Sonntag, 08.12.2019
 
Seit 19:10 Uhr Sport am Sonntag
StartseiteSonntagsspaziergangBeim großen Mann des deutschen Porzellans19.09.2010

Beim großen Mann des deutschen Porzellans

Schloss Erkersreuth und das Porzellanikon Selb

Er war Lebemann und Politiker: Philip Rosenthal. In die konservative Marke Rosenthal brachte er frischen Wind. So engagierte er Künstler und Designer wie Walter Gropius oder Andy Warhol.

Von Gabi Schlag

Die Rosenthal-Studiolinie ist Gast in den deutschen Wohnzimmern. (Gabi Schlag)
Die Rosenthal-Studiolinie ist Gast in den deutschen Wohnzimmern. (Gabi Schlag)

Selb. Ein kleines verlassenes Städtchen in Oberfranken, nahe der tschechischen Grenze. Arbeitslosenquote 25 Prozent. Öde Trostlosigkeit. Doch plötzlich irritiert Farbigkeit und grandiose Architektur das Auge. Walter Gropius, Friedensreich Hundertwasser und Otto Piene waren hier gestalterisch tätig. Im Auftrag eines Mannes, der ein Stück Nachkriegsgeschichte Deutschlands mitgeschrieben hat. Philip Rosenthal, der große Mann des deutschen Porzellans. Otto Piene hat die Außenfassade der Rosenthal-Halle mit Regenbogenfarben gestaltet, Friedensreich Hundertwasser hat in das Verwaltungsgebäude seine berühmten Baummieter einquartiert und Walter Gropius hat den neuen Rosenthal-Firmensitz gebaut.

Philip Rosenthal, der in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die gesamte Porzellanindustrie revolutionierte, das Porzellan endlich von jahrhundertealten Dekors befreite und mit seiner Rosenthal-Studiolinie Gast in allen deutschen Wohnzimmern wurde. Philip Rosenthal definierte das Verhältnis von Form und Funktion neu und brachte die bedeutendsten Künstler seiner Zeit dazu, Porzellan zu bearbeiten.

Philip Rosenthal hat es ernst gemeint mit seiner Suche nach dem Modernen, Zeitgemäßen. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Beate Reichel, einer schmalen, brünetten, 63-jährigen Dame stehen wir vor den klaren architektonischen Formen des Rosenthal- Firmensitzes, 1969 von Walter Gropius gestaltet.

"Philipp Rosenthal hat gesagt, wir bauen jetzt nicht so eine Standardfabrik, sondern solche Werke sollen die Landschaft verschönern und nicht verschandeln, wie der seine Sache, er hat sich dann mit Beratern zusammengesetzt und gefragt wer ist denn der Architekt unserer Zeit, und dann hat einer seiner Grafiker gesagt, also eigentlich war das Walter Gropius, dann meinte Rosenthal das wäre so, wenn ich Sauerbruch bitte ob er mir den Blinddarm operiert, aber gefragt und er hat ganz spontan zugesagt."

Beate Reichel ist die letzte Lebensgefährtin von Philip Rosenthal, der insgesamt fünf mal verheiratet hat. Sie hat seit 1977 mit Philip Rosenthal auf Schloss Erkersreuth gelebt, einem kleinen Schloss in der Nähe von Selb. Von außen macht das kleine freie stehende eher einem Gutshaus ähnelnde Schlösschen keinen prunkvollen Eindruck. Allenfalls der abbröckelnde Charme eines in die Jahre gekommenen Gebäudes. Die wahren Schätze verbergen sich im Inneren. Philip Rosenthal hat Erkersreuth mit allem ausgestattet, was ihm lieb und teuer war und das war vor allem die originäre Kunst der 60er- und 70er-Jahre, des vergangenen Jahrhunderts. Wir steigen die wenigen Stufen empor. Beate Reichel öffnet die Tür.

"Und das ist also diese Eingangshalle, mit dieser Tellerinstallation von dem Günther Dor, einer extra für Schloss Erkersreuth komponierten Zwölftonmusik von dem Hans Werner Henze und dieser Tür und Leuchten vor Schloss Erkersreuth von dem Günther Ferdinand Ries. In dieser Halle ist eine Reliefwand aus Porzellan, von Victor Vasarely gestaltet, also typisch konvex und konkav diese Fliesen."

Eigentlich wollte Philip Rosenthal 1947 nur ganz kurz im provinziellen Selb bleiben, um die Wiedergutmachungsanteile der väterlichen Porzellanfabrik Rosenthal entgegenzunehmen und sie dann weiterzuverkaufen. Die Porzellanfabrik war unter den Nazis arisiert worden, die Familie hatte nach England auswandern müssen. Die Familie Rosenthal bekommt über eine Million Bargeld und elf Prozent des Aktienkapitals.

Philip selbst erhält das Angebot, Werbechef der Rosenthal AG zu werden. Obwohl er in Oxford Volkswirtschaft studiert hat und in England als Journalist arbeitet, willigt er ein. Und macht die traditionsreiche Rosenthal AG zu einem der führenden Lifestyle-Unternehmen weltweit. Philip Rosenthal, der Lebemann und Politiker, der Kosmopolit und exaltierte Kunstliebhaber, innovative Manager und quer denkende Politiker, der Weltenbummler, Bohemien und Lebemann, stets modisch gekleidet mit einer Zigarre im Mundwinkel revolutioniert die deutsche Wohnkultur und wird ständiger Gast in allen deutschen Wohnzimmern. Philip Rosenthal bringt frischen Wind in die konservative Rosenthal-Marke. Er holt sich herausragende Künstler und Designer wie Walter Gropius, Friedensreich Hundertwasser, Henry Moore, Andy Warhol, Salvador Dalí und viele andere zu Hilfe, um dem Werkstoff Porzellan eine neue, weit reichendere Bedeutung zu geben.

Helmut Drexler hat als Lehrjunge bei Rosenthal angefangen. Der heute 80jährige, der nach wie vor in Selb wohnt und sein Atelier im ehemaligen Rosenthal- Werk hat, erinnert sich daran, wie Philip Rosenthal in der traditionsreichen Fabrik alles umkrempelte

"Für den waren die Arbeiten wie wir sie gemacht haben, das war für ihn Kitsch, das hat er gehasst, nicht erträglich. Das hat andererseits Geld gebracht. Die Kollektionen sind gelaufen, in dieser Phase hat er die freche Idee gehabt, nicht immer auf ausgetretenen Gleisen zu fahren, da müsse neuer Wind rein, da hat er sich um international renommierte Künstler bemüht."

Zunächst arbeitete Rosenthal im Rahmen der Rosenthal Reliefreihe mit Künstlern zusammen: Die Rosenthal Reliefreihe wurde von Arnold Bode, dem Vater der Documenta kuratiert. International anerkannte Künstler wie Vasarely, Uecker und H.A.P. Grieshaber, Fuchs und viele andere begannen, das schwierige Material Porzellan zu bearbeiten. Publikum und Medien reagierten zunächst verhalten. Gerhard Scherm war viele Jahre Kreativdirektor der Rosenthal Studiolinie und Intimus von Philip Rosenthal

"Es gab die Yellowpress,: Die haben gesagt: was will man denn mit der modernen Kunst, da hängen jetzt so weiße Trümmer an der Wand, da ist ja nicht mal Farbe dran. Und die Kunstpresse und Kunstkritiker haben dann so reagiert: Hoppla, Porzellan, das ist doch kein Werkstoff für hehre Kunst, da nimmt man Marmor oder Bronze, aber Porzellan ist doch Nippes."

Doch Rosenthal ließ sich nicht beirren. 1959 begann er, die Rosenthal Studio Linie zu entwickeln. Mit den Designern Sarpaneva, Wirkkala, Björn Wjinblat und vielen anderen suchte er nach der originären Form der Moderne. Beate Reichel sitzt in Rosenthals Lehnstuhl und schaut sinnend auf die vielen Porzellane an den Wänden. Sie war bei der Kreativen Suche nach der modernen Formgebung dabei

"Das waren natürlich ganz tolle Momente mit den Künstlern zu arbeiten oder auch dabei zu sein, wenn Philipp Rosenthal sich mit den Künstlern auseinandersetzte. Wenn Philipp kommt, mit einer Zeichnung und sagt Du, Björn, ich stell mir ein Obstservice vor. Wie lässt sich das umsetzen und dann kommt Björn: Schau, das und das habe ich mir vorgestellt. Und dann dieses Hin und Her. Was lässt sich auch verkaufen, man muss ja auch auf den Markt Rücksicht nehmen. Wobei Philipp Rosenthal immer gesagt hat, wir dürfen nicht die Verkäufer und nicht die Werke fragen, was gewünscht ist, sondern wir müssen etwas von heute produzieren und das dann im Markt etablieren."

Etwa fünf km entfernt ist in der Industrieanlage das größte Industriemuseum für Porzellan etabliert - natürlich in einem ehemaligen Rosenthal- Werk. Die aktuelle Ausstellung heißt "Vom Königstraum zur Massenware" und zeigt 300 Jahre Europäisches Porzellan. Kuratorin Petra Werner hat Philip Rosenthal noch gekannt, sie war lange Jahre die Archivarin des Rosenthal- Archivs.

"Ich denke aber, er ist ein Unternehmer gewesen, der sehr sehr viel Charisma hatte und wohl auch in jeglicher Hinsicht innovativ war. Wenn Philip Rosenthal eben eine Idee hatte, dann hat er natürlich auch, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit den Mitarbeiter, den es betroffen hat, angerufen, und der ist natürlich selbstverständlich, egal, ob es zehn, elf oder Mitternacht war, bei ihm ins Büro gekommen, damit man eben diese Idee verfolgt hat."

Dass diese Zielstrebigkeit auch Erfolg hatte, kann man unschwer im Ausstellungsbereich "Porzellane der 60er, 70er und 80er Jahre" nachvollziehen. Es dominiert: Rosenthal Porzellan. Petra Werner führt uns durch die Ausstellung, zupft hier und da etwas gerade und rückt ab und zu ein Stück zurecht. Im Mittelpunkt des Ausstellungsbereiches die Stardesigner von Rosenthal, die Finnen Tapio Wirkkala und Timo Sarpaneva, der Däne Björn Wjinblat.

"Das ist eine der frühesten Wirkkala Vasen, die Tapio Wirkkala Ende der 50er-Jahre für Rosenthal entworfen hat. Es ist richtig modern, wenn man sie vergleicht mit den Stücken, die zuvor bei Rosenthal gefertigt wurden. Eines der Stücke, die heute durchaus begehrt sind."

Neben den Vasen das Service, mit dem die Studiolinie von Rosenthal wohl endgültig in alle Wohnzimmer Einzug gehalten hat:

"Hier haben wir einen der Design- Klassiker, die Form Suomi von Timo Sarpaneva. Die Form kam 1976 auf den Markt und ist bis heute nach wie vor sehr gefragt."

Die Idee, die nunmehr gefundene zeitgemäße Form von berühmten Künstlern mit farbigem Dekors versehen zu lassen, kam von Rosenthal selbst. Er wollte dem Geschirr den Mehrwert der Kunst zuführen, indem Leute wie Dali, Friedensreich Hundertwasser, Ernst Fuchs, Henry Moore sich damit beschäftigten. Viele hielten Rosenthal für verrückt, doch beim Publikum kam die Idee gut an. Man konnte Suomi in Weiß kaufen oder ein von Künstlern gestaltetes Suomi Geschirr - der Werbeeffekt war perfekt

Eugen Gomringer, der Erfinder der konkreten Poesie und Professor an der Akademie in Düsseldorf, war seit 1969 Kulturbeauftragter bei Rosenthal und lebt heute noch in Selb, unweit des ehemaligen Firmensitzes. Gomringer musste mit dem Geldköfferchen zu den Künstlern reisen und sie für die Bearbeitung des ungewöhnlichen Materials Porzellan gewinnen, so zum Beispiel 1969 Salvador Dali

"Also, wir hatten mal besprochen mit Rosenthal im kleinen Kreis, also den müsste man auch gewinnen können. Und irgendwie bin ich an die Adresse gekommen und irgendwie hieß es dann über seinen Sekretär, er hatte damals einen sehr bekannten Sekretär, es wäre ein Gespräch möglich, im Hotel Ritz in Barcelona, dann und dann, und zwar eine knappe Frist, es waren bis dahin ein oder zwei Wochen, ich sollte 100.000 Dollar mitbringen, sozusagen als Entree."

Dali entwickelte eine Art Handabdruck, mit dem er das Porzellan adelte. Auch heute noch erzielen die Geschirre dieser Reihe hohe Preise auf Kunstauktionen.

Philip Rosenthal ist trotz allem Kunstverständnis und Förderung der Kreativität ein knallharter Geschäftsmann. Deshalb sollte die Rosenthal Studiolinie ausschließlich in eigens dafür vorgesehenen Bereichen präsentiert werden, im Fachhandel wurden exklusive Abteilungen eingerichtet, ab 1960 eigene Studiohäuser gebaut. Rosenthal schulte sein Personal, und zeigte sich weiterhin als brillanter PR Mann. In seinem Aufsatz "Das Markenbild von heute ist der Umsatz von morgen" schulte er seine "Kommandotruppen am Markt", wie er seine Verkäufer nannte, im Verkauf herausragender Produkte. Das kann man auch in Schloss Erkersreuth noch erkennen.

