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StartseiteKommentare und Themen der WocheHoffnung in kleinen Dosen27.12.2020

Beginn der Corona-ImpfungenHoffnung in kleinen Dosen

Die Impfungen gegen SARS-CoV-2 in Deutschland haben begonnen. Allerdings sei die zweite Welle noch lange nicht vorbei, warnt Volker Finthammer. Bis die Bevölkerung ausreichend geimpft sei, müssten wir noch viel Geduld und Rücksicht aufbringen.

Ein Kommentar von Volker Finthammer

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Corona-Impfung in einem NRW-Pflegeheim (picture alliance/dpa / Guido Kirchner)
Die Impfungen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 in Deutschland haben nach Weihnachten 2020 offiziell begonnen (picture alliance/dpa / Guido Kirchner)
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Es ist geschafft. Die ersten Impfdosen wurden verabreicht, und von heute an soll es Tag für Tag weitergehen, um so allmählich einen ausreichenden Schutz gegen das Virus zu bekommen, das die Welt seit fast einem Jahr in Atem hält.

Am 31. Dezember 2019 wurde der Ausbruch einer neuen Lungenkrankheit mit noch unbekannter Ursache in Wuhan in China bestätigt. Im Januar kam es dort zu ersten pandemischen Ausbrüchen, nur kurze Zeit später wurde die ganze Welt erfasst. Bereits im Februar hatte sie Europa erreicht und der österreichische Skiort Ischgl bleibt auf alle Zeiten mit dem ersten Hotspot verbunden, von wo aus sich die Pandemie auch in Europa rasant verbreiten konnte.

Der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer. Eine Krankenschwester im UC Davis Medical Center in Sacramento, Kalifornien, zieht die Subsatnz aus einem Gläschen in eine Spritze. Zu sehen ist nur ihre mit einem blauen Handschuh geschützte Hand. (dpa/AP/Hector Amezcua) (dpa/AP/Hector Amezcua)Was Sie über die Corona-Impfung wissen müssen
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Langsames Herantasten

Und wenn wir das Jahr Revue passieren lassen, dann wird deutlich, wie sehr wir uns alle, und das gilt auch für die Politik, an das Virus und die möglichen Folgen herantasten mussten. Nicht nur dass es zu Beginn viel zu wenig Masken und Schutzausrüstungen gab. Auch deren Wirksamkeit wurde lange angezweifelt. Selbst von renommierten Wissenschaftlern, die alsbald ihre eigenen Annahmen widerlegen mussten.

Aber das ist auf der anderen Seite zugleich ein trefflicher Beleg dafür, wie ungebrochen das Prinzip trial and error für die Wissenschaft gilt und Fortschritte auch nur durch falsche Annahmen zu erlangen sind, wenn die Vorgehensweise nicht durch dogmatische Leugner verhärtet wird, wie man das in diesem Jahr im Trump-Lager in Amerika auch vorgeführt bekam.

Wer wollte schon einen Lockdown?

Aber wer hätte hier im Februar schon daran denken wollen, das ein Lockdown unumgänglich sein wird. Selbst der zweite, mit dem wir jetzt konfrontiert sind und der wohl über den 10. Januar hinaus noch anhalten wird, wurde im noch Spätsommer als recht unwahrscheinlich abgetan.

Das Virus aber schert sich nicht um gesellschaftliche Interessen und Vorlieben. Es mag die Menschen. Am liebsten die Unbekümmerten, um sich schnell und nachhaltig auszubreiten, wie das alle Viren zuvor auch schon getan haben. Auch mit der Grippe leben wir seit hundert Jahren, und die Zahl der Opfer ist immer wieder beachtlich und erschreckend zugleich.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Leistungen der Wissenschaft

Um so erfreulicher ist es doch zu sehen, wie schnell engagierte Forscherinnen und Forscher die neuen Impfstoffe hervorgebracht haben. Das war nur möglich, weil sie seit Jahren schon die notwendige Grundlagenforschung für andere Therapieformen - etwa gegen den Krebs - geleistet haben und jetzt quasi nur noch die Botenstoffe des Virus einfügen mussten, um die notwendige und angemessene Immunabwehr im Körper auszulösen.

Das ist tatsächlich ein qualitativer Fortschritt, über den sich alle freuen können. Denn nur durch die Impfungen kann die gesellschaftlich notwendige weitgehende Herdenimmunität ohne die erheblichen Kolletaralschäden einer ungebrochenen Ausbreitung des Virus erreicht werden.

Impfgegner spielen mit Menschenleben

Und alle dogmatischen Impfgegner spielen tatsächlich mit Menschenleben, wie das die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci formuliert hat. Denn in einer für viele Menschen lebensbedrohlichen Pandemie sollte das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen aus purer Erkenntnis und Einsicht hinter den bestmöglichen Schutz der Allgemeinheit zurücktreten.

Vor allem die Hochbetagten im Land sind auf diese Solidarität angewiesen. Und gerade weil es keine Impfpflicht in Deutschland gibt, sollte man diese Unterstützung nicht verweigern.

Weltweite Solidarität ist gefragt

Dass es nicht schneller gehen kann, obwohl der Impfstoff in Deutschland entwickelt wurde, hat auch etwas mit Solidarität zu tun. Nach den Rangeleien im Frühjahr, als es noch um den Einkauf und die Verteilung der Schutzausrüstungen ging, sollte der EU-weite Start der Impfungen heute zumindest besser über die Bühne gehen und nicht wieder einzelne Staaten im Regen stehen lassen.

Auch das ist richtig und angemessen, weil die Pandemie nicht nur national, sondern weltweit bekämpft werden muss. Und die zweite Welle ist noch nicht vorbei.

Jens Spahn bei einer Pressekonferenz zur Corona-Impfverordnung, in der eine entsprechende Impfreihenfolge festgelegt wird., im Bundesgesundheitsministerium. Berlin, 18.12.2020  (imago images / Future Image / C.Hardt) (imago images / Future Image / C.Hardt)Flächendeckendes Impfen soll ab Mitte 2021 starten
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Es bleibt ein zähes Unterfangen

Nach wie vor gilt: Es bleibt auf längere Zeit noch ein unbefriedigendes und zähes Unterfangen. Bis zum Frühsommer dauern allein die Impfungen der Risikogruppen. Bis dahin werden alle andern noch viel Geduld und Rücksicht aufbringen müssen und werden die AHA- und alle anderen Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen unseren Alltag bestimmen.

Da bleibt an dieser Stelle nur der Appell: Halten wir uns daran und machen so gut es geht das Beste daraus.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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