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StartseiteInformationen am MorgenÄrzte als Zeugen von Polizeigewalt15.01.2021

BelarusÄrzte als Zeugen von Polizeigewalt

Mediziner geraten in Belarus zunehmend unter Druck: Eine Ärztin hat die Folgen von Polizeigewalt dokumentiert und auf Twitter veröffentlicht. Aus Angst vor dem Regime ist sie mittlerweile geflohen. Andere werden gefeuert, obwohl Belarus in der Corona-Pandemie seine Ärzte dringend bräuchte.

Von Sabine Adler

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Eine verletzte Demonstrantin in Minsk, Belarus am 23.09.2020 (picture alliance / AP / TUT.by)
Eine Allgemeinmedizinerin aus Belarus war von der Zahl der Verletzten nach Polizeieinsätzen so schockiert, dass sie beschloss, alle ihr bekannt gewordenen Fälle zu dokumentieren (picture alliance / AP / TUT.by)
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Polizeieinsatz vor einem modernen Wohnblock in Minsk. Von hier aus war ein kleiner Protestmarsch gegen die Wahlfälschungen vom August gestartet. Nun nehmen Einsatzkräfte Leute fest. Jemand filmt, was sich im Hof abspielt. Die Kamera zoomt auf eine Frau, die sich wehrt und ruft, dass ihr Kind zu Hause allein ist. Die als brutal geltenden Omon-Kräfte führen sie unbeeindruckt ab. Andrej Witschuko hat eine ähnliche Situation erlebt, als sein 16jähriger Sohn abgeführt wurde. Seine Frau und er sollten bei der Polizei erscheinen, um zu erfahren, was mit dem Sohn geschähe. Doch statt Informationen erwartete das Ehepaar seine eigene Verhaftung. Auf LKWs wurden beide mit vielen anderen Eltern ins Gefängnis transportiert.

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"Sie haben uns in eine Zelle gesperrt, die für sechs Personen ausgelegt war. Aber wir waren dort 35 Personen. Die ersten Tage gab es nichts zu essen. In der Zelle gab es eine offene Toilette und nie Klopapier."

Andrej Wituschko ist Kinderarzt und hat auf der Intensivstation gearbeitet. Er wusste von der Brutalität der Sicherheitskräfte, im Gefängnis sah er die Opfer dieser Polizeigewalt - in seiner Zelle, auf den Fluren. Menschen mit Blutergüssen auf Rücken und Beinen.

Brutaler Umgang mit Inhaftierten

"Am schlimmsten war es nachts, wenn sie die Verhafteten brachten. Sie wurden geschlagen, man hörte sie schreien und man hörte die Geräusche von den Schlägen."

Zu seiner Frau hatte der Mediziner viele Stunden keinen Kontakt und machte sich größte Sorgen.

"Schlimm war, als ich am zweiten Tag durch das Zellenfenster meine Frau auf dem Gefängnisflur sah. Sie ist Diabetikerin, braucht Medikamente und muss ihren Blutzucker regelmäßig messen. Diese Bedingungen hätten ihren Tod bedeuten können, ich konnte absolut nichts tun."

Viele Follower - Twitter-Account mit Folgen der Polizeigewalt

Die junge Allgemeinmedizinerin Daria Tschechowa war von der Zahl der Verletzten nach Polizeieinsätzen so schockiert, dass sie beschloss, alle ihr bekannt gewordenen Fälle zu dokumentieren. Was sie innerhalb weniger Tage erfuhr und selbst sah, veröffentlichte sie auf Twitter. Das Interesse an ihrem Account war riesig.

"Für mich kam das ganz unerwartet. Je mehr mir folgten, desto klarer war, dass das nicht mehr meine Privatangelegenheit war. Ich war bