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StartseiteForschung aktuellBechern in der Bronzezeit03.09.2010

Bechern in der Bronzezeit

3000 Jahre alte Funde aus Venetien belegen regen Alkoholkonsum

Archäologie. - Die ältesten Belege für Alkoholkonsum reichen 9000 Jahre zurück. Wie es um die Trinkgewohnheiten in der Bronze- und Eisenzeit in Norditalien bestellt war, darüber berichteten Forscher auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Archäologie in Den Haag.

Von Michael Stang

Aus Glaskelchen trank man in der Bronzezeit wohl noch nicht, aber Alkoholisches wußte man trotzdem zu schätzen.  (AP)
Aus Glaskelchen trank man in der Bronzezeit wohl noch nicht, aber Alkoholisches wußte man trotzdem zu schätzen. (AP)

In den 1970er-Jahren gruben Archäologen die Überreste eines Dorfes im norditalienischen Venetien aus. Unter den bis zu 3000 Jahre alten menschlichen Hinterlassenschaften befanden sich nicht nur Siedlungsreste, sondern auch 600 Gräber, die zum Teil reich an Beigaben waren. Diese besonderen Fundstücke hat sich nun Elisa Perego vom University College in London genauer angeschaut. Bei ihren Untersuchungen entdeckte die italienische Archäologin zahlreiche Gegenstände, die auf einen regen Alkoholkonsum der damaligen Bevölkerung schließen lassen. Biochemische Analysen dieser Hinterlassenschaften, die den einst in den Gefäßen aufbewahrten Alkohol bestimmen könnten, gebe es zwar noch nicht, aber die Indizien seien so zahlreich, dass es keine andere Interpretation gebe.

"Einer unserer Beweise ist etwa, dass damals bereits Wein systematisch angebaut wurde, wahrscheinlich schon in der späten Bronzezeit, also 900 vor Christus. Außerdem haben wir viele Hinterlassenschaften, die auf einen Alkoholkonsum hinweisen, wie etwa typische Schöpf- und Trinkbecher, mit denen der Alkohol aus den großen Gefäßen geschöpft wurde."

Zudem zeigten Korrosionen am Boden vieler Gefäße typische Spuren von Alkohol, ebenso deuten bildliche Darstellungen darauf hin, dass damals regelmäßig Alkohol in Norditalien getrunken wurde. Unter den Funden entdeckte Elisa Perego auch Mixgeräte, in denen Alkohol mit Wasser vermischt wurde und auch große Bottiche, die sich zum Transport von Flüssigkeiten eigneten. Auch die auf den Darstellungen erkennbaren kleinen Schälchen, auf denen vermutlich kleine Häppchen gereicht wurden, entdeckte die Archäologin in vielen Gräbern. Um herauszufinden, welche Gesellschaftsschichten damals Alkohol konsumierten, teilte sie die Gräber anhand der Fülle der Beigaben in drei soziale Schichten ein - Elite, Mittelstand und arme Leute – und schaute, in welchen Gräbern Trinkbecher, Weinkelche und ähnliches lagen.

"Alkohol herzustellen und auch noch lange zu lagern, war damals eine komplizierte Angelegenheit. Die Menschen konnten Alkohol vermutlich nicht in solchen Mengen herstellen, dass sie ihn täglich trinken konnten. Hinzu kommt, dass eine aufwändige Produktion ihren Preis hat und da wir die meisten Alkoholgefäße in Gräbern wohlhabenden Menschen gefunden haben, war wohl nur die Elite finanziell in der Lage, sich dem Alkohol öfters hinzugeben."

Zwar wurde die Mehrheit der Alkoholgefäße in den Gräbern wohlhabender Menschen gefunden, jedoch lagen auch in den Grabstätten armer Leute zum Teil diese typischen Trinkgefäße. Dies könne als Zeichen dafür gewertet werden, dass das Trinken von Alkohol in allen Gesellschaftsschichten üblich war, wenn auch nicht gleich häufig, so Elisa Perego. Vielmehr war es damals vermutlich üblich, zu besonderen Anlässen Alkohol zu trinken, da er eine wichtige Funktion beim Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft hatte, etwa beim Zelebrieren bestimmter Rituale. Bei weiteren Analysen zeigte sich auch, dass - entgegen der bisherigen Lehrmeinung – nicht nur Männer Alkohol zu sich nahmen.

"Es gibt zunehmende Beweise, dass Frauen schon in der Eisenzeit Alkohol getrunken haben. Diese Belege sind vor allem viele Grabbeigaben, wie etwa Trinkbecher, Kannen und Schöpfgefäße, die alle mit Alkoholkonsum assoziiert werden. Solche Beigaben waren vermutlich teure Geschenke an die Toten."

Nach dem Vortrag stellte ein Zuhörer die Frage, ob solche Beigaben bei Frauen nicht auch darauf hindeuten könnten, dass sie als Kellnerinnen gearbeitet haben, schließlich zeigten die bildlichen Darstellungen in der Regel Frauen, die den Männern die Becher füllten. Elisa Peregos Antwort war: Dann müsse es damals viele Kellner gegeben haben.

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