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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Der Hitzestress trifft ein ohnehin geschwächtes Wald-Ökosystem"24.07.2019

Baumsterben"Der Hitzestress trifft ein ohnehin geschwächtes Wald-Ökosystem"

Die Umweltschutzorganisation BUND warnt vor einem "Waldsterben 2.0". Der aktuelle Wassermangel durch die Hitze setze etwa Kiefern besonders zu, weil ihre Wurzeln bereits dramatisch abgenommen hätten, sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger im Dlf. Nötig sei ein Waldumbau hin zu mehr Laubbäumen.

Hubert Weiger im Gespräch mit Britta Fecke

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Braun sind die Nadeln einer vertrockneten Kiefer die an einem Waldrand in Brandenburg  (picture alliance/dpa/Patrick Pleul)
Man habe auch im Blick auf die Kiefer "Situationen zu melden, wie ich sie bisher noch nicht kennengelernt habe", sagte Hubert Weiger im Dlf (picture alliance/dpa/Patrick Pleul)
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Britta Fecke: Wir gehen von der Stadt in den Wald. Wer dort hingeht, sieht das Ausmaß des Baumsterbens schon beim Blick in die Kronen, denn in denen fehlen die Blätter. Durch die lange Trockenphase im vergangenen Jahr und die erneute Dürre in diesem, ist der Grundwasserspiegel so weit abgesunken, dass die Wurzeln nicht mehr genug Wasser ziehen können. Dadurch haben viele Eichen, Buchen und andere heimische Baumarten nicht genug Kraft, um Blätter zu bilden. Im aktuellen Hitzestress schmeißen sie außerdem noch belaubte Äste ab, wie wir auch gerade schon gehört haben. Der BUND warnt deshalb vor einem Waldsterben 2.0. Ich bin nun verbunden mit Professor Hubert Weiger, er ist der Vorsitzende der Umweltschutzorganisation. Herr Weiger, erinnert Sie dieses aktuelle Bild an die Zeiten des Waldsterbens noch in den 80er-Jahren?

Hubert Weiger: Ja, guten Tag, Frau Fecke! In der Tat, die Erinnerungen sind natürlich damit wieder sehr aktuell. Vor allem auch, was diesen gesamten Prozess angeht und auch die Tatsache, dass die Politik bisher nur sehr zögerlich auf diese Entwicklung reagiert hat. Von daher ist eines klar: Ohne massiven öffentlichen Druck wird sich an der Gesamtsituation nichts verändern. Und es ist sicherlich ein Wettlauf mit der Zeit, auch wenn natürlich die Aufgabe heute noch größer ist als damals. Damals hat gereicht, um unsere Wälder wirkungsvoll zu entlasten: die Entschwefelung, die Entstickung der Kraftwerke, die Einführung von Katalysatoren, bleifreies Benzin und anderes mehr. Aber heute müssen wir letztendlich die Klimakrise wirkungsvoll bekämpfen, damit unsere Wälder eine Chance haben, diesen Trocken- und diesen Hitzestress zu überwinden, und es wieder andere Zeiten gibt, die für den Wald verträglicher sind. Von daher ist die Aufgabe gewaltig.

"Folge der permanent zu hohen Stickstoffeinträge aus der Luft"

Fecke: Ich zitiere Sie mal: Sie sagten, die Bäume sind durch den permanenten Eintrag von Luftschadstoffen und die Überdüngung aus der Luft geschwächt, der Waldboden ist ausgedorrt. Ist das Hauptproblem nicht eher der Wassermangel?

Weiger: Aktuell ist es mit Sicherheit der Wassermangel, der aber deshalb noch besonders massiv zuschlägt, weil eben die Feinwurzeln zum Beispiel unserer Bäume offensichtlich dramatisch abgenommen haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Das ist wiederum eine Folge der permanent zu hohen Stickstoffeinträge aus der Luft und anderer Stressfaktoren. Das heißt, dieser Hitzestress trifft ein ohnehin schon geschwächtes Wald-Ökosystem. Und das führt dann eben dazu, dass die Massenvermehrung von Borkenkäfern der Fichte gerade in südlichen Regionen den Garaus macht und dass auch die Kiefer ebenfalls massiv unter der jetzigen Situation stirbt, feuerrot wird und wir damit Situationen zu melden haben, so wie ich sie bisher noch nicht kennengelernt habe.

"Laubbaum-Anteil erhöhen"

Fecke: Wie könnte denn der Wald so umgebaut werden, dass er mit diesem Hitzestress, der ja auch für die nächsten Jahre wohl zu erwarten ist, besser umgehen kann?

Weiger: Was wir machen müssen, ist mit Sicherheit, den Laubbaumanteil in unseren Wäldern deutlich zu erhöhen, dass wir Laubmischwälder bekommen. Das heißt, dass wir vor allem flächendeckend beginnen, unsere Monokulturen umzubauen, und zwar lange schon, bevor die Bäume quasi erntereif sind. Das heißt, dass wir den Schutz der vorhandenen Wälder nutzen für diese Waldumbaumaßnahmen. Dazu gibt es zwei zentrale Bedingungen: Das eine ist, dass wir deutlich die im Regelfall total überhöhten Rehwildbestände in Deutschland reduzieren. Und das Zweite ist, dass wir auch genügend Personal und Finanzen zur Verfügung stellen, um diese gewaltige Aufgabe zu leisten. Denn auch in vielen Fällen sind Privatwaldbesitzer allein nicht mehr in der Lage, das zu schultern. Von daher wird das sehr, sehr viel Geld kosten, damit wir diesen Waldumbau in der notwendigen Zeit noch realisieren können.

Beispiele für erfolgreichen Waldumbau

Fecke: Es wurde ja schon Geld versprochen. Aus dem Klimafonds hat Frau Klöckner Geld in Aussicht gestellt. Wird das reichen?

Weiger: Es reicht mit Sicherheit nicht. Es ist ein erster Schritt aus dem Klimafonds, aber wir müssen hier sicherlich noch in anderen Dimensionen rechnen. Denn wir haben jetzt den Waldumbau nicht auf einigen hundert Hektar, sondern auf zigtausend Hektar. Und die Zeit läuft uns davon. Von daher ist die Tatsache, dass in den letzten Jahren wir zu wenig gemacht haben, die bekommen wir jetzt schon bitter zu spüren. Von daher braucht es sicherlich einen neuen gemeinsamen Kraftakt von Bund und Ländern, um diese Aufgabe zu leisten. Wir haben ja genügend erfolgreiche Beispiele aus ganz Deutschland für erfolgreichen Waldumbau. Ich denke jetzt, aus der Region, aus der ich selbst komme, Region Nürnberg mit dem Nürnberger Reichswald. Dort sind Tausende von Hektar Kiefern-Monokulturen umgebaut worden und damit gibt es eines der waldbrandgefährdetsten Gebiete Deutschlands nicht mehr. Das heißt, auch wenn jetzt die älteren Kiefern absterben, es ist eine neue Waldgeneration vorhanden, und zwar mit mehr Laubbäumen, mit mehr Eiche und Buche, als das vorher der Fall war. Von daher ist es möglich und leistbar, aber es kostet Zeit und vor allem Personaleinsatz und Geld.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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