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StartseiteHintergrundBei einer Zwei noch zusätzliches Lernen04.09.2010

Bei einer Zwei noch zusätzliches Lernen

Das Geschäft mit der Nachhilfe

Nachhilfeinstitute verzeichnen weiterhin steigende Nachfrage nach ihren Leistungen. Ein Trend: Auch gute Schüler wollen so ihre Leistung pushen. Wird so Bildung zu einer Frage des Geldes?

Von Sandra Pfister

Ein Schüler einer 7. Klasse schreibt Rechenergebnisse an die Tafel: Mathe ist ein häufiges Nachhilfefach. (AP)
Ein Schüler einer 7. Klasse schreibt Rechenergebnisse an die Tafel: Mathe ist ein häufiges Nachhilfefach. (AP)
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"Schüler: "Ja, ich hab Mathe-Nachhilfe, ich stand auch eher vier bis fünf, ich kam mit der Lehrerin nicht ganz zurecht. Ich war eigentlich gewohnt, dass man auf die Schüler eingeht, ihre Fragen beantwortet. Aber wenn man sie was gefragt hat, dann war sie immer so abweisend, direkt diskriminierend, sag ich mal. Ja, ich hab jetzt in dem Halbjahr 'ne Eins erst und dann 'ne Zwei geschrieben.""

Der 16-jährige Luca aus Hürth bei Köln hat eine klassische Karriere hinter sich. Er galt als Mathematikversager, womit er nicht allein steht. Kein Fach wird in Nachhilfeinstituten häufiger gebucht als Mathematik. Luca und vier andere Schüler sitzen in einem kleinen, hellen Raum des Nachhilfeinstitutes "Studienkreis" in Hürth und hadern mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Luca ist ein Nachhilfe-Schüler, wie er noch vor wenigen Jahren typisch war: Leistungsbereit, aber in einem oder zwei Fächern so schlecht, dass es mit der Versetzung eng werden könnte. Sein Nachhilfelehrer Thomas Müller, derzeit noch Mathe- und Musik-Student, wird demnächst selbst an einem Gymnasium unterrichten. Er macht sich Gedanken darüber, wie finanzkräftige Eltern das schulische Weiterkommen ihrer Kinder immer stärker mit teurer Nachhilfe unterstützen:

"Man beobachtet auch Fälle von Nachhilfeschülern, die keine Nachhilfe nötig haben. Die zu einem kommen, eine Zwei in Mathe haben, also überhaupt keine Nachhilfe brauchen, aber im Abitur unbedingt ihre Eins haben wollen. Und da kann man dann natürlich drüber streiten. Natürlich ist Nachhilfe in vielen Fällen auch wichtig für die Schüler. Aber dann muss man das natürlich auch in Relation setzen: Wer kann sich das leisten? Nachhilfe ist im Allgemeinen nicht besonders günstig. Ist ein großes Thema."

Auch gute Schüler verbringen viele Ferienstunden nicht mehr in der Eisdiele oder auf dem Fußballplatz, sondern im Nachhilfeinstitut. Dieter Dohmen vom Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie, kurz FIBS, hat vor einem Jahr im Auftrag der Bundesregierung den Nachhilfemarkt untersucht. Seine Studien bestätigen die Erfahrungen des Nachhilfelehrers: Die Zeiten, als nur schwache Schüler Nachhilfe nahmen, sind längst vorbei.

"Ja, eins ist schon bemerkenswert: Dass ein Drittel der Kinder oder vielleicht auch 40 Prozent Nachhilfe nimmt, nicht, weil sie an der Versetzung zu scheitern drohen, sondern weil sie ihre Note von zwei oder drei noch weiter verbessern wollen. Und das verweist auf einen anderen Aspekt, nämlich dass die Zuweisungssysteme immer stärker werden. Das heißt, der Druck auf die jungen Menschen wird immer stärker. Und das muss man schon noch mal im Hinterkopf haben."

Immer mehr Eltern, die es sich leisten können, lassen sich die Bildung ihrer Sprösslinge etwas kosten. Denn die meisten Schulen sind, allen Sonntagsreden zum Trotz, unterfinanziert. Auch wenn die Bundeskanzlerin allen, die bei der Bildung sparen wollen, öffentlich eine Abfuhr erteilt hat, so misstrauen doch viele Eltern den Versprechungen. Sie erleben die personellen Engpässe, den Unterrichtsausfall, die nur halbherzig ausgebauten Ganztagsschulen. Und stimmen mit dem Portemonnaie ab. Bildung – im Zweifelsfall privat zugekauft - bedeutet in ihren Augen, dem Kind alle Wege offen zu halten.

"Inhaltlich ist das schon so, dass manchmal Schüler zu uns kommen, wo ich denke, die sind vielleicht auch auf der falschen Schulform. Und eigentlich wissen Eltern ihr Kind auch sehr gut einzuschätzen, aber manchmal geht vielleicht der eigene Ehrgeiz über diese Einschätzung auch hinaus. Und dann kann man die Eltern schon dahinführen, zu sagen, man sollte vielleicht über 'ne andere Schulform nachdenken."

Aber gute Bildung ist heute wieder ein Distinktionsmerkmal. Der kleine Vorsprung kann Lebenswege prägen, über Karrieren entscheiden. Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung, VBE, sieht die Gefahr, dass sich eine Zweiklassengesellschaft in der Schule verschärft:

"Und wir haben natürlich durch die Entwicklung dieses Marktes die Entwicklung, dass die Schere zwischen denen, die es sich leisten können, und denen, die es sich nicht leisten können, immer weiter auseinandergeht. Und die Bildungsungerechtigkeit wird immer größer."

Dass Nachhilfe gute Schüler noch besser machen soll, ist eine noch recht neue Entwicklung. Doch in dem wenig untersuchten Bereich der Nachhilfe beobachten Forscher noch ein weiteres neues Phänomen, das der emeritierte Essener Bildungsforscher Klaus Klemm beschreibt. Er hat den Nachhilfemarkt im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung untersucht.

"Ich finde es schon bemerkenswert, dass bereits im Grundschulbereich Nachhilfe fester Bestandteil im Alltag für viele Kinder ist. Und zweitens, dass im Grundschulbereich, aber nicht nur da, mehr und mehr Kinder Nachhilfe beanspruchen, die im oberen Leistungsbereich sind. Also dass Nachhilfe zunehmend ein Element der Verbesserung von Chancen und Schulleistungen ist."

Darauf hatte bereits vor vier Jahren eine Sonderauswertung der IGLU-Grundschulstudie hingedeutet. Danach erhielt schon jeder siebte Grundschüler Nachhilfe im Fach Deutsch. Für den Verbandsvertreter und Lehrer Udo Beckmann ist das ein Armutszeugnis für das Schulwesen:

"Wir propagieren seitens der Landesregierung in der Öffentlichkeit immer wieder, dass wir die Kinder individuell fördern sollen. Aber da müssen natürlich die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, da müssen die Möglichkeiten in den Schulen geschaffen werden. Und hier krankt es ganz erheblich."

Nachhilfe ist in unserem Bildungssystem längst keine Ausnahme mehr, um kurzfristig schulische Schwächen auszugleichen. 1,1 Millionen Schüler gehen regelmäßig zu einem privaten Nachhilfelehrer. Jeder vierte Schüler hat bis zum Schulabschluss mindestens ein Mal Nachhilfe gehabt, sagt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung. Das Bundesbildungsministerium kam in einer zwei Jahre zurückliegenden Untersuchung sogar zu dem Ergebnis, jeder dritte Schüler erhalte während seiner Schulzeit Nachhilfeunterricht – Tendenz steigend.

Eltern, die Nachhilfe buchen, trauen einem unterfinanzierten Bildungssystem oder überforderten Lehrern nicht mehr zu, ihren Kindern bestmögliche Bildung mitzugeben. Sie pumpen stattdessen immer mehr Geld in den Nachhilfeunterricht ihrer Kinder.

Der Nachhilfemarkt ist deshalb der Schwarzmarkt der Bildung. Es ist wenig über ihn bekannt, auch, weil die Schulpolitiker über dieses Thema ungern reden, müssten sie es doch als Eingeständnis des eigenen Scheiterns bewerten. Klaus Klemm:

"Das ist sicher die eine Ursache. Daneben kommt als nicht minder wichtige Tatsache hinzu, dass das ein sehr grauer Markt ist. Die Erteiler von Nachhilfe sind ja nur zu einem Viertel professionelle Institute und zu drei Vierteln Schüler, Studenten, pensionierte Lehrer oder noch aktive Lehrer. Also sehr viele Einzelpersonen, die man in keiner Statistik und nirgendwo erfassen kann."

Und sie alle leben gut von der Unzufriedenheit der Eltern mit dem staatlichen Bildungsangebot. Bis zu 1,5 Milliarden Euro verdienen private Anbieter von Nachhilfe pro Jahr. Frank Symes betreibt in Köln und im benachbarten Hürth drei Filialen des Nachhilfeanbieters "Studienkreis" – und umreißt, wie teuer Nachhilfe ist.

"Häufig kommen Schüler zwei Mal in der Woche zu uns, das passiert eigentlich am meisten, und dann bezahlen die für zwei Mal in der Woche 139 Euro im Monat. Das heißt, dann hat man zwei Mal pro Woche 90 Minuten Gruppen-Unterricht, wenn man das runterrechnet, dann hat man einen Preis von acht Euro pro Stunde etwa."

Zwei Mal pro Woche 90 Minuten für im Schnitt 130 Euro – das ist bei kommerziellen Anbietern, organisiert im Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen, der Durchschnittspreis, fand Stiftung Warentest vor vier Jahren bei einer Umfrage heraus. Private Nachhilfe von Freunden und Bekannten kostet nur etwa halb so viel, wie eine Internetumfrage ergab.

Auch gute Schüler erhalten also Nachhilfe, Eltern schicken Grundschüler mittags zum Nachhilfelehrer statt zum Fußballplatz: Für den Bildungsforscher Klaus Klemm ist das "alarmierend". Um so mehr, als viele Eltern Nachhilfe heute sogar prophylaktisch buchten, bevor eine Note überhaupt zum Problem wird. Ein Misstrauensvotum gegenüber der staatlichen Schule?

"Ich würde nicht sagen, ein Misstrauensvotum, aber die Eltern müssen da privat etwas zukaufen, was die Schule ihnen nicht bietet, nämlich die individuelle Förderung des Schülers."

Individuelle Förderung – kein Begriff wurde in den vergangenen Jahren so strapaziert wie dieser. Er fehlt in keinem bildungspolitischen Grundsatzpapier. Und selbstverständlich ist der Anspruch längst auch in den Schulen angekommen. Die Realität sieht allerdings oft anders aus. Barbara Müller kennt sie, denn sie unterrichtet an einer Kölner Hauptschule:

"Ich hab 25 Kinder in der Klasse, wobei ich sagen würde, dass mindestens ein Drittel dieser Schüler noch vor wenigen Jahren an einer Förderschule gewesen wäre. Wenn ich davon ausgehe, dass ein Drittel der Schüler eine besondere Förderung haben müsste, ich aber 25 Kinder habe, die ich alle individuell fördern soll, dann kann das schon Mal gar nicht funktionieren."

Thomas Müller, der Nachhilfelehrer, der in wenigen Wochen sein Referendariat beginnen wird, pflichtet ihr bei:

"Einfach das Leistungsniveau ist in einer Klasse viel breiter gefächert als in einer kleinen Gruppe. Und wenn man's realistisch sieht, man hat ja überhaupt nicht die Chance. Man muss dann irgendwann auch praktisch denken und sich vor Augen führen, dass man da eine Schulklasse mit bis zu 30 Leuten vor sich hat, wo innerhalb von 45 Minuten ein so differenziertes Unterrichten überhaupt nicht möglich sein kann."

"Es ist nach wie vor ein Problem, dass wir sagen: Eigentlich muss die Schule das leisten. Weil die Eltern es nicht können, weil sie es vielleicht auch gar nicht sehen, also müssen wir ran. Und dieses Stichwort individuelle Förderung ist vielleicht für die Hauptschüler noch wesentlich wichtiger als fürs Gymnasium."

Die mangelnde individuelle Förderung an den Schulen hält auch Marion Lauterbach, die Sprecherin des Nachhilfeanbieters Schülerhilfe, für die zentrale Erklärung für den Boom der Nachhilfe.

"Wir haben ja im Vergleich zu einem Klassenzimmer paradiesische Zustände dort. Bei uns sitzen drei, maximal fünf Schüler dort, also unsere Nachhilfelehrer haben ganz andere Vorgaben, die können natürlich ganz anders arbeiten."

Die Schülerhilfe und ihr schärfster Konkurrent, das Franchise-Unternehmen Studienkreis, haben den deutschen Markt weitgehend untereinander aufgeteilt. Insgesamt haben hierzulande geschätzt 300 Nachhilfeunternehmen mit 3000 bis 4000 Filialen Fuß gefasst, Ein wachsendes Angebot für eine steigende Nachfrage.

Auch Frank Symes' Studienkreis-Filialen wachsen stetig – und das trotz verstärkter Bemühungen des Staates, den Ganztagsunterricht inklusive Nachhilfe-Angeboten auszubauen.

"Ich hab vor einigen Jahren gedacht, dass der Nachhilfemarkt vielleicht zurückgeht, weil Schulen jetzt viele Ganztagsangebote haben und eben Förderunterricht auch in der Schule angeboten wird. Ich kann es aber für meine Filialen nicht bestätigen. Also in meinen Filialen ist es so, dass ich kontinuierlich steigende Schülerzahlen hatte, sodass das für mich erst mal sehr erfreulich ist."

"Ja, an Schulen wird ja auch Nachhilfe angeboten, nicht direkt von Lehrern, aber von anderen Schülern, also von Leuten aus der 13 und aus der 12 beispielsweise. Ich weiß nicht, ob das genau so professionell ist wie das hier, aber da gibt's ja noch andere Möglichkeiten. Also ich denke schon, dass es vielleicht ein bisschen ungerecht ist für Leute, die jetzt nicht so viel Geld haben, aber müssen die sich halt eben ein bisschen mehr auf den Hosenboden setzen."

Wird Bildung damit zu einer Frage des Geldbeutels? Diese Frage ist um so virulenter, als in der Bildungspolitik gespart zu werden droht – allen Sonntagsreden zum Trotz. Zwar bleibt das Bundesbildungsressort vom aktuellen Streichkonzert verschont, aber den Löwenanteil der Bildungsausgaben schultern die Ländern, die in der Bildungspolitik fast allein das Sagen haben. Und sie haben – siehe Hessen – die Streichlisten schon in der Tasche, wenn es für die Länderhaushalte noch enger wird.

Dass Eltern vielen staatlichen Schulen nicht genug zutrauen, liegt sicher nicht nur an deren finanzieller Ausstattung – es liegt auch an Strukturen und schlechten PISA-Ergebnissen. Doch private Zusatzförderung leisten sich vor allem wohlhabendere und höher gebildete Familien. Laut einer Studie von 2007 kommen nur 15 Prozent der Nachhilfeschüler aus Haushalten, deren Einkommen im untersten Viertel liegt. Weshalb Hauptschüler unter den Nachhilfeschülern selten sind. Das bedauert auch die stellvertretende Hauptschul-Rektorin Barbara Müller.

"Bedürftig wären ganz viele, ganz bestimmt. Aber es ist eben so, dass die Eltern das ganz spät erst erkennen. Und dann kommt eben noch dazu, dass eben die finanziellen Möglichkeiten ganz anders sind bei Hauptschuleltern."

"Natürlich ist auch klar, dass Eltern, die Hartz IV-Empfänger sind, dass es für die schwer ist, so einen Betrag aufzubringen. Trotzdem erleben wir es aber auch bei Eltern, wo man denkt, die haben jetzt keine sehr hohe Schulbildung, einfache Berufe, sag ich mal, wo man vermuten würde, dass es für die sehr schwierig ist, dass diese Eltern sich wirklich krummlegen, um das zu ermöglichen, weil diese Eltern wissen: Letztlich ist ne gute Schulbildung das A und O fürs weitere Leben."

Ein A und O, das in Deutschland für die sogenannten bildungsfernen Schichten immer schwerer zu erreichen scheint. Seit Jahren bestätigen internationale Studien dem deutschen Schulsystem, sozial ungerecht zu sein.

Die kostenpflichtige Nachhilfe verschärft die unfaire Verteilung der Chancen – auch wenn sie selbst daran keine Schuld trägt. Sie stellt ein Paralleluniversum im Bildungssystem dar, das vorwiegend begüterten Schülern offen steht. In diese Richtung deutet auch, dass Nachhilfe im tendenziell ärmeren Osten Deutschlands viel seltener in Anspruch genommen wird als im Westen, wie Bildungsforscher Klemm in seinen Untersuchungen festgestellt hat.

Doch ist diese Investition auch sinnvoll, ist private Nachhilfe ihr Geld wert? Dazu gibt es nur wenig belastbares Material, Bildungsforscher Klemm hat es ausgewertet.

"Die Befragungen von Eltern oder auch Teilnehmern am Nachhilfeunterricht zeigen, dass im Verlauf von Nachhilfeunterricht die Schulleistungen sich verbessern."

Über die Qualität der Nachhilfe allerdings sage das allein wenig aus, bemängeln Kritiker. Denn Lernfortschritte könnten allein schon daher rühren, dass Schüler sich wiederholt mit dem Stoff befassten – unabhängig davon, wie gut oder schlecht er ihnen vermittelt werde. Aber vor allem gilt: Es ist in Deutschland schwerer, eine Kneipe aufzumachen, als ein Nachhilfeinstitut zu gründen. Der Aufwand für ein Institut ist denkbar gering. Dieter Dohmen vom Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie:

"Die Nachhilfe verselbstständigt sich insofern möglicherweise, als es faktisch überhaupt keine Kontrolle gibt. Und das bedeutet, dass sie faktisch überhaupt keine formalen Voraussetzungen erfüllen müssen, außer, dass sie den Gewerbeschein beantragen müssen."

Nachhilfelehrer darf sich jeder nennen, der Begriff ist völlig ungeschützt. Wenn der Studienkreis und viele andere Anbieter damit werben, vom TÜV oder ähnlichen Organisationen zertifiziert worden zu sein, überzeugt das den Bildungsexperten Dohmen längst nicht. Dieses Verfahren wiege Eltern in Sicherheit, sage aber wenig aus über die Qualität des Unterrichts, etwa darüber, wie qualifiziert die Lehrkräfte seien. Doch nicht nur das stimmt Klaus Ballermann skeptisch gegenüber dem boomenden Nachhilfemarkt. Er ist Lehrer an einem renommierten Kölner Privatgymnasium und beobachtet bei seinen Schülern, dass ihnen Nachhilfe langfristig eher schade.

"Der Mechanismus, der dann ganz oft einsetzt, ist: Das Kind denkt, na Gott sei Dank, da ist jetzt ein Experte, der sorgt dafür, dass ich wieder in die Spur komme, dass das wieder gut läuft. Und bleibt in seiner Rolle weitgehend unverändert. Das Problem ist bloß, dass der Schüler im Grunde genommen in der Arbeitshaltung, die ihn in die Situation gebracht hat, bestärkt wird. Er bleibt genau an der Stelle stehen, verändert sich überhaupt nicht und tut von sich aus eigentlich nichts zur Veränderung der Situation. Und das sind dann oft solche Schüler, die ihr ganzes Schulleben lang zum Nachhilfeunterricht laufen, endlose Zeit investieren und massiv Geld und im Grunde in ihrer Lernentwicklung überhaupt nicht voranschreiten."

Dass es auch weitgehend ohne private und kostenpflichtige Nachhilfe geht, zeigen Länder wie Finnland, Kanada oder die Niederlande. In Finnland beispielsweise gehen nur etwa zwei von hundert Schülern zur Nachhilfe – in Deutschland sind es 25. Anders als hier gilt dort die individuelle Förderung an den Schulen als exzellent. Hierzulande sorgt aber schon die Schulstruktur dafür, dass Lehrer nicht unbedingt auf jedes einzelne Kind eingehen müssen. Schließlich können sie Schüler immer noch sitzen bleiben lassen – auch wenn sie das inzwischen seltener tun. Und als ultima ratio bleibt ihnen immer noch das Abstufen: Gymnasiasten werden zur Realschule weitergereicht, schlechte Realschüler landen auf der Hauptschule.

"Mit diesem Instrument der Qualitätssicherung befreien sich die Lehrenden davon, sich dem einzelnen Kind zuzuwenden.
Wenn es diese Struktur nicht gäbe, würden Lehrer sich automatisch mehr um das einzelne Kind kümmern müssen, weil es ja immer bei ihm hinten drin sitzt."

Längeres gemeinsames Lernen im Klassenverband, also eine längere Grundschulzeit, ein Ausbau der Ganztagsschulen – all dies sind für Bildungsforscher Klemm Ansätze, die bezahlte Nachhilfe langfristig auf ein Minimum reduzieren könnten.

Andere setzen auf eine bessere Lehrerausbildung und Leistungsanreize bei ihrer Bezahlung. Mehr Geld allein jedoch mache die Schule nicht besser, lautet der Tenor. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt den Schulen, ihre eigenen Förderangebote auszuweiten. Erste Ansätze gibt es dafür an vielen Schulen, und die müssen nicht mal viel kosten, sagt der Gymnasiallehrer Klaus Ballermann.

"Bei uns in der Schule machen wir hochpositive Erfahrungen damit, dass das bei uns eben auch nicht im Eins-zu-Eins-Unterricht läuft, sondern in kleinen Teams, in Kleingruppen, in denen es dann ältere Schüler gibt, die Gruppen von vier bis fünf jüngeren Schülern betreuen. Die in einem Bereich ein gemeinsames Interesse an einer Veränderung, an einer Verbesserung ihrer Lernsituation haben. Und das sind Modelle, die sind sehr vielversprechend, weil es nicht abhängig ist von der Bezahlung. Wäre auch ein Modell, das ein bisschen gerechter wäre."

Gerechter, womöglich sogar effizienter - doch auf mittlere Sicht erwarten alle Befragten, dass die Nachhilfe sich als kommerzielles Unterstützungssystem zur Schule noch weiter etablieren wird. Dieter Dohmen vom Bildungsforschungsinstitut FIBS verweist auf den Umstand, dass Schüler das Abitur jetzt in acht und nicht mehr neun Jahren erreichen sollen:

"Es würde mich nicht wundern, wenn der Nachhilfemarkt weiter wächst, zum Beispiel durch G-8. Der Druck wird höher, die Verteilungskämpfe werden schärfer, insofern gehe ich davon aus, dass der Nachhilfemarkt eher größer als kleiner wird, auch, weil die Schulpolitik ihre Hausaufgaben in meinen Augen nur begrenzt tut."

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