Sonntag, 15.09.2019
 
Seit 20:05 Uhr Freistil
StartseiteDie neue PlatteBekannte und unbekannte Klassiker29.05.2005

Bekannte und unbekannte Klassiker

Streichquartette von Haydn und Dohnányi

Zweimal geht es um die Kammermusik par excellence, um das Streichquartett, und zwar um in höchstem Grad Bekanntes wie um hochinteressantes Unbekanntes.

Von Norbert Ely

Kammermusik (AP)
Kammermusik (AP)

Zum einen hat das Gewandhaus-Quartett, das übrigens nach wie vor mit dem korrekten konservativen Bindestrich zwischen Gewandhaus und Quartett auftritt, im Gefolge seiner überaus erfolgreichen, wenn auch durchweg konservativen Beethoven-Gesamtaufnahme bei NCA - New Classical Adventure - eine CD mit den Streichquartetten op. 76,2-4 von Joseph Haydn herausgebracht - Titel: "Berühmte Streichquartette". Zum anderen sind bei dem kleinen Kölner Label aulos sämtliche Streichquartette von Ernst von Dohnányi in einer Aufnahme mit dem Chicagoer Fine Arts Quartet erschienen.

Das Leipziger Gewandhaus-Quartett betreibt, so möchte man sagen, Klassiker-Pflege auf höchstem künstlerischem Niveau. Die vier Herren stehen, auch wenn man ihre neueste CD hört, nicht unbedingt in dem Verdacht, die Musik einer großen Vergangenheit quasi neu entdecken zu wollen. Sie pflegen sie. Das allerdings mit außerordentlicher Kompetenz. Und so stellen auch Haydns Quintenquartett, Kaiserquartett und Sonnenaufgang - so die Beinamen der drei wahrlich bekannten Werke aus Opus 76 - einen Gewinn für jede Plattensammlung dar. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Frank-Michael Erben, der Primarius, nun wirklich ein vorzüglicher, technisch souveräner Geiger mit dem leicht nervösen, antreibenden Ton des geborenen Virtuosen ist. Dem sogenannten Quintenquartett d-moll op. 76 Nr. 2 bekommt nicht nur, dass Erben seine Führungsqualitäten mit Vehemenz ausspielt, sondern es macht sich hier auch bemerkbar, dass das Gewandhaus-Quartett vor den Erfahrungen anderer Ensembles mit historisierenden Artikulationsformen offenbar nicht völlig die Ohren verschlossen hat. Will sagen: da weht einen manchmal ein frischer Geist im Umgang mit den Quinten und den sich daraus ergebenden harmonischen Komplikationen an:

* Musikbeispiel: Joseph Haydn - 1. Allegro (Ausschnitt) aus: Streichquartett d-moll, op. 76 Nr. 2 Hob.III:76

Das Gewandhaus-Quartett mit dem Kopfsatz zum Streichquartett d-moll, op. 76 Nr. 2 von Joseph Haydn, dem sogenannten Quintenquartett. Das mittlere der drei eingespielten Werke ist das Kaiserquartett, das seinen Beinamen dem Thema des langsamen Satzes Poco adagio, cantabile verdankt. Poco adagio ist also schon mal richtig, cantabile auch, denn immerhin lautet der Text zum Lied ja "Gott erhalte, Franz den Kaiser". Nun gehörte es sich nach Ansicht des Schauspielers, Dramatikers, Regisseurs und Theaterdirektors August Wilhelm Iffland zumindest für ein gutes Theaterstück, erst recht für eine gute Tragödie, dass immer auch zumindest ein bisschen Rührung dabei war. Das Gewandhaus-Quartett spielt den genannten langsamen Satz also quasi im Geist Ifflands, nämlich gerührt. Und da kann es für den einen oder anderen Geschmack doch ein bisschen viel werden mit der Klassiker-Pflege. Kein Zweifel: Alles klingt wunderschön. Aber gehen diese Variationen nicht doch in eine verdammt andere Richtung? Kann man da in der letzten Variation nicht doch eine Stimmführung heraushören, die verzweifelt an Bach'sche Passionschoräle gemahnt und nicht so sehr an die singende Muse an der Pleiße?

