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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenBedrohung, Hoffnung, Skepsis14.11.2013

Bedrohung, Hoffnung, Skepsis

Tagebücher von Zeitzeugen der NS-Machtergreifung 1933

Über die verhängnisvollen Folgen der Machtergreifung der Nationalsozialisten ist viel bekannt. Über die unmittelbaren Reaktionen und Einschätzungen damaliger Zeitgenossen allerdings nur wenig. Historiker haben jetzt vier Hamburger Tagebücher aus dem Jahr 1933 ausgewertet.

Von Ursula Storost

Die Ausgabe des "Völkischen Beobachters" vom 31. Januar 1933 berichtet über den Marsch der SA durch das Brandenburger Tor. (AP Archiv)
Die Ausgabe des "Völkischen Beobachters" vom 31. Januar 1933 berichtet über den Marsch der SA durch das Brandenburger Tor. (AP Archiv)
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Schwerpunktthema: 80 Jahre nach der Machtergreifung der Nazis

Tagebucheintragung vom 24. März 1933.

"Hitlers großer Sieg im Reichstag. Die Ermächtigung erteilt. Das heißt eigentlich die Diktatur. Ein Glück."

Die Frau, die diese Zeilen zu Papier brachte, war die Hamburger Lehrerin Luise Solmitz. Sie war von Hitler begeistert und stilisierte ihn fast in religiöser Weise hoch, sagt die Historikerin Dr. Beate Meyer vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden.

"Die Aussicht, dass Deutschland keine Klassenkämpfe mehr haben wird, sondern unter dem Hakenkreuz vereint wird. Dass endlich einer da ist, der sagt, wo es langgeht. Sie hat ein großes Bedürfnis dabei zu sein und sich auch emotional aufgehoben zu fühlen."

Etwa ein Jahr lang haben sich Beate Meyer und zwei Historiker von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg mit den Tagebuchaufzeichnungen von vier Hamburgern aus dem Jahr 1933 beschäftigt.

"Das war doch sehr spannend noch mal zurückzugehen, sonst beschäftigen wir uns ja immer mit den Endjahren des NS, wie sah das eigentlich am Anfang aus. Was haben die Leute befürchtet, was haben sie gehofft, was dachten sie, wohin der Nationalsozialismus treibt, nachdem er die Macht übernommen hat."

So war auch die begeisterte Luise Solmitz irritiert, als die Nationalsozialisten Ende März 33 einen Boykott gegen jüdische Geschäfte ankündigten. Ihr eigener Mann war zwar getauft. Aber jüdischer Herkunft.

"Luise ist ja auch dafür, dass man Juden z.B. das Schächten verbietet. Weil damit treibt man sie aus dem Land. Das findet sie ne kluge Judenpolitik. Sie will die ja auch nicht da haben. Jedenfalls keine Juden, die man äußerlich erkennen kann. Sondern nur solche wie Fredi, die man nicht mehr erkennen kann."

Einer der Tagebuchschreiber ist auch der jüdische Jurist Kurt Fritz Rosenberg. Der hatte im März 1933 einen anderen Blickwinkel als Luise Solmitz.

"Der sieht schon sehr früh, weil er ein sehr intellektueller Mann auch ist, wohin die Reise geht. Er beschließt schon sehr früh, ich emigriere mit meiner Familie. Aber er will sein Lebenswerk nicht völlig aufgeben. Der hat gut verdient die Jahre davor, der hat ne gute soziale Stellung gehabt."

"Die seelische Belastung dieser Tage ist nicht wiederzugeben. Wir sprechen oft von Auswanderung"

Rosenberg notiert zahlreiche Berichte aus Zeitungen, von Freunden und Bekannten über die Misshandlungen von Juden im Deutschen Reich. Andererseits, so Beate Meyer, ist er im Frühjahr 33 noch zuversichtlich.

"Er hofft insbesondere, dass die Deutschnationalen oder dass der Stahlhelm irgendwie mäßigend einwirken wird. Weil sie das ja alle wussten. So zur Linken guckt er weniger. Da hat er selbst sich nicht verortet. Und denen traute er das auch nicht zu. Aber er hat doch gehofft, dass die bürgerlichen Kräfte aufstehen würden. Oder vielleicht die Kirche."

Ein weiterer Tagebuchschreiber ist der großbürgerliche Bankier Cornelius Freiherr von Berenberg-Goßler. Ein gestandener Deutschnationaler, der allerdings schon im März 1933 in die NSDAP eintritt, erzählt der Historiker Joachim Szodrzynski.

"Also bei der Wahl im März wählt er weiterhin diesen Kampfbund Schwarz-Weiß-Rot. Das sind eben die Deutschnationalen. Aber er will eben sichergehen, dass, wenn jetzt neue Zeiten anbrechen, er nicht auf dem falschen Fuß erwischt wird und eben dann doch zumindest formal auf der richtigen Seite ist."

Aus dem Tagebuch erfahren wir, dass Berenberg-Goßler den befreundeten jüdischen Bankdirektor Salomon aufsucht, um ihn nach seiner Meinung zum geplanten Parteieintritt zu fragen. Zitat 11. März:

"Salomon findet meinen Plan richtig. Er halte meinen Eintritt in die Nazi Partei für gut, weil in die Partei Leute gehen müssten, die nicht antisemitisch seien."

Auf der anderen Seite setzt Berenberg-Goßler sich couragiert für seine jüdischen Freunde und die jüdischen Professoren an der Universität ein. Teilweise mit großem Erfolg. Dafür lässt er seine Beziehungen spielen und kontaktiert höchste Behördenebenen.

"Also das ist so was wie Zivilcourage auf großbürgerlicher Ebene. Man interveniert, hat aber gleichzeitig auch das Gefühl, da kommt jetzt wahrscheinlich, weil ich derjenige bin, der ich bin, auch was bei raus."

Im Übrigen, so Joachim Szodrzynski, war der durch und durch hanseatische Kaufmann Berenberg-Goßler grundsätzlich gegen die Enteignung und Vertreibung großer Teile der jüdischen Bevölkerung.

"Er sieht damit auch ein bisschen ausgehebelt sein Wertesystem, an das er die ganze Zeit auch glaubt. So nach dem Motto, wer es zu was gebracht hat und wer über Generationen in Hamburg beglaubigt hat, dass er ein wertvoller Teil der Gesellschaft ist, den kann man nicht einfach auf rassischer Grundlage ausgrenzen und letztendlich dann ins Ausland treiben."

Der Vierte im Bunde der Tagebuchschreiber ist Nikolaus Sieveking. Der Spross einer alteingesessenen großbürgerlichen hanseatischen Familie arbeitet in untergeordneter Position am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut. Er analysiert seine Umwelt sehr aufmerksam und begreift sich, wie Joachim Szodrzynski es ausdrückt, als frei schwebender Intellektueller.

"Er kommentiert eigentlich immer aus dem Off die Situation, die ihn umgibt. Und das tut er dann auch mit großer Vehemenz 33. Also er ist alles andere als ein Anhänger des NS. Wählt teilweise Kommunisten. Was keineswegs heißt, dass er Kommunist ist. Sondern das hat auch wieder was mit diesem antibürgerlichen Gestus zu tun und diesem kritischen intellektuellen Habitus, den er pflegt."

Sieveking schreibt am 21.März, dem Tag der umjubelten Eröffnung des neuen Reichstags in der Potsdamer Garnisonkirche:

"An diesen Dingen werde ich niemals teilhaben. Lieber allein, ohne jeden Freund, ganz für mich mit Buch und Schrift."

Die Tagebücher zeigen: das Jahr 1933 kennzeichnete vor allem eine eklatante Fehleinschätzungen deutschnationaler bürgerlicher Kräfte, erklärt Joachim Szodrzynski.

"Ganz viele von den bürgerlichen Leuten gehen ja davon aus, der 30. Januar 33 bedeutet eigentlich nicht, diese sogenannte Machtergreifung der Nationalsozialisten sondern im Gegenteil die Zähmung der NS durch ihren Eintritt in die Regierung."

Selbst so begeisterte Hitler Anhängerinnen wie Luise Solmitz täuschten sich. Ihr Haus wurde nach 1938 zu einem Judenhaus erklärt, ihr Mann musste Zwangsarbeit leisten. Ende 1933 überwog für die Hamburger Lehrerin aber immer noch das Gute am Führer. Beate Meyer.

"Also erstens Hitlers internationale Erfolge, seine Präsentation nach außen. Und außerdem haben sie ne Zentralheizung bekommen. Das ist auch gut."

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