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StartseiteMarkt und Medien"Bayern 1" will keine Volksmusik mehr senden19.03.2016

Bayerischer Rundfunk"Bayern 1" will keine Volksmusik mehr senden

Volksmusik und Bayern: In wohl keinem anderen Bundesland gehört das so untrennbar zusammen. Der Bayerische Rundfunk sieht das wohl anders: Ab Pfingsten wird die Volksmusik von Bayern 1 verschwinden - und damit von einer wichtigen UKW-Welle. Mit einer Onlinepetition versuchen Kritiker, dies zu verhindern.

Von Susanne Lettenbauer

Menschen sitzen um Tische auf Bänken und Schunkeln, Frauen tragen Dirndl (dpa/picture alliance/Robert Schlesinger)
Menschen schunkeln zur Volksmusik: Bald kommt sie in Bayern womöglich nicht mehr übers UKW-Radio. (dpa/picture alliance/Robert Schlesinger)
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Jeden Abend um 19 Uhr Volksmusik auf "Bayern 1". Eine Stunde Heimat. Radio an, zugehört und mitgeschunkelt. Eine Institution seit fast 50 Jahren. In desem Jahr ist damit Schluss. Genau diese lieb gewonnene Tradition wird an Pfingsten auf dem UKW-Sender eingestellt. Ab Pfingsten keine Volksmusik mehr auf UKW-Radio bei "Bayern 1" [Anm. der Redaktion: Angaben korrigiert] - die Hörer rebellieren:

"Erst mal ist es für mich, dass die bayerische Volksmusik für mich auch im frei empfangbaren Bereich, das heißt für mich nicht digital, sondern auf UKW seinen Platz verdient hat."

Meint Maximilian Stocker. Seine Onlinepetition haben bislang 15.000 Unterstützer unterschrieben. Die meisten Kritiker wehren sich dagegen, dass sie jetzt digital hören sollen und sich ein neues Radiogerät anschaffen müssen. Nur zehn Prozent der Hörer in Bayern nutzen bislang ein DAB+Empfangsgerät:

"Der Bayerische Rundfunk kann sich doch hinstellen, der wird doch von den GEZ-Gebühren finanziert und soll einfach alle Hörer in Bayern zufriedenstellen. Man kann doch ruhig merken, wenn man mit dem Auto durch Bayern fährt, dass man in Bayern ist, weil ab und an eine Volksmusiksendung kommt - im freien UKW."

Spartensender für Volksmusik

Tatsächlich ist seit Februar 2015 ein neuer Spartensender nur für Volksmusik - "BR Heimat" - per Internet, Livestream und im Digitalradio empfangbar. Laut Mediaanalyse schalten 110.000 Hörer täglich ein. Wellenchef Stefan Frühbeis betreute schon früher auf "Bayern 1" Berg- und Talthemen. In der einen Stunde zwischen 19 und 20 Uhr hätte die Volksmusik-Redaktion nie die gesamte Bandbreite präsentieren können, betont er. Kritik, auf dem Digitalsender würde nur wahllos Archivmaterial gesendet, widerspricht er vehement:

"Das ist keine Volksmusik-Jukebox. Das ist ein Programm mit Themen, 24 Stunden am Tag, mit breit aufgestellten Klangfarben, von der klassische bayerische Blasmusik bis hin zum klassischen Blasmusikkonzert, die Volksmusik in der traditionellen, authentischen Spielweise mit unterschiedlichen Klangfarben bis hin zur weiterentwickelten Volksmusik, Tradimix, Heimatsound, so in diese Richtung."

Beim Bayerischen Rundfunk ist die Kritik angekommen. Hörfunkdirektor Martin Wagner tingelt seit Wochen durch Bayern, um die Hörer zu beruhigen. Sein Technikchef erklärt die Funktion eines Digitalradios. Man habe doch vor über einem Jahr den Digitalsender "BR Heimat" geschaffen, dort könne 24 Stunden lang Volksmusik gehört werden. Der BR-Shop bietet sogar ein eigenes Digitalradio an. "Bayern 1" wolle und müsse man anders aufstellen in der Musikauswahl:

"Weil wir der Meinung sind, dass Angebote erwartbar sein müssen, dass wenn ich früh um sieben ein Programm einschalte und sage, ach die Musik gefällt mir, ist die normale Erwartungshaltung der 2,5 Millionen Hörer, die wir pi mal Daumen in "Bayern 1" haben, dass ich abends um 19 Uhr das höre, was da auch hinpasst."

Kritiker ärgert das Spartendenken

Die Volksmusik passe also nicht mehr ins Mainstreamprogramm und werde abgeschoben in die digitale Welt, so Kritiker. Dabei wäre gerade die Musikvielfalt im Radio wichtig, meint Elmar Walter, Leiter der Volksmusikberatungsstelle des vom Kultusministerium getragenen Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege. 24 Stunden nur Volksmusik, das gehe selbst ihm zu weit. Er wende sich nicht gegen die neue Technik, sondern gegen das Spartendenken:

"Wir haben 24 Stunden Bayern im Zentrum eines einzigen Senders. Das finden wir gut. Bei 24 Stunden Volksmusik muss ich selber sagen, das schaffe ich nicht. Also ein paar Stunden ist immer sehr schön, aber es ist eben die musikalische Vielfalt, die auch uns Volksmusikpfleger interessiert und die man auch wissen muss. Man muss immer ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen können und auch wollen."

Fakt ist: "Bayern 1" verliert Hörer und der BR ist überzeugt, auch durch die Volksmusikstunde um 19 Uhr. Also wird formatiert in Klassik, Volksmusik, Schlager, Rockmusik. Die Hörgewohnheiten der Menschen hätten sich außerdem geändert. Mit Internetradio, Livestream und Mediatheken stellten sich die Hörer immer häufiger ihr eigenes Programm zusammen, ist "BR Heimat"-Wellenchef Stefan Frühbeis überzeugt.

Mehrere Digitalwellen beim BR

Der Trend ist deutlich: Die vorhandenen fünf UKW-Sender des Bayerischen Rundfunks werden mittlerweile durch drei Digitalwellen ergänzt: "Bayern Plus" für Schlagermusik, "Bayern Heimat" für Volksmusik und "Puls", das digitale Szene-Radio mit junger Pop- und Rockmusik. Je nach Wohnort sind in Bayern bis zu zehn BR-Programme mit einem DAB+ Radio empfangbar. Im Jahr 2025 soll UKW-Radio in Bayern voraussichtlich komplett abgeschaltet werden.

Diese Entwicklung sei nachvollziehbar, sagt Elmar Walter, Leiter der Volksmusikberatungsstelle des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege. Aber die Umstellung gehe dem Menschen einfach zu schnell.

Noch vier Monate lang können sich Gegner der Programmreform in der Onlinepetition eintragen. Ob der BR dadurch von dem Beschluss abrücken wird, ist nicht erkennbar.

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