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StartseiteForschung aktuell"Ölpalmenplantagen und illegale Tötung müssen gestoppt werden"07.11.2018

Bedrohte Orang-Utans in Indonesien"Ölpalmenplantagen und illegale Tötung müssen gestoppt werden"

Biodiversitäts-Forscherin Maria Voigt widerspricht indonesischen Regierungsberichten, wonach sich die Orang-Utan-Bestände auf Borneo erholt hätten. Die Zahlen seien nicht repräsentativ, sagte sie im Dlf. Die Lage sei weiterhin kritisch, alle drei Arten seien weiterhin vom Aussterben bedroht.

Maria Voigt im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Borneo-Orang-Utan (Pongo pygmaeus) mit Jungtier im Tanjung Puting National Park, Zentral Kalimantan, Borneo, Indonesien, Asien | picture alliance / imageBROKER | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (imageBROKER)
"Weiter vom Aussterben bedroht": Orang-Utan mit Jungtier im Tanjung Puting National Park, Borneo (imageBROKER)
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Lennart Pyritz: Sie sind nahe Verwandte. Und ein bisschen ähnlich sehen sie uns auch. Daher der Name: Orang-Utan - Malaiisch für "Wald-Mensch". Verbreitet sind sie in drei Arten auf den südostasiatischen Inseln Sumatra und Borneo. Dass Abholzung und Jagd den Tieren zusetzen, ist lange bekannt. Im Februar haben Wissenschaftler genau untersucht, wie es den Orang-Utans auf Borneo geht, und kamen zum Schluss, dass deren Zahl von 1999 bis 2015 um 100.000 geschrumpft ist. Wir haben damals hier in "Forschung aktuell" darüber berichtet. Kürzlich hat nun die indonesische Regierung gemeldet, die Orang-Utan-Populationen im Land hätten zwischen 2015 und 2017 um mehr als zehn Prozent zugenommen. Diesen Bericht kritisieren jetzt wiederum Autoren der Studie vom Frühjahr. Zu ihnen gehört Maria Voigt vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, mit der ich vor der Sendung telefoniert habe. Ich habe sie zuerst gefragt, ob sich die Orang-Utan-Bestände überraschend erholt haben.

Maria Voigt: Nein. Wir sind der Meinung, dass es nicht zu einer Erholung gekommen ist. Und alles, was wir wissen, aus vergangenen Studien, aber auch aus Beobachtungen im Feld seit 2015, weist nicht darauf hin.

Regierungszahlen "nicht repräsentativ für Orang-Urans in Borneo"

Pyritz: Wie kommt es denn dann zu dieser doch krassen Diskrepanz zwischen den Zahlen, die die indonesische Regierung jetzt präsentiert hat, und denen, die Sie in Ihrer "Current Biology"-Studie im Februar dieses Jahres vorgelegt haben?

Voigt: Die Regierung greift zurück auf Beobachtungen, die in zwei Jahren in neun verschiedenen Gebieten gemacht wurden, eben zwischen 2015 und 2017. Und in diesen Gebieten ist es zu einer Vergrößerung der Population gekommen. Aber man muss sich das so vorstellen, dass, wenn wir in Deutschland in neun Villengebiete gehen in Städten und fragen die Leute, wie viel Geld sie haben -  und danach sagen würden, alle in Deutschland sind reich. Denn diese Gebiete sind praktisch nicht repräsentativ für die Orang-Utans in Borneo, die größtenteils zum Beispiel außerhalb von Schutzgebieten vorkommen. Und diese beprobten Gebiete waren ausschließlich Schutzgebiete.

Pyritz: Das sind also dann oder wären methodische Fehler, die diesem Bericht der indonesischen Regierung zugrunde liegen. Hat denn die indonesische Regierung Ihrer Einschätzung nach absichtlich geschönte Zahlen veröffentlicht oder fehlt da eventuell das wissenschaftliche Know-how oder auch der Austausch mit der internationalen Wissenschafts-Community, sodass es eben zu so unterschiedlichen Zahlen kommen kann?

Voigt: Wir tendieren eher dazu, zu denken, dass es nicht absichtlich war. Sondern, wie Sie es schon gesagt haben, es fehlt an Austausch, es fehlt an methodischem Wissen, zum Beispiel eben, dass man systematisch und repräsentativ proben muss und dann auch praktisch die statistischen Werkzeuge und Computermodelle, um dann solche Zahlen für so ein riesiges Gebiet zu produzieren. Wir denken schon, dass ein gewisser Druck da ist natürlich, Erfolg zu vermelden, aber dass das nicht vorsätzlich ist. Wir glauben schon, dass es in den Gebieten tatsächlich zu einer Erhöhung kam, die gemessen wurde.

Pyritz: Noch mal zur Methodik. Da haben Sie ja jetzt schon einige Hinweise gegeben. Orang-Utans sind ja scheue, im Wald lebende Tiere. Wie sind Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen denn bei Ihrer Studie im Frühjahr vorgegangen, um tatsächlich zuverlässige Zahlen zur Populationsgröße zu bekommen?

"Gefährdungslage weiter kritisch"

Voigt: Zum einen, wie Sie schon gesagt haben, das sind scheue Tiere. Das heißt, oftmals können wir sie gar nicht selbst beobachten, sondern Wissenschaftler und Assistenten im Feld gehen durch den Wald und zählen Schlafnester, die Orang-Utans machen. Und im Unterschied zu der indonesischen Studie haben wir nicht nur neun Gebiete, sondern mehr als tausend Gebiete uns angeguckt, und zwar auch über 16 Jahre. Es reicht eben nicht, nur zwei Jahre lang zu gucken, sondern man braucht einen viel längeren Zeitraum. Und dann haben wir diese Information von den vielen Beprobungsorten in ein statistisches Computermodell eingespeist und haben dort auch zum Beispiel Informationen über den Lebensraum und die Bedrohung mit hinein getan. Und am Ende können wir dann über den gesamten Zeitraum und für das gesamte Gebiet eine Karte erstellen, und dann sehen wir, wie sich die Zahlen über die Zeit verändern, und können eben diesen großen Verlust nachweisen.

Pyritz: Wenn der Abwärtstrend bei der Populationsgröße der Orang-Utans jetzt weitergeht und die indonesische Regierung ein verzerrtes Bild geliefert hat - wie ist die Gefährdungslage? Droht den Orang-Utans in Indonesien tatsächlich irgendwann in absehbarer Zeit das Aussterben? Können Sie das einschätzen?

Voigt: Die Lage ist schon kritisch. Wir wissen, dass alle drei Arten vom Aussterben bedroht sind. Und wenn die Regierung natürlich jetzt davon ausgeht, dass das Problem gar nicht so schlimm ist - es gibt keinen rapiden Verlust, sondern im Gegenteil eine Zunahme -, dann würden die natürlich andere Naturschutzmaßnahmen ergreifen oder vielleicht gar nicht ergreifen, da diese Art jetzt nicht mehr gefährdet ist oder so sehr gefährdet ist. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man darauf hinweist, dass diese Zahlen nicht stimmen können. Und insgesamt sagen ich und meine Koautoren, dass wir nicht denken, dass der Orang-Utan so schnell ausstirbt - oder wir haben die Hoffnung, da die Art so wichtig ist, sie mit dem Menschen so nahe verwandt ist. Aber gerade zum Beispiel für den Tapanuli-Orang-Utan, von dem es sehr wenige gibt und in dessen Lebensraum gerade ein großer Staudamm geplant wird, für den ist die Lage besonders kritisch, und es müssen schnell Maßnahmen ergriffen werden.

Abholzen des Lebensraums für Palmöl

Pyritz: Was wären denn die dringendsten und gleichzeitig aber auch realistischen Maßnahmen, um das Überleben der Orang-Utans langfristig zu sichern?

Voigt: Die dringendsten Maßnahmen sind auf jeden Fall, den Lebensraum zu schützen, nicht weiter Wälder abzuholzen. Ein Schritt in die richtige Richtung ist hier zum Beispiel ein Moratorium für Ölpalmenplantagen. Das heißt, Gebiete, die schon an Ölpalmenplantagen vergeben wurden, aber noch nicht abgeholzt, dürfen nicht mehr abgeholzt werden. Dieses Moratorium ist gerade erst verabschiedet worden, und ist sozusagen was Positives. Das andere, was wichtig ist neben dem Lebensraumschutz, ist die illegale Tötung von Orang-Utans zu stoppen. Weil Orang-Utans sich so langsam nur vermehren, ist das eine große Bedrohung für sie, und das wird auch zum Beispiel in Indonesien noch gar nicht so angegangen als Problem. Also Bejagung zum einen, aber auch Tötung in Konfliktfällen. Wenn zum Beispiel ein Orang-Utan in einen Garten oder eine Plantage geht, um dort sich bei den Früchten zu bedienen, dann werden die oft getötet. Nicht oft, aber immer wieder - und das immer wieder ist eben zu oft für die Art.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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