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StartseiteForschung aktuellStrom statt Tabletten15.08.2016

Behandlung von Autoimmunkrankheiten Strom statt Tabletten

Wer an einer Autoimmunerkrankung leidet, muss oftmals täglich Tabletten nehmen. Wissenschaftler aus Amsterdam tüfteln an einer möglichen Alternative. Mithilfe von Stromimpulsen wollen sie die Krankheit quasi an der Basis angehen: den Nerven.

Von Anneke Meyer

Illustration eines menschlichen Gehirns von der Seite. (imago/CHROMORANGE)
Der Nervus Vagus des Zentralen Nervensystems kommuniziert mit dem Immunsystem. Um Störungen dieser Kommunikation zu beheben, können elektrische Stimulationen helfen. (imago/CHROMORANGE)
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"Meine Stimme vibriert ein bisschen. Vielleicht können Sie das hören."

Einmal am Tag wischt sich Monique Robroek mit einem Magneten über eine daumenbreite Narbe zwischen Brust und Schlüsselbein:

"Nach einiger Zeit verschwindet das."

Eine kleine Handbewegung, die weit mehr bewirkt als nur ein vorübergehendes Zittern der Stimme, das im Interview mit Sky News zu hören ist. Die Holländerin leidet an Rheumatoider Arthritis. Einer Autoimmunkrankheit, die zur chronischen Entzündung von Gelenken führt. Durch den Magneten wird ein Stimulator aktiviert, der ähnlich wie ein Herzschrittmacher funktioniert. Nur, dass er nicht das Herz, sondern das Immunsystem auf die richtige Schlagzahl bringt, indem er schwache elektrische Impulse aussendet.

Bei 12 von 17 Patienten, die in einer ersten klinischen Studie einen "Immunschrittmacher" implantiert bekamen, verbesserte sich der Zustand deutlich. Und das mit nur einer Minute Stimulation täglich. Medikamente waren bei ihnen wirkungslos gewesen.

Herkömmliche Therapie wirkt nur bei der Hälfte der Betroffenen

Bioelektronische Medizin nennen die Forscher diesen neuen Therapieansatz, der sich zu Nutze macht, dass die körpereigenen Abwehrkräfte, genau wie der Herzschlag oder die Atmung durch das Nervensystem reguliert wird. Ganz einfach gesagt bedeutet das Strom statt Tabletten, erklärt Paul-Peter Tak, Leiter der Pilotstudie am Akademisch Medizinischen Zentrum in Amsterdam:

"Die natürlichen Prozesse des Körpers werden benutzt, um Entzündungen unter Kontrolle zu bringen. Dafür gibt es einen riesigen Bedarf: Die Therapien, die es heute gibt, helfen nur etwa der Hälfte der Betroffenen. Ich bekomme quasi jeden Tag E-Mails von Patienten, die Fragen: Ist diese Behandlung schon verfügbar?"

Der Vagusnerv ist ein wichtiger Teil des vegetativen Nervensystems, das unsere Organe steuert. Erst seit kurzem weiß man, dass er auch mit dem Immunsystem kommuniziert: Erhöht der Vagusnerv seine Aktivität, werden manche Zellen des Immunsystems gehemmt und bilden weniger Zytokine. Diese Botenstoffe können Entzündungen verursachen oder lindern. Bei Autoimmunerkrankungen, wie der Rheumatoiden Arthritis, ist ihr Gleichgewicht gestört, so dass zu viele entzündliche Zytokine gebildet werden.

Der Gedanke, diesem Prozess entgegenzusteuern indem man den Abwehrkräften auf die Nerven geht, ist eigentlich naheliegend:

"Als Medizinstudent lernt man sehr früh die vier altbekannten Zeichen von Entzündung. Eines davon ist Schmerz! Und das bedeutet, das Gehirn weiß Bescheid, wenn eine Entzündung im Gange ist. Diese Verbindung ist bisher aber nicht besonders gut untersucht."

Bioelektrische Medizin soll Kommunikation zwischen Immun- und Nervensystem regulieren

Ultraschall-Untersuchung der Schilddrüse im Krankenhaus, Ärztin mit Patientin.  (picture alliance / ZB / Hans Wiedl)Ultraschall-Untersuchung der Schilddrüse. Hashimoto-Thyreoiditis, eine chronische Entzündung der Schilddrüse, gehört zu den Autoimmunerkrankungen. (picture alliance / ZB / Hans Wiedl)

Peder Olofsson erforscht am Karolinska Institut in Stockholm die molekularen Grundlagen, nach denen die Verschaltung von Immun- und Nervensystem funktioniert. Seine Arbeit hat einige der Erkenntnisse geliefert, auf der die klinische Studie von Paul Tak aufbaut. Über den Erfolg seines Kollegen freut der Schwede sich ungemein:

"Wir sind so glücklich, dass dieses Konzept tatsächlich aufzugehen scheint. Die Studie ist zwar sehr klein und natürlich lassen sich daraus noch keine endgültigen Schlüsse ziehen, aber ich denke für dieses junge Forschungsfeld ist das sehr ermutigend."

Der Vagusnerv verzweigt in so gut wie jedes Organ. Ein potenzieller Ansatzpunkt nicht allein zur Behandlung von Rheumatoider Arthritis. Laufende Studien zeigen positive Effekte bei Morbus-Crohn-Patienten. Anwendungen bei Diabetes, Asthma und Bluthochdruck werden in präklinischen Studien untersucht.

Nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, aber auch ein großes Potenzial für Nebenwirkungen. Je besser die Methode auf ein bestimmtes Krankheitsbild angepasst werden kann, desto sicherer wird sie. Patricio Huerta arbeitet daran, die Grundlage dafür zu schaffen. Am Feinstein Institut for Medical Research führt er eine Art Kartierung des Vagusnervs durch:

"Wir wollen verstehen, wie der Vagusnerv die Konzentrationen verschiedener Zytokine überwacht. Was wir bisher zeigen konnten ist, dass es verschiedene Fasern innerhalb des Vagusnervs gibt, die auf jeweils einen Typ Zytokin spezialisiert scheinen. Man muss die Nerven wirklich gut kennen. Eine Elektrode kann an einem Ort zu einer drastischen Verbesserung des Krankheitsbildes führen. An einer Stelle direkt daneben passiert gar nichts."

Trotz aller Arbeit, die noch zu tun ist, um der bioelektronischen Medizin aus den Kinderschuhen zu helfen, in einem sind sich die Wissenschaftler einig:

"Wir müssen uns bewusst werden, dass es eine Verbindung zwischen Immun- und Nervensystem gibt. Bisher war das wie ein Schwarzes Loch. Es ist eine Nische, die leer geblieben ist, und wir denken, dass dort ein riesiges Potenzial ist. Es ist eine Goldmine", so Huerta.

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