* Musikbeispiel: Joseph Haydn - 1. Allegro (Ausschnitt) aus: Streichquartett C-dur, op. 76 Nr. 3 Hob IIII:77

So viel zum Gewandhaus-Quartett und seiner neuen, manchmal vielleicht zu schönen Einspielung dreier Streichquartette aus Haydns Opus 76.

Die andere Neuerscheinung präsentiert sich als Doppel-CD mit allen drei Streichquartetten des ungarischen Komponisten Ernst von Dohnányi. Der ist immer noch erschreckend unbekannt. Seine Leben überspannte freilich auch ganze Epochen; seine persönliche Vita ist von stärksten Gegensätzen gezeichnet. Ernst von Dohnányi wurde 1877 geboren, wuchs in der Spätzeit der k.u.k-Monarchie auf, erlebte den Ersten Weltkrieg mit den anschließenden Umwälzungen, musste erleben, wie sein Sohn Hans, der die Schwester des Theologen Bonhoeffer geheiratet hatte, als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten ermordet wurde, und konnte dessen Sohn, seinen hochbegabten Enkel Christoph von Dohnányi, noch in den 50er Jahren in den USA musikalisch unterweisen. Gestorben ist er hochbetagt 1960. Als Komponist wurde Ernst von Dohnányi, der übrigens ein hochvirtuoser Pianist und ausgezeichneter Dirigent war, der Einfachheit halber in die reine Brahms-Nachfolge eingeordnet oder erst gar nicht mehr wahrgenommen. Wahr ist, dass er keinen so radikalen Weg beschritt wie seine ungarischen Kollegen Kodály und Bartók. Aber die vorliegende CD des Fine Arts Quartet überrascht doch und fesselt auch. Die drei durchweg dreisätzigen Streichquartette in A-dur, Des-dur und a-moll entstanden 1899, 1906 und 1926, und damit in Wien, in Berlin und in den USA.

Die beiden älteren Werke einfach als Nachklänge von Brahms zu bezeichnen, bedeutet eine sträfliche Vereinfachung. Sie sind pures fin-de-siècle, randvoll aufgeladen mit musikalischen Seelenzuständen und näher an den Welten eines Schreker oder eines frühen Schönberg als an der romantischen Vergangenheit. Durch das dritte Quartett zieht sich ein Hang zur Sachlichkeit, auch eine gewisse, offenbar neu gewonnene Unbekümmertheit. Der Komponist Jolyon Brettingham Smith vermerkt in seinem klugen Einführungs-Essay, dass die drei Werke "zweifelsohne zu den besten kammermusikalischen Kompositionen der ganzen Epoche" zu rechnen seien. Dem möchte man zustimmen. Das Fine Arts Quartet wiederum, das übrigens nun schon seit fast sechzig Jahren in unterschiedlichen Besetzungen spielt, kehrt nicht zu Unrecht immer wieder die Momente von österreichisch-ungarischer Musizierlust hervor. Trocken-asketisch darf man Dohnányi in der Tat niemals spielen, und eigenartiger Weise gewinnt die Welt seiner Klänge durch eine eher musikantische Interpretation an Kontur und an Schärfe. Es verhält sich damit wie generell mit der so genannten historischen Aufführungspraxis: spielt man die Werke aus dem Geist ihrer Zeit, sind sie plötzlich gar nicht mehr so pflegeleicht. Dohnányi-Quartette werden geradezu aufregend. Das Finale aus dem 3. Streichquartett, a-moll op. 33.

* Musikbeispiel: Ernst von Dohnányi - 3. Vivace giocoso aus: Streichquartett Nr. 3 a-moll, op. 33


"Joseph Haydn - Berühmte Streichquartette"
Gewandhaus-Quartett
Label: New Classical Adventure
Labelcode: LC 12281
Bestell-Nr.: CD NCA 60128-210

"Ernst von Dohnányi - Die Streichquartette"
Fine Arts Quartet
Label: aulos
Labelcode: LC 09081
Bestell-Nr.: CD AUL 66145

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk