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StartseiteEuropa heuteEin brasilianischer Autor in Lissabon22.01.2019

Baustelle Heimat in Portugal (2/5)Ein brasilianischer Autor in Lissabon

Zwischen Portugal und Brasilien sind immer Menschen hin- und hergewandert. Seit der Wahl des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro zieht es brasilianische Intellektuelle nach Lissabon - so wie den Schriftsteller Ronaldo Cagiano.

Von Tilo Wagner

Der brasilianische Schriftsteller Ronaldo Cagiano in Lissabon (Deutschlandradio / Tilo Wagner)
Der Schriftsteller Ronaldo Cagiano fühlte sich in seinem Heimatland Brasilien nicht sicher und kam 2017 nach Portugal (Deutschlandradio / Tilo Wagner)
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Die Buchhandlung Bertrand in der Lissabonner Innenstadt zieht sich wie ein schlauchartiges Kellergewölbe tief in einen Altbau hinein. Ronaldo Cagiano nimmt ein Buch in die Hand. Seit zwei Jahren lebt der 57-jährige Brasilianer in Lissabon und hat in dieser Zeit die Klassiker der portugiesischen Literatur entdeckt, die in den Buchläden auf der anderen Seite des Atlantiks schwer zu finden sind.

In einem Regal findet Cagiano ein schmales Büchlein, das er selbst geschrieben hat: Der Erzählband "Eles não moram mais aqui" ist das erste Werk des Schriftstellers, das von einem portugiesischen Verlag herausgegeben wurde.

"Pessoa sagte: 'Meine Heimat ist die portugiesische Sprache'"

In seinem Berufsleben war Cagiano 35 Jahre lang Bankangestellter, aber seine Leidenschaft galt immer der Literatur: In Brasilien hat er in den vergangenen zwei Jahrzehnten 17 Bände publiziert, von Kinderbüchern über Essays bis hin zu Prosa und Lyrik.

"Die gemeinsame Sprache ist einer der Gründe, warum wir Brasilianer uns in Portugal so wohl fühlen. Wir sind die Ex-Kolonie, aber es gibt keine Rivalität mehr. Wir sind verschiedene Nationen, aber sind doch irgendwie das Gleiche. Fernando Pessoa hat es so gesagt: "Meine Heimat ist die portugiesische Sprache."

Cagiano ist aber nicht aus Brasilien weggegangen, weil er sich auf die Suche nach den kulturellen Wurzeln der lusophonen Welt begeben wollte. Im Jahr 2017 folgte er dem Ruf der portugiesischen Regierung, die mit attraktiven Steuerermäßigungen und einer großzügigen Visumspolitik nicht nur Ruheständler aus der EU ins Land lockt.

"Portugal ist attraktiv für uns: Es bietet brasilianischen Rentnern eine Aufenthaltsgenehmigung. Das Land hat im Vergleich zu anderen europäischen Staaten immer noch sehr niedrige Lebenshaltungskosten. Und es gibt hier eine große soziale und politische Stabilität. Ich bewege mich ganz frei, ohne dass ich mich vor Gewaltverbrechen fürchten muss. Die Kriminalität ist gering. Wenn ich auf der Straße laufe, muss ich mich nicht umdrehen, um nach Verdächtigen Ausschau zuhalten, die mich überfallen wollen, oder mich vor einer Kugel wegducken, die irgendwer abgeschossen hat."

In São Paulo wurden er und seine Frau überfallen

In São Paulo war das ganz anders. Cagiano und seine Frau wurden eines Tages auf offener Straße gekidnappt und in eine Favela gefahren. Nachdem die Verbrecher sie gezwungen hatten, das Auto zu übergeben, musste Cagiano sein gesamtes Guthaben abheben – eine sehr übliche Form des Raubüberfalls in Brasilien.

"Unser Glück war, dass ich gerade eine Abfindungszahlung von meiner Bank erhalten hatte und daher den Verbrechern das gesamte Geld geben konnte. Sonst hätten sie uns erschossen."

