Der erste Auftritt ist ganz wie gewohnt. Wladimir Malakhov eröffnet mit einer klassischen Sprungkombination, fliegt in der ihm eigenen Leichtigkeit und Dezenz über die Bühne. Doch schon nach den ersten Drehungen bricht er ab, verharrt im Stand, krümmt sich, reißt den Mund auf zu einem irren Lachen. Als wenn er uns zeigen will: Hier endet jede Repräsentation, wie sie dem klassischen Ballett im Innersten zueigen ist. Hier wird nicht mehr gelächelt. Sich aus der Erstarrung lösend, beginnt er schließlich mit einem ganz neuen, für ihn ungewohnten Bewegungsmaterial: die Brechung der aufrechten Position, der abgeknickte Oberkörper, das Kreiseln des Kopfes. Erdung statt in den Himmel streben. Und er beginnt kleine Episoden aus seinem Leben zu erzählen. Von der täglichen Schufterei, der Müdigkeit, den Schmerzen. Arbeiten, schlafen, arbeiten und zwischendurch kaum laufen können. Berichtet also über das vielbesungene unaufregende, anstrengende, schmerzensreiche Leben eines berühmten Balletttänzers. Akustisch zwar nicht immer verständlich, doch ganz ohne Lamoryanz, sondern durchaus mit Humor.
Sechs Wochen lang haben Sasha Waltz und Wladimir Malakhov täglich zwei bis drei Stunden miteinander gearbeitet. Tief in die Biographie Malakhovs ist Sasha Waltz dabei gegangen, hat aus seinen Erfahrungen auf der härtesten Ballettschule der Welt, den Geschichten über ersten Erfolge in der damaligen Sowjetunion und den mutigen Neuanfang in der westlichen Welt ein fünfzehnminütiges Solo für den Startänzer kreiert und dabei ganz auf die Spannung zwischen klassischem und zeitgenössischem Bewegungsmaterial gesetzt. Gleichwohl nicht immer mit Erfolg. Zwar überzeugt Malakhov besonders gegen Ende tänzerisch auch mit den ungewohnten Bewegungsqualitäten und an einigen Stellen sogar als selbstironischer Darsteller, doch scheint das Solo als ganzes seine Substanz nicht entfalten zu können, ist beendet ehe es richtig begonnen hat, wirkt eher wie das Zwischenergebnis eines ‚work in progress’, wie der erste, noch tastende, unfertige Schritt einer Zusammenarbeit zwischen Vertretern verschiedener Welten, wie das vorsichtige Ausprobieren dessen, was möglich ist.
Die Fallhöhe zwischen den großen Erwartungen an das medienwirksame Paar aus dem Reich des Tanzes und dem, was auf der Bühne sichtbar wird, ist schlichtweg zu hoch.
Dabei wurde das als Höhepunkt angekündigte ‚Solo für Malakhov’ von zwei wirklich großartigen Ereignissen flankiert. William Forsythes Quartett ‚N.N.N.N.’ eröffnet den Abend mit komplexer Bewegungsqualität und pointierten Humor. Die vier Männer auf der Bühne in einfacher Trainingskleidung beginnen ein Spiel mit ihren Gliedmaßen und der Schwerkraft. Arme werden in die Luft geworfen und wie Bälle wieder aufgefangen, Hände berühren Köpfe und manipulieren sie mit fließenden Impulsen, es ist ein ewiges Schwingen, Kreisen und Stoppen der Bewegungen. Die Männer finden sich mal zu Viert, mal zu kurzen Duetten zusammen oder tanzen allein, ein unermüdliches Zusammenkommen und Auseinanderstieben der Gruppe. Den Rhythmus setzt dabei der Atem und verleiht dem Ganzen eine ungewöhnliche Komik: das immer schwerer werdende Ein- und Ausatmen der Tänzer erinnert an hart arbeitende Bauarbeiter und kontrastiert den Fluss ihrer Bewegungen. Zuweilen erinnert das Stück an eine sehr elegante Slapsticknummer: die Komik entsteht vor allem aus dem punkt-genauen Aufeinanderreagieren und Miteinander-Agieren, der perfekt getimten Akzentsetzung, allein durch die Körper und den Atem. Der in den Ankündigungen zum Tanzkongress vielbeschworene Begriff der ‚Körperintelligenz’ findet hier seine überzeugende und gar nicht kopflastige Realisation.
Wer zum Ende dieses Abends noch mehr über den Tanz und andere elementare Dinge des Lebens wissen wollte, konnte sich auf dem ‚Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nichtwissen’ zu den verschiedensten, bisweilen auch abseitigen Themen beraten lassen.
Hannah Hurtzig hatte 100 Experten zu Tisch gebeten. Jeder bot zweimal eine halbe Stunde sein Wissen im Einzelgespräch mit einem Gast an. So konnte man sich mit einer Tanzwissenschaftlerin über Tanz im Alter unterhalten oder mit einem Journalisten über den Ursprung des Tanzes im Fest. Ein Gespräch mit dem Choreographen Martin Nachbar allerdings über das ‚Fallen’ führte schon weit über den Tanz hinaus zu Themen wie Leben und Sterben, Antonia Baehr dagegen gab eine Einführung in die Geste des Pfeiferauchens und ein Prof. Kaspar Bienefeld klärte über die Informationstänze der Honigbiene auf. Im besten Falle belehrte nicht der monologisierende Vortrag, sondern entspannte sich ein anregendes Gespräch zwischen Experte und Besucher. Man muss dieses Format erlebt haben, das im Grunde so einfach und in seiner Gesamtheit so genial ist. Denn es drückt nicht anderes aus als den unbedingten Willen zur Kommunikation. Es war das schönste und bedeutendste Bild des ganzen Abends: 100 Menschen an schwach beleuchtenden, zu Reihen geordneten Einzeltischen, vertieft in anregende Zweiergespräche, einander zugewandt, einander lauschend. Erklären, fragen, verstehen. Über allem das Wispern der unzähligen Stimmen. Ja, der Tanzkongress kann beginnen.
Sechs Wochen lang haben Sasha Waltz und Wladimir Malakhov täglich zwei bis drei Stunden miteinander gearbeitet. Tief in die Biographie Malakhovs ist Sasha Waltz dabei gegangen, hat aus seinen Erfahrungen auf der härtesten Ballettschule der Welt, den Geschichten über ersten Erfolge in der damaligen Sowjetunion und den mutigen Neuanfang in der westlichen Welt ein fünfzehnminütiges Solo für den Startänzer kreiert und dabei ganz auf die Spannung zwischen klassischem und zeitgenössischem Bewegungsmaterial gesetzt. Gleichwohl nicht immer mit Erfolg. Zwar überzeugt Malakhov besonders gegen Ende tänzerisch auch mit den ungewohnten Bewegungsqualitäten und an einigen Stellen sogar als selbstironischer Darsteller, doch scheint das Solo als ganzes seine Substanz nicht entfalten zu können, ist beendet ehe es richtig begonnen hat, wirkt eher wie das Zwischenergebnis eines ‚work in progress’, wie der erste, noch tastende, unfertige Schritt einer Zusammenarbeit zwischen Vertretern verschiedener Welten, wie das vorsichtige Ausprobieren dessen, was möglich ist.
Die Fallhöhe zwischen den großen Erwartungen an das medienwirksame Paar aus dem Reich des Tanzes und dem, was auf der Bühne sichtbar wird, ist schlichtweg zu hoch.
Dabei wurde das als Höhepunkt angekündigte ‚Solo für Malakhov’ von zwei wirklich großartigen Ereignissen flankiert. William Forsythes Quartett ‚N.N.N.N.’ eröffnet den Abend mit komplexer Bewegungsqualität und pointierten Humor. Die vier Männer auf der Bühne in einfacher Trainingskleidung beginnen ein Spiel mit ihren Gliedmaßen und der Schwerkraft. Arme werden in die Luft geworfen und wie Bälle wieder aufgefangen, Hände berühren Köpfe und manipulieren sie mit fließenden Impulsen, es ist ein ewiges Schwingen, Kreisen und Stoppen der Bewegungen. Die Männer finden sich mal zu Viert, mal zu kurzen Duetten zusammen oder tanzen allein, ein unermüdliches Zusammenkommen und Auseinanderstieben der Gruppe. Den Rhythmus setzt dabei der Atem und verleiht dem Ganzen eine ungewöhnliche Komik: das immer schwerer werdende Ein- und Ausatmen der Tänzer erinnert an hart arbeitende Bauarbeiter und kontrastiert den Fluss ihrer Bewegungen. Zuweilen erinnert das Stück an eine sehr elegante Slapsticknummer: die Komik entsteht vor allem aus dem punkt-genauen Aufeinanderreagieren und Miteinander-Agieren, der perfekt getimten Akzentsetzung, allein durch die Körper und den Atem. Der in den Ankündigungen zum Tanzkongress vielbeschworene Begriff der ‚Körperintelligenz’ findet hier seine überzeugende und gar nicht kopflastige Realisation.
Wer zum Ende dieses Abends noch mehr über den Tanz und andere elementare Dinge des Lebens wissen wollte, konnte sich auf dem ‚Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nichtwissen’ zu den verschiedensten, bisweilen auch abseitigen Themen beraten lassen.
Hannah Hurtzig hatte 100 Experten zu Tisch gebeten. Jeder bot zweimal eine halbe Stunde sein Wissen im Einzelgespräch mit einem Gast an. So konnte man sich mit einer Tanzwissenschaftlerin über Tanz im Alter unterhalten oder mit einem Journalisten über den Ursprung des Tanzes im Fest. Ein Gespräch mit dem Choreographen Martin Nachbar allerdings über das ‚Fallen’ führte schon weit über den Tanz hinaus zu Themen wie Leben und Sterben, Antonia Baehr dagegen gab eine Einführung in die Geste des Pfeiferauchens und ein Prof. Kaspar Bienefeld klärte über die Informationstänze der Honigbiene auf. Im besten Falle belehrte nicht der monologisierende Vortrag, sondern entspannte sich ein anregendes Gespräch zwischen Experte und Besucher. Man muss dieses Format erlebt haben, das im Grunde so einfach und in seiner Gesamtheit so genial ist. Denn es drückt nicht anderes aus als den unbedingten Willen zur Kommunikation. Es war das schönste und bedeutendste Bild des ganzen Abends: 100 Menschen an schwach beleuchtenden, zu Reihen geordneten Einzeltischen, vertieft in anregende Zweiergespräche, einander zugewandt, einander lauschend. Erklären, fragen, verstehen. Über allem das Wispern der unzähligen Stimmen. Ja, der Tanzkongress kann beginnen.