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StartseiteKultur heuteVeräußerlichendes Spiel17.02.2014

"Baumeister Solness" in WeimarVeräußerlichendes Spiel

Jan Neumann hat Henrik Ibsens "Baumeister Solness" in Weimar auf die Bühne gebracht. Ihm gelingt eine ungemein überzeugende Inszenierung. Die beiden Hauptdarsteller Johanna Geißler und Sebastian Kowski bilden darin den Kraftkern eines homogenen Ensembles.

Von Hartmut Krug

Deutsches Nationaltheater Weimar (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
Deutsches Nationaltheater Weimar (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)

Wenn das Publikum in den Saal strömt, ist bereits viel los auf der Bühne. Während ein englisches Fitness-Trainingsprogramm dröhnt, sieht man Menschen, die, indem sie ihre Arbeit machen, sich zugleich für diese mit Gymnastik fit halten. Hausregisseur Jan Neumann setzt in seiner zweiten Inszenierung in Weimar von Beginn an auf Deutlichkeit. Wer in Beruf und Leben Erfolg haben will, muss fit sein und fit bleiben. Auch Baumeister Solness, der anfangs entspannt, fast schlaff im Unterhemd, mit Kopfhörern im Sessel sitzt, versucht sich später im Wettstreit mit dem jungen Ragna, der aus Solness' Team in die Selbstständigkeit strebt, so schwerfällig wie komisch an Gymnastik.

Alles unfertig

Bühnenbild und Kostüme sind während eines Semesters mit Studierenden der Bauhaus-Universität entwickelt worden, - weitere Entwürfe sind im Foyer zu sehen und wurden vom Publikum umlagert. Der offene, weite Arbeitsraum auf der Bühne, mit Zeichentisch und einer Wandöffnung, aus der neue Backsteine poltern, zeigt ein Sammelsurium architektonischer Formen. Stufen führen ins nichts, Türen sind vermauert, ein Waschbecken und Balkone hängen funktionslos in der Höhe. Hier ist alles unfertig. Kohle und Asche, die aus dem Boden gebuddelt und in den Kamin gefüllt werden, verweisen auf den Brand des Elternhauses von Frau Solness, - also auf das Unglück, das zum Verlust der Kinder, aber auch mit den Neubaumöglichkeiten zum Beginn des Berufserfolges von Solness führte. Und zur Traumatisierung und Entfremdung des Ehepaares. So bildet ein Wintergarten im Hintergrund ein isoliertes Reich von Frau Solness, in dem sie vertraut mit dem Doktor des Hauses umgeht.

Im Bühnenbild stehen alt und neu im ausweglosen Widerstreit, während Solness voller Angst gegen die nachdrängende Jugend kämpft. Als ihn Hausarzt Herdal als "ersten seiner Zunft" bezeichnet, spricht er von seiner ahnungsvollen Angst:

Solness:  "Irgendwann kippt das. Irgendwer wird kommen und schreien: Platz da, weg da. Und dann stürmen die anderen hinterher und schreien: Platz da, Platz da. Ich sag dir: Irgendwann steht die Jugend vor der Tür und klopft an."

Herdal: "Ja Gottchen, und dann?"

Solness: "Ja, und dann! Dann ist es aus mit Baumeister Solness."

(lautes Klopfen)

Solness: "Was war denn das?" (…)

Herdal: "Hat geklopft."

Solness: "Dann herein."

Hilde: "Guten Abend."

Figur zwischen Jungmädchen-Direktheit und komischer Künstlichkeit

Die junge Hilde Wangel, die da klopft, hat einst als Kind den Baumeister auf einem von ihm errichteten Kirchturm bewundert. Nun, zehn Jahre später, fordert sie das ihr von Solness einst versprochene Königreich ein. Johanna Geißler spielt diese Hilde weniger als erotische Versuchung, als die sie sonst meist gegeben wird. Sondern als einen kleinen Kobold mit Katalysatorfunktion, der den Mann aus seiner Angst in neue Lebenslust treibt. Mit neonpinkem Haarschopf, mit Rucksack und Wanderstiefeln zum kurzen Kleidchen, das sie später mit knappen Hotpants tauscht, ist sie weniger eine Lolita als ein künstliches Traumgeschöpf. Im Zusammenspiel der eher kleinen Johanna Geißler mit dem hochgewachsenen Sebastian Kowski werden viele Szenen angemessen komisch. Wie schon Anfang 2013 Burghart Klaußner in seiner Dresdner Inszenierung gibt Jan Neumann in Weimar kein psychologisch-realistisch gründelndes Spiel wie einst Zadek, sondern ein im überzeugenden Sinne veräußerlichendes. Kowski, ein Schauspieler von starker körperlicher Präsenz und Ausdrucksstärke, und Geißler, eine Darstellerin, die ihre Figur zwischen Jungmädchen-Direktheit und komischer Künstlichkeit changieren lässt, bilden den Kraftkern eines homogenen Ensembles in einer ungemein überzeugenden Inszenierung.

Hilde: "Ich habe geträumt, dass ich von einer schrecklich steilen Felsklippe abstürze. Träumen sie nie sowas?"

Solness: "Doch. Manchmal"

Hilde: "Irrsinnig aufregend, wenn man so runterfliegt."

Solness: "Ach, mir wird davon eiskalt."

Hilde: "Ziehen sie auch dabei die Beine an?"

Solness: "Ja, so hoch es geht."

Hilde: "Ich auch."

Wenn Kowski als Solness schließlich, angetrieben von Hilde, zum Richtfest auf den Turm seines Neubaus steigt, geht er nackt in die Bühnendunkelheit und den Tod. Sein Absturz wird nicht gezeigt, sondern vom wieder bekleideten Kowski beschrieben, indem er die letzten Dialoge des Stückes ins Mikrofon spricht.

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