Solche Vorfälle, die zum Alltag in den brasilianischen Großstädten zählen, hat der rechtsextreme brasilianische Präsident Jair Bolsonaro benutzt, um für eine Bewaffnung der brasilianischen Mittelschicht und ein allgemeines Tötungsrecht für die Polizei zu werben.

Trotz seiner traumatischen, persönlichen Erfahrung unterstützt Ronaldo Cagiano diese Ideen nicht. Er führt die Gewalt auf eine fehlgeschlagene Bildungs- und Sozialpolitik zurück, auf eine jahrzehntelang grassierende Korruption im brasilianischen Kongress und prophezeit, dass früher oder später die Enttäuschung über Bolsonaro sich wieder in Massendemonstrationen und politischer Instabilität entladen werde.

Ein Land mit einem "hohen Grad von sozialem Frieden "

Seine klaren Worte klingen durch die sonst sehr ruhige Buchhandlung. Ein paar Besucher bleiben stehen, setzen sich, hören ihm zu. Wenn ein brasilianischer Intellektueller die gegenwärtige Krise seines Heimatlandes offen und präzise analysiert, scheint das die Lissabonner zu interessieren. Für Ronaldo Cagiano ist das auch ein Zeichen, dass sich Portugal gewandelt hat. Das Land, das vielen Brasilianern lange Zeit als verstaubt und rückständig galt, hat ein neues Image:

"Portugal hatte nach der Salazar-Diktatur noch eine Zeit lang mit diesem Erbe zu kämpfen. Heute ist Portugal viel weltoffener und zu einem Leuchtturm geworden. Wir können von diesem Land, das einen so hohen Grad von sozialem Frieden hat, viel lernen. Es ist ein tolerantes, integratives, mitfühlendes Land, das nicht nur Brasilianer anzieht, sondern Bürger aus ganz Europa, die sich nach Ruhe, Stabilität und sozialem Frieden sehnen, die es so nicht mehr in vielen Ländern gibt. Natürlich gibt es auch hier Leute, die in Armut leben, aber sie behalten ihre Würde, sind nicht ausgegrenzt und werden deshalb nicht aggressiv, gewalttätig und kriminell wie in Brasilien."

"Ich arbeite hier in einem anderen Licht"

Ronaldo Cagiano hat in Lissabon einen neuen Gedichtband verfasst. Konflikte und Brüche, die er aus der brasilianischen Gegenwart kennt, spielen wie in vielen anderen seiner Bücher eine Rolle, doch die Lyrik ist in einer anderen Welt entstanden.

"Die Distanz hilft mir, meine Ideen präziser auszudrücken. Ich arbeite hier in einem anderen Licht, mit anderen Referenzen, die mir bei wichtigen Fragen helfen: Warum habe ich Brasilien verlassen, warum bin ich hier? In meiner Insellage habe ich Kontakt zu anderen Werten und Realitäten, und die helfen mir, mein kritisches Denken weiterzuentwickeln."

Immer mehr Brasilianer fliehen vor Bolsonaro ins Exil nach Lissabon – vor allem Intellektuelle, politisch Verzweifelte und eben die, die es sich leisten können. Doch Cagiano warnt davor, sich im Exil zu sehr mit dem Land zu beschäftigen, das man verlassen hat. Schließlich habe auch Europa mit grundlegende Fragen zu kämpfen, auf die Antworten gefunden werden müssten.

"Wir sind in gewissem Sinne auch Flüchtlinge. Aber wir sind gekommen, weil wir einfach ein angenehmeres Leben haben wollen. Wir sind keine Flüchtlinge, die vor extremen Bedingungen wie Hunger, Krieg oder Armut geflohen sind, so wie viele andere, die nach Europa kommen, die aber kein Zuhause haben, keine Papiere, keine Identität. Die Rolle des Intellektuellen ist es, auf diese großen, brennenden Fragen hinzuweisen. Die Kunst darf es sich nicht gemütlich machen, sie muss beunruhigen."    

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