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StartseiteDlf-MagazinNiemand will Bürgermeister in Breitbrunn werden13.02.2020

BayernNiemand will Bürgermeister in Breitbrunn werden

Breitbrunn ist ein 1000-Einwohner-Dorf im bayerischen Unterfranken. Die bisherige Bürgermeisterin ist seit zwölf Jahren im Amt; jetzt will sie endlich in Rente gehen. Doch die Suche nach einem Nachfolger gestaltet sich schwierig, offenbar will niemand den ehrenamtlichen Job machen.

Von Michael Watzke

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Gertrud Bühl, erste Bürgermeisterin von Breitbrunn in Unterfranken (Deutschlandradio / Michael Watzke)
Gertrud Bühl sucht einen Nachfolger (Deutschlandradio / Michael Watzke)
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Zwölf Uhr mittags in Breitbrunn – die Ausläufer von Sturm Sabine pfeifen durch den kleinen Ort. Niemand ist auf der Straße, außer einem LKW-Fahrer, der seinen Anhänger mit Stahlseilen sichert.

Wird er vielleicht der neue Bürgermeister von Breitbrunn? "Ich würde es auf jeden Fall nicht machen"", sagt er. "Zu zeitaufwändig. Würde beruflich gar nicht hinhauen, mit LKW fahren."

Quirlige Bürgermeisterin will in Rente gehen

Breitbrunn sucht einen ehrenamtlichen Bürgermeister in 50prozentiger Teilzeit. Voraussetzung: muss in Breitbrunn gemeldet, mindestens 18 Jahre alt und zupackend sein.

Bisher hat den Job eine freundliche, quirlige Rentnerin gemacht: "Grüßgott, mein Name ist Gertrud Bühl", stellt sie sich vor. "Ich bin die erste Bürgermeisterin von Breitbrunn. Wir sind eine sehr schöne Gemeinde mit vielen engagierten Mitbürgern."

Die engagierteste von ihnen dürfte wohl Gertrud Bühl sein. In zwölf Jahren Amtszeit hat die Freie Wählerin einen Bürgerbus, ein Generationen-Kaffee und einen Kindergarten eingerichtet. Der wird gerade generalsaniert – Bühl kommt eben von der Baustelle ins Gemeindezentrum zurück.

Auf ihrem Bürgermeisterschreibtisch wartet nun "der Breitband-Ausbau, der derzeit anläuft. Das wird gerade bei uns angeschlossen. Dann die Erlebniswelt 'Fränkischer Sandstein', das ist ein wunderbares Projekt."

Für dieses Freiluft-Museum hat Bürgermeisterin Bühl fast eine Million Euro EU-Fördermittel lockergemacht. Manche im Ort sagen, Bühl hinterlasse so große Fußstapfen, dass sich niemand im Ort traue, ihr nachzufolgen.

Vor dem Bürgermeister-Amt schrecken viele zurück

Denn bei der bayerischen Kommunalwahl im März hängt Bühl ihr Amt an den Nagel: "Ich werde jetzt im Mai 70 Jahre alt. Und die Amtszeit dauert ja sechs Jahre, also bis 76. Und das ist doch eine lange Zeit. Ich möchte jetzt doch gern in den Ruhe… äh, Unruhestand gehen."

Eigentlich hatte Bühl bereits einen Nachfolger gefunden, aber der musste wegen Krankheit kurzfristig absagen. Und auf die Schnelle fand sich kein neuer Bewerber.

Nur ein Anrufer, der sich als Bruder von Cem Özdemir vorstellte und hauptamtlicher Bürgermeister von Breitbrunn werden wollte: "Also ich hab‘ das mal ein bisschen nachverfolgt: Im Internet steht, dass der Herr Özdemir, unser Berliner Politiker, überhaupt keinen Bruder hat. Also nehme ich mal an, dass das nicht so ganz stimmte."

"Dickes Fell braucht man schon"

Gertrud Bühl legt Wert auf die Feststellung, dass es in ihrer Gemeinde nicht an ehrenamtlichem Engagement fehle. Es gebe viele aktive Bürger. Aber Bürgermeister? Da schrecken die meisten zurück.

Ist das Amt etwa zu gefährlich? Sie sei nie bedroht worden, sagt Bühl – anders als die Bürgermeister einiger Nachbarstädte. Angst müsse man nicht haben, aber "ein dickes Fell braucht man schon. Denn es gibt verschiedene Meinungen und Bürger, die verschiedene Meinungen haben. Aber man muss auch den Wunsch haben, auf den Bürger einzugehen. Ich möchte Vermittler sein zwischen dem Bürger, dem Gesetz und der Verwaltung."

Das mit dem dicken Fell sehen nicht alle so. Im fernen München fragt sich Bayerns Städtetags-Präsident Kurt Gribl: "Warum muss ich ein dickes Fell haben? Ich muss kein dickes Fell haben, das steht nicht in meiner Stellenbeschreibung. Da steht: offen sein, zugänglich sein. Dem steht entgegen, dass man sich ein dickes Fell zulegt, das eigentlich mehr zu Distanzierung führt."

Gribl, der Oberbürgermeister von Augsburg, hat gerade ein Maßnahmen-Paket vorgestellt, das es Kommunalpolitikern in Bayern erleichtern soll, mit anonymen Drohungen im Internet umzugehen. Dazu gehört zum Beispiel, "dass wir in einem vereinfachten Online-Verfahren problematische Sachverhalte zur Anzeige bringen können. Und wir haben jetzt auch konkrete Ansprechpartner bei allen 22 bayerischen Staatsanwaltschaften, die uns versiert beraten können, wie man mit bestimmten Situationen umgeht."

Zettelwahl in Breitbrunn

In Breitbrunn hofft Bürgermeisterin Bühl derweil, dass sich doch noch jemand meldet, der oder die ihr im Amt nachfolgen will. Die 800 Breitbrunner Wahlberechtigten müssten dessen Namen dann handschriftlich auf einen weißen Zettel schreiben, in die Wahlurne werfen und ihm so eine Mehrheit bescheren: "50,01 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen – die muss der Kandidat erhalten haben. Dann ist er gewählt – wenn er denn bereit ist, dieses Amt auch anzunehmen."

Es gebe da jemanden, der vielleicht bereit sei, sagt Bühl. Aber noch will sie keinen Namen nennen. Man sehe ja gerade bei der Union in Berlin, wohin es führe, wenn man zu eilig den Kopf nach einem Posten rausstrecke.

Werbung für das Wohlfühldorf

"Egal ob wir jetzt nach Bayern schauen oder in die Bundespolitik – jeder Kandidat, der sich zu früh zu erkennen gibt in der großen Politik, der bietet dann natürlich länger Angriffsflächen. Man kann also länger suchen. Das verstehe ich schon sehr."

Und dann nutzt Gertrud Bühl noch die Gelegenheit, ihr Wohlfühl-Dorf Breitbrunn einem bundesweiten Publikum ans Herz zu legen: "Ich brenne für meine Gemeinde, und ich denke, so sollte es auch sein. Man muss für seine Gemeinde etwas bewegen wollen, man muss bürgernah sein. Wir sind die jüngste Gemeinde des Landkreises mit 41,5 Jahren Altersdurchschnitt. Wir haben sehr viele junge Familien, die gern hier wohnen und auch bauen wollen. Oder Breitbrunner, die hier bleiben wollen. Oder wieder zurückkehren wollen nach Breitbrunn."

Und für die wird sich doch hoffentlich eine neue Bürgermeisterin oder ein Bürgermeister finden, sagt der Brummifahrer vor dem Gemeindezentrum. Breitbrunn hätte es verdient, findet er: "Die Hoffnung stirbt zum Schluss, sag‘ ich immer. Möglich ist alles!"

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