"Hier wurden die Rosenthaler des Jahres und Rosenthal Wanderpreisträger verewigt. Also, es war natürlich wahnsinnig motivierend für die Mitarbeiter, auf so einer Kachel in Schloss Erkersreuth verewigt zu sein. Und es sind noch ganz viele Fliesen frei, bieten noch Platz für weitere Namen, aber es war natürlich wirklich wahnsinnig motivierend, Rosenthaler des Jahres. 1975, Dr. Hermann Kerner. Und dann auch immer mit der Begründung, wofür: 'Für die erfolgreiche Markenbildarbeit im Verkaufsgebiet Frankfurt.' Da sehen Sie also, Markenbild war Philip Rosenthal immer ganz wichtig."

Ende der 60er-Jahre hat Rosenthal sein Ziel erreicht: er ist mit seiner Studiolinie Gast in allen deutschen Wohnzimmern und hat den Deutschen die gute zeitgemäße Form beschert. Jetzt kann Philip Rosenthal, das Energiebündel, der Aktivist, der Unermüdliche sich verstärkt den Dingen zuwenden, die ihm ebenso wichtig sind, wie das Originäre seiner Zeit zu finden: die anderen, weniger bevorteilten, und davon so viele wie möglich, am "Sagen und Haben" teilhaben zu lassen.

"In diesem Raum fanden die Politparties statt. Alles im Stehen, denn Philip Rosenthal hat gesagt, so gemütlich hinsetzen, das machen wir nicht, lieber stehen und miteinander Kontakte haben und dafür die Reden nicht zu lang und lieber ... also, es war alles sehr easy going. Und das fand dann hier statt. Es war der Otto Schily, als er noch bei den Grünen war, es war die FDP da, es war der Edward Heath als britischer Premier, es war die CDU, es waren wirklich ganz bekannte und berühmte Politiker hier. Das Ganze spielte sich so nach festen Schemen ab: eine Minute Fragen, vier Minuten Antworten. Philip Rosenthal hat die Moderation gemacht, wenn es zu lange war, hat er mit so einer tibetanischen Glocke das Ganze dann abgewiegelt."

1963 beginnt Philip Rosenthal mit der Umverteilung des zuwachsenden Vermögens in seiner eigenen Firma. Anstelle der bis dahin üblichen Ausschüttung wurde nun an langjährige Betriebsangehörige eine Belegschaftsaktie gratis abgegeben. Es folgten begünstigte Zukaufmöglichkeiten und Investmentzertifikate, die je nach Betriebszugehörigkeit auch gratis abgegeben wurden. Doch der Unternehmer Rosenthal beteiligte nicht nur seine Mitarbeiter am "Sagen und Haben", sondern plädierte für eine "Beteiligung der Sozialdemokraten an der Bundesregierung".Rosenthal war der Meinung, dass eine vernünftige SPD an der Macht beteiligt sein müsse, da man es sonst in Bälde mit einer radikalisierten Linken zu tun haben werde. Durch eine SPD Regierungsbeteiligung wollte er politischen Radikalismus verhindern und soziale Gerechtigkeit herstellen.

Helmut Schmidt legt es Philip Rosenthal nahe, sich um ein Mandat im Deutschen Bundestag zu bewerben. Rosenthal zögert nicht lang. Im Februar 1969 tritt er der SPD bei und bekommt den Wahlkreis Goslar-Wolfenbüttel zugeteilt, den er nach einer sehr ungewöhnlichen und einfallsreichen Wahlkampagne gewinnt: Er wandert 130 Kilometer zwischen Goslar, Wolfenbüttel und Bad Harzburg - durch 140 Gemeinden, stets mit viel Gefolge und den Medien. Sein Motto "Hier gehe ich, ich kann nicht anders". Der Politologe Klaus Wettig hat Rosenthal im Wahlkampf begleitet:

"Abends eine Versammlung war ihm wiederum zu profan, zu SPD-mäßig gedacht. Dann hat er das mit seinen Leuten das ausgeweitet, und daraus wurde dann die Wanderung, die dann stilbildend geworden ist bis zu der Wanderung des Bundespräsidenten Carstens durch Deutschland."

Eine wichtigste Zielgruppe von Philip Rosenthal waren die Frauen. Rosenthals Wahlkampfversammlungen waren übervoll, es mussten immer weitere angeboten werden.

"Man konnte die Mengen von Frauen überhaupt nicht aufnehmen in den Räumen, die zur Verfügung standen. Ein Großmedium transportierte, dass in Wolfenbüttel eine Frau durchs Fenster kletterte und der Ober sagte: 'Wir haben keine Tassen mehr, sie können doch nicht aus der Kaffeekanne trinken.' Also fanden vier Wochen später noch mal eine Frauenveranstaltung in Wolfenbüttel statt und da waren noch mal tausend Frauen."

Im September 1970 wird Rosenthal unter Karl Schiller zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium berufen. Doch gerade bei Rosenthals Thema Nummer eins - der Vermögensbildung - kommt es zu Differenzen mit Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD). Rosenthal hatte einen Plan vorgelegt, der eine Vermögensbildung von sechs Milliarden jährlich durch Beteiligung am Produktivvermögen vorsah. Wirtschaftsminister Schiller lehnt ab. Doch es geht nicht nur um Inhaltliches. Die Persönlichkeiten Schiller und Rosenthal sind einfach nicht kompatibel. "Der Schiller hat einen Unternehmer erwartet und bekam den Rosenthal, und der Rosenthal hat einen Sozialdemokraten erwartet und bekam den Schiller."

Schon im November 1971 tritt Rosenthal von seinem Staatsamt zurück.

"Er hat keine Chance ausgelassen, Kontakte zu nutzen oder wann immer er die Möglichkeit hatte was öffentlich zu sagen, war mindestens der zweite oder dritte Punkt sein Bemühen um Beteiligung. Es ist gescheitert eigentlich. Das hat er auch eingesehen, aber er war ja ein intelligenter Mensch. Er hat sich nicht damit abgefunden eigentlich, er war enttäuscht."

Rosenthal zieht sich auch aus dem Unternehmen zurück und widmet sich ausschließlich dem, was ihm schon immer sehr wichtig war: dem Sport. Auch in Schloss Erkersreuth nimmt der Sport einen bedeutenden Platz ein.

"An dieser Wand die Ruder- und Wanderwege von Philip Rosenthal, und die Berge, die er bestiegen hat. Also von Selb aus die Donau runter bis zur Donaumündung in Svinducorce, und das ist auch diese Stelle, also dieser Ort Svinducorce wo er beendet hat mit seiner Reise über Italien, Griechenland, Türkei, Bulgarien, Rumänien, und dann im Donaudelta endend in Svinducorce, also das war schon sehr sehr happig, da zu rudern, allein zu rudern. Sehr gefährlich, ja, war gefährlich. Das letzte Stück konnte man nicht mitfahren, da gab es keine Straßen mehr. Da war er wirklich ganz auf sich gestellt. Und dann von Selb, Main, Rhein entlang über den Kanal nach Oxford, wo er ja studiert hat. Und das war für ihn Erholung pur, und das fand er klasse, dieses Abenteuer. Und dann diese Bergbesteigungen, die roten. Er hat auch im Himalaya, konnte er zwei Erstbesteigungen machen, die konnte er nach zweien seiner Kinder benennen, Tarpin und Sheila Peak."

Als 72-Jähriger umschwamm Philip Rosenthal Gran Canaria. Und war wieder in aller Munde. Doch mit dem Rosenthal-Unternehmen ging es bergab. Wie die meisten Betriebe der Porzellanindustrie kämpfte auch das Rosenthal-Werk gegen die Billigkonkurrenz aus Asien. Und gegen das veränderte Konsumverhalten der modernen mobilen individuellen Käufer. 1995, ein Jahr vor Philip Rosenthals 80. Geburtstag muss das Unternehmen einen Rekordverlust hinnehmen.

1996 geht der Konzernumsatz von Rosenthal auf 320 Millionen weltweit zurück. 1998 erwirbt die Dubliner Unternehmensgruppe Waterford Wedgwood 85 Prozent an der Rosenthal AG. Doch auch Waterford Wedgwood muss Insolvenz anmelden. Der Spagat zwischen der guten Form und dem, was der Markt heute will ist missglückt. Philip Rosenthal, der Große Mann des Porzellans stirbt am 27. September 2001 in Selb. Heute gehört das Rosenthal-Werk einem italienischen Unternehmen.

"Und Selb versinkt in den Dornröschenschlaf, sowie das von Gropius erbaute Werk, die von Friedensreich Hundertwasser gestalteten Fassaden mit ihren Baummietern, die vor sich hin träumen. Und dem Porzellanikon, in dem momentan die größte Ausstellung europäischen Porzellans zu sehen ist, die es jemals gab. Ein Ausflug nach Selb ist ein Ausflug in die sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der sich lohnt."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk