieh Sharon wird hier auf dem Campus nicht als Kolonisierer gesehen. Israel hatte seine eigenen Probleme, es musste selbst neu aufgebaut werden. Und was haben wir hier: ein Israeli, der in Deutschland studiert hat, der in Afrika gearbeitet hat. Das sagt etwas über die Universalität der Welt – aber es erzählt auch etwas über die Universität als einem universellen Ort. Also: als koloniale Geste sehen wir diesen Campus-Bau hier überhaupt nicht."

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