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StartseiteTag für TagKippende Kreuze12.09.2016

BayernKippende Kreuze

Das Kreuz auf der Zugspitze steht noch, aber an andere Wahrzeichen wurde bereits die Axt angelegt. Bekennerschreiben gibt es nicht, aber die Spekulationen erreichen Schwindel erregende Höhen: Im Verdacht stehen Islamisten und Freidenker. Ausgelöst wurde eine grundsätzliche Diskussion: Wie christlich darf ein Berg sein?

Von Michael Watzke

Mehrere Bergsportler klettern bei Garmisch-Partenkichen (Oberbayern) auf der Zugspitze in Richtung Gipfelkreuz. (picture alliance / dpa / Marc Müller)
Mehrere Bergsportler klettern bei Garmisch-Partenkichen (Oberbayern) auf der Zugspitze in Richtung Gipfelkreuz. (picture alliance / dpa / Marc Müller)

"Königsdorf Info, hier ist die Delta Kilo Golf Alpha Hotel, abflugbereit Startbahn eins-null."

"Alpha Hotel, Königsdorf Info, abflugbereit verstanden, Wind eins-null, fünf Knoten, viel Spaß."

Start zu einem Überprüfungsflug am Alpenrand. Der Tölzer Hobbypilot Werner Kerzendorf will ein Gerücht überprüfen: dass der sogenannte "Gipfelkreuz-Hacker" mehr als drei Kreuze auf dem Gewissen haben soll. Die bisher bekannten Tatorte sind…: "… der Scharfreiter, die Dudl-Alm und der Lärchenkogel, der östlich davon liegt. Jetzt schauen wir mal, ob die Gipfelkreuze, die vorher mal standen, überhaupt noch da sind. Ob sie überhaupt noch da sind."

Abflug Richtung Sylvensteinsee im Isartal. Es ist ein sonniger Spätsommertag. Unten im Tal sind viele Bergwanderer unterwegs. Alle haben von dem mysteriösen Gipfelkreuz-Hacker gehört.

Stimmen einer Umfrage: "Ich kann bloß sagen, dass das eine Sauerei ist. Ich denke, das ist ein Einheimischer, der unter der Woche arbeitet. Denn das macht er meistens Samstagsabends."

"Des is a Sauerei hoch drei. Der muss ja ohne Hirn sein!"

"Des is gemein. Sowas macht man einfach nicht!"  

"Ich binb heute morgen um halb sieben hier hochgelaufen. Da war’s noch fast dunkel. Da macht man sich erst recht Gedanken!"

Vor allem, wenn man den Zeugenaussagen des Wirtes der Tölzer Hütte glaubt. Er sagt, der Gipfelkreuz-Hacker habe während der Tat laut geschrien. Wie ein Tier. Polizeihauptkommissar Bernhard Gigl, der als örtlicher Dienststellenleiter  quasi der oberste "Bulle von Tölz" ist, fasst die Zeugenaussagen zusammen:"35 Jahre [alt]. Deutsch, also gebrochen deutsch, mit ausländischem Akzent. Die Beschreibungen sind noch nicht so überwältigend hilfreich, dass wir sagen könnten, den wer‘n wir gleich ham!"

Messner könnte drauf verzichten

Das mit dem ausländischen Akzent lässt manche Tölzer Bürger spekulieren, die Tat könne einen islamistischen Hintergrund haben. Wer weiß, vielleicht steckt am Ende gar der IS dahinter? Andere vermuten, der Täter könnte ein Freidenker sein, also ein Atheist, den die christliche Symbolik des Gipfelkreuzes stört. Gigl sagt: "Das wären reine Mutmaßungen. Aber es ist natürlich schon irgendwo naheliegend, dass das Kreuz als Symbol angegriffen werden sollte und nicht einfach zwei Holzbanken umgesägt werden sollten. Mittlerweile hat sich ja sogar ein Reinhold Messner zu Wort gemeldet bezüglich der Symbolik des Gipfelkreuzes."

Reinhold Messner, der weltweit wahrscheinlich bekannteste noch lebende Extrem-Bergsteiger, hat sich in der Süddeutschen Zeitung folgendermaßen  geäußert:

"Ich könnte persönlich auf weitere Gipfelkreuze verzichten. Man sollte die Berge nicht zu religiösen Zwecken möblieren."

Das wirft die Frage auf: welche Bedeutung haben Gipfelkreuze heutzutage? Welche hatten sie früher? Und seit wann gibt es Gipfelkreuze überhaupt?

Die ersten Gipfelkreuze der Alpen errichteten Pilger Ende des 13.Jahrhunderts auf Bergpässen wie dem Arlberg oder dem Grödner Joch. Ende des 19.Jahrhunderts gab es eine neue Welle von Kreuz-Aufstellungen. Grund war der sprunghaft ansteigende Alpinismus.

Nach dem zweiten Weltkrieg errichteten im bayerischen Voralpenland viele Kriegsheimkehrer Kreuze auf den Bergspitzen – ein frommer Ausdruck der Dankbarkeit, überlebt zu haben. Die gekreuzten Holzbalken zeugen vom starken Katholizismus der Gegend. In der Nazizeit dienten christliche Gipfelkreuze auch als stummer Protest gegen Hakenkreuze. 1934 hatten die Nazis in Bad Tölz den Heigelkopf umbenannt - in "Hitlerberg". Auf der 1200 Meter hohen Kuppe stellten sie ein Hakenkreuz auf, das nachts sogar beleuchtet war. Diese Schandrune hackten Tölzer Bürger 1945 um, bevor die Amerikaner den Ort besetzten. Natürlich wollte es hernach keiner aufgestellt haben.

Heutzutage ist der religiöse Hintergrund des Gipfelkreuzes für manche Wanderer fast verschwunden.

Wahrzeichen des Alpenvereins

Heutzutage ist der religiöse Hintergrund des Gipfelkreuzes für manche Wanderer fast verschwunden.

Wanderer sagen: "Ich hab‘ jetzt zum ersten Mal darüber nachgedacht, dass das Kreuz ja ein Kreuz ist, was auch eine religiöse Bedeutung haben kann. Für mich war es immer das Gipfelkreuz, also der höchste Punkt. Es hätte auch eine Stange da stehen können."

"Ich finde, beides: religiöses Symbol und "Jetzt hab‘ ich das Ziel erreicht". Aber das Kreuz steht schon für das Religiöse."

"Der liebe Gott hat ja quasi diese Bergwelt erschaffen.  Das wird quasi mit dem Kreuz symbolisiert. Dass die Berge nicht von Menschenhand geschaffen wurden, sondern von Gottes Hand."

"Ich hab‘ ehrlich gesagt gar nicht drüber nachgedacht, wo das herkommt und wer es aufstellt. Ich dachte immer, das machen so Gruppen wie der Deutsche Alpenverein."

Tatsächlich ist in Bayern der Deutsche Alpen-Verein für die Aufstellung von Kreuzen auf Gipfeln zuständig. Nicht etwa die Kirchen. Für Thomas Bucher vom DAV in München ist die Abhack-Aktion deutschlandweit ein Novum:

"Wir haben sehr wohl erlebt, dass Gipfelkreuze kaputtgehen. Das ist dann aber immer aus Wettergründen.  Meistens, weil ein Blitz einschlägt oder ein Kreuz schon alt ist. Aber dass eines von Menschenhand zerstört wird, das haben wir in den Ostalpen noch nie erlebt."

Und als sei die Geschichte nicht schon skurril genug, bekommt sie nun eine  radikale Wendung: 15 junge Männer aus dem Raum Bad Tölz trugen in den vergangenen Tagen ein neues Holzkreuz auf den Scharfreiter und richteten es auf dem 2102 Meter hohen Gipfel auf. Das wäre nur eine Randnotiz, wenn sich die Träger nicht zur "Identitären Bewegung" zählten.  Einer völkisch orientierten Gruppe, die gegen die aus ihrer Sicht drohende Islamisierung des Abendlandes kämpft.  Im Polizeirevier von Bad Tölz verdreht Bernhard Gigl genervt die Augen.

Bernhard Gigl sagt: "Allein das Aufsehen, das die Aktionen bis jetzt schon erregt haben, das geht ja schon in politische Dimensionen rein."

Obendrein stellt das neue Gipfelkreuz auf dem Scharfreiter eine Gefahr für die Wanderer dar. Es bestehe aus minderwertigem Fichtenholz, ärgert sich Paul Schenk, der Tölzer Sektions-Chef des Deutschen Alpenvereins: "… weil das Gipfelkreuz, das jetzt oben steht – das haben wir auf den Bildern gesehen – ist nicht fachgerecht aufgebaut. Das ist von der Holzqualität sehr schlecht, so dass das in Kürze kaputt sein wird. Wir werden ein neues Gipfelkreuz aufbauen, das für die Zukunft da ist und lange besteht."

"Der Täter soll beim Rauftragen Buße tun"

Am 9.Oktober will der Alpenverein in einer feierlichen Prozession das neue Kreuz auf den Scharfreiter-Gipfel tragen. Das ist der Tag der traditionellen Bergweih. Dann finden auf vielen Gipfeln rund um Bad Tölz Gottesdienste statt. Paul Schenk hofft, dass die Polizei den Gipfelkreuz-Hacker bis dahin dingfest gemacht hat. "Das Gipfelkreuz ist einfach da, damit man sich oben anlehnen kann. Dass man sieht: jetzt bin i droben, i hab mei Ruh, i bin zufrieden. Also die Person, die das gemacht hat, ist herzlich eingeladen, dass er dann beim Rauftragen Buße tut."

Ein versöhnliches Angebot, das manche Bürger von Bad Tölz allerdings als zu gnädig erachten. Der Täter solle das Kreuz nicht etwa mittragen…

"… der soll’s allein nauftragen müssen wie der Jesus. Und zwei mit der Peitschn hinten nach. Damit er weiß, was er gmacht hat."

Diese Form der Bestrafung allerdings, darauf weist Polizeihauptkommissar Gigl vorsorglich hin, dürfte juristisch schwer zu rechtfertigen sein.

"Von der Strafbewertung ist es als gemeinschädliche  Sachbeschädigung einzustufen. Dafür wird mit ziemlicher Sicherheit keiner hinter schwedische Gardinen marschieren. Es ist aber natürlich wichtig, den Schuldfähigkeits- und den Geisteszustand desjenigen zu untersuchen, der zu einer strafrechtlichen Bewertung herangezogen werden sollte."

Am Flughafen Königsdorf ist Werner Kerzendorf inzwischen wieder gelandet. Drei abgeschlagene Gipfelkreuze hat er aus der Luft gefunden – nicht mehr, nicht weniger. Für ihn als Pilot sind die Kreuze auf den Bergspitzen wichtig. Er sagt: "Da sieht man, wie hoch man ist, das sind markante Punkte. Als Markierung, dass man richtig ist."

Wenn der Maschinenbau-Ingenieur Kerzendorf über die Alpengipfel fliegt, dann spricht eher der Naturwissenschaftler aus ihm: "Die Alpen gibt’s ja noch nicht so lang, in geologischer Hinsicht sind es ja erst 25 Millionen Jahre. Leben gibt’s seit 500 Millionen Jahren. Und die ganze Erde seit 5 Milliarden Jahren. Also gibt’s die Alpen erst ganz kurz. Und sie verändern sich ständig. Die Zugspitze wächst sogar noch! Ich weiß nicht, wie lange es dauert nach jetziger Planung, bis die 3000-Meter-Grenze endlich erreicht ist – und nicht nur auf dem Papier."

Hier hätten wir eine letzte Funktion des Gipfelkreuzes: auf der Zugspitze sorgt das goldene Kruzifix dafür, dass aus einem 2000er Deutschlands einziger 3000er wird.  Das Kreuz macht die Berge also  noch ein bisschen größer. Das kann man faktisch oder symbolisch betrachten. Das Zugspitz-Kreuz ist übrigens sicher vor dem Gipfelkreuz-Hacker: eine Webcam beobachtet es rund um die Uhr. Und wenn es mal verschwinden soll, dann erledigt das die Gemeinde Garmisch-Partenkirchen schon von selbst: die Marketing-Abteilung des  Tourismus-Städtchens hat vor einiger Zeit einen Werbe-Flyer für Dubai konzipiert, um arabische Touristen anzulocken. Und um die islamischen Gäste nicht verschrecken, haben die Marketing-Strategen das Gipfelkreuz auf der Zugspitze kurzerhand wegretouschiert.

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