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StartseiteInterviewPsychologe: Weniger dramatisieren, mehr versachlichen10.04.2018

BedrohungsgefühlePsychologe: Weniger dramatisieren, mehr versachlichen

Weniger Fokussierung in den Medien auf den Täter, mehr auf die Umstände - das riet Psychologe Mirko Allwinn im Dlf, um nach Ereignissen wie der Amokfahrt in Münster eventuelle Nachahmungseffekte zu vermeiden. Bedrohungsgefühlen in der Bevölkerung könne entgegengewirkt werden, indem man den Austausch über die Ereignisse versachliche.

Mirko Allwinn im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

Eine Frau mit Kind an der Kiepenkerl-Statue in Münster, wo Trauernde Blumen ablegten (imago/epd)
Eine sachliche Auseinandersetzung mit Geschehnissen wie dem in Münster sei untereinander ratsam, sagt der Psychologe Mirko Allwin (imago/epd)
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Ann-Kathrin Büüsker: Am Wochenende hat sich bei vielen ein Gefühl der Bedrohung breit gemacht. Erst durch die Ereignisse von Münster, wo ein Mann in suizidaler Absicht sein Fahrzeug in eine Menschenmenge gesteuert hat, zwei Menschen tötete und zahlreiche weitere verletzte. Und dann am Sonntag, als die Polizei in Berlin mehrere Männer festnahm, die angeblich Terrorpläne hatten rund um den Berlin-Marathon. Gestern stellte sich dann heraus: Das war gar nicht zu beweisen, die Männer sind wieder frei.

Trotzdem ist in vielen Köpfen was geblieben, ein Gefühl von, na ja, da ist was im Argen, ein Bedrohungsgefühl eben. Jetzt werden Sie vielleicht sagen: Mensch, jetzt redet nicht noch darüber, das macht es auch nicht besser. Ich weiß aber, ehrlich gesagt, nicht so recht: Macht es das besser, wenn man es komplett ignoriert?

Wir wollen uns hier im Deutschlandfunk jetzt ein bisschen mit dieser Gefühlslage auseinandersetzen, gemeinsam mit dem Psychologen Mirko Allwinn vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Guten Morgen!

"Die Foren tönen nach solchen Ereignissen"

Mirko Allwinn: Guten Morgen, Frau Büüsker.

Büüsker: Herr Allwinn, wenn jetzt viele Leute so ein Gefühl von Bedrohung haben, machen wir das nur schlimmer, wenn wir darüber reden, oder muss man sich mit so einem Gefühl vielleicht auch einfach auseinandersetzen?

Allwinn: Ja. Wir empfehlen, wenn die Gedanken aufkommen, die Beschäftigung mit solchen Taten vorhanden ist, dann auch gerne darüber zu sprechen – nicht unbedingt immer auf der emotionalen Ebene, aber sich durchaus in den Austausch begeben. Das passiert sowieso. Wenn man in die Foren guckt, die tönen gerade nach solchen Ereignissen. Dann kann man das auch medial begleiten. Die Frage ist natürlich, wie man so etwas macht, und das vielleicht auch nicht zu dramatisieren, sondern ich rate hier zu einer gewissen Versachlichung.

Büüsker: Was sind denn falsche Formen der Auseinandersetzung?

Allwinn: Wenn sehr, sehr schnell begonnen wird, vielleicht über die Ursachen zu spekulieren, ohne dass man schon Fakten hat. Das ist etwas, was wir leider auch nach solchen Taten recht häufig sehen, manchmal auch von Politikern direkt. Ich gehe aber davon aus, dass sehr, sehr viele Zuhörer das auch durchschauen werden. Das sind natürlich dann Formen, wenn sehr, sehr schnell vielleicht Bevölkerungsgruppen dafür verantwortlich gemacht werden und man hat noch gar keine Fakten.

Von Akutphase bis Rückkehr zur Normalität

Büüsker: Der Chefredakteur der Westfälischen Nachrichten berichtete am Samstag bei uns im Programm wenige Stunden nach den Vorkommnissen von Münster, dass der Schock bei den Menschen in Münster wirklich tief saß, dass da so ein Gefühl war von, jetzt hat es uns auch getroffen, obwohl das Ganze ja gar kein islamistischer Anschlag war, sondern eine Amokfahrt, aber es wurde trotzdem in so einen Bezug gesetzt von terroristischen Taten. Kann man sagen, dass die Umstände, die Motive dann in den ersten Stunden einer solchen Tat für die Betroffenen überhaupt keine Rolle spielen?

Allwinn: Ja, das kann man sehr wohl sagen, gerade am Anfang. Man kann Pi mal Daumen etwa drei Phasen ausmachen: Die Akutphase, in der alles recht konfus ist und man auch sehr, sehr viele starke Emotionsregungen hat, und natürlich bringt man das in Verbindung mit Taten, in denen Fahrzeuge auch anderswo eingesetzt wurden für Anschläge, beispielsweise wie in Berlin oder auch in Paris. Man bringt das damit in Verbindung, das ist auch durchaus normal, und erst mal herrscht große Verunsicherung. Und was wir auch sehen, auch in anderen Ländern, in anderen Städten, in kleinen Gemeinden: Oh, jetzt hat es uns auch getroffen. Und davor herrschte häufig das Gefühl: Nein, so etwas kann uns nicht erreichen, das wird uns nicht betreffen, was auch ganz normal ist, diese Perspektive, weil wir wollen uns ein Stück weit davon auch distanzieren, um unser normales Leben leben zu können.

Büüsker: Sie haben die Akutphase genannt, aber von drei Phasen gesprochen. Was kommt nach der Akutphase?

Allwinn: Zuerst die Notfallphase, große emotionale Verunsicherung, starke negative Gefühle. Das ist alles absolut nachvollziehbar. Danach kommt die Unterdrückungsphase. In der Notfall- oder in der Akutphase spricht man häufig darüber, auch medial natürlich, medial begleitet. Die Unterdrückungsphase ist noch nicht so gut erforscht, aber man stellt fest, auch auf großen Ebenen, sage ich mal, auf gesellschaftlicher Ebene, dass dort dann die Gedanken zwar schon noch vorhanden sind bei den Menschen – beispielsweise man hat Telefonumfragen gemacht -, aber das Reden darüber abnimmt. Und zu guter Letzt die dritte Phase wäre dann auch irgendwann die Rückkehr zur Normalität. Auch wenn man sich das unmittelbar nach solchen Taten nicht vorstellen kann, ist glücklicherweise der Mensch recht gut darin, auch solche negativen Ereignisse wieder ein Stück weit zu verdrängen und auch Distanz zu schaffen. Das ist auch gut, das sollte auch funktionieren in den meisten Fällen. Und dann wieder ein Rückgang zur Normalität.

"Seehofers Kommentare ein Stück weit nachvollziehbar"

Büüsker: Direkt nach den Ereignissen der Amokfahrt von Münster hat Innenminister Horst Seehofer betont, dass die Terrorgefahr in Deutschland gerade sehr hoch ist. Er hat die Amokfahrt in Münster benannt und dann verbal einen Bezug hergestellt dazu, dass in Deutschland jederzeit mit einem Anschlag gerechnet werden muss. Instrumentalisiert er da die Ängste der Menschen?

Allwinn: Ich hoffe nicht. – Auf der einen Seite muss die Politik natürlich über aktuelle Lagen aufklären. Ein paar mehr Sätze dazu wären sicher auch noch hilfreich gewesen, das auch nicht zu überdramatisieren. Ich meine, er hätte auch danach gesagt, okay, aber die Sicherheitsbehörden sind sehr, sehr aufmerksam und reagieren da auch gut. Es gibt auch Gegenmaßnahmen. Die Gefahr ist zwar hoch, aber gleichzeitig auch die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden. – Ja, es ist ein Stück weit nachvollziehbar, dass er das so kommentiert.

Büüsker: Schauen wir noch mal auf eine andere Perspektive, nämlich die Berichterstattung über islamistische Attentäter. Die war ja in den letzten Jahren allgegenwärtig – dadurch, dass wir so viele Anschläge auch gesehen haben. Kann das so was haben wie einen Nachahmereffekt auf vielleicht psychisch instabile Personen, die sich gar nicht mit dem Islamismus identifizieren, aber darin irgendwas sehen, in diesen Taten, was sie dann nachahmen?

Allwinn: Ja, diesen Effekt, den kennen wir sehr, sehr gut, beispielsweise aus der Suizidforschung. Vielleicht ein kurzer Nebenhinweis: Was mich sehr, sehr freut ist, dass mittlerweile in den Medien sehr, sehr häufig darauf hingewiesen wird, dass es diesen Effekt gibt. Das ist etwas Gutes, gleichzeitig in Kombination mit Sorgentelefonen oder Notfall-Hotlines, sage ich mal. Auch diesen Effekt, diesen Nachahmereffekt, den stellen wir auch bei solchen Taten fest. Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Manchmal beginnen sich Menschen allein mit dem Ablauf zu identifizieren, oder sich darüber kundig zu machen, wie hat jemand eine Tat begangen, in dem Fall dann mit einem Fahrzeug. Das heißt einen Nachahmungseffekt in dem Sinne, ich nutze die ähnliche Methode, und das wäre dann bei psychisch instabilen Menschen mitunter ein erhöhtes Risiko, kann aber sogar so weit gehen, dass sich ein Mensch mit dem Leben des anderen identifiziert und da einen sehr, sehr großen Bezug zum eigenen Leben herstellt, und das macht es natürlich sehr, sehr problematisch, weshalb dann eine sehr, sehr tiefe Innenschau in die Psyche eines Täters nicht immer erwünscht ist.

Weniger Fokussierung auf den Täter wäre gut

Büüsker: Das heißt auch für uns Medien weniger Fokussierung auf den Täter?

Allwinn: Ja. Weniger Fokussierung auf den Täter, mehr auf die Umstände, auf die Situation, vielleicht auch einen gewissen Opferbezug, aber genauso, wie wir das heute hier machen oder versuchen, das zu machen, auch zu sagen, okay, was macht das mit einer Gesellschaft, wie geht es in den Städten im Moment ab.

Büüsker: Der Psychologe Mirko Allwinn vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, live im Deutschlandfunk. Vielen Dank für das Gespräch heute Morgen, Herr Allwinn.

Allwinn: Besten Dank, Frau Büüsker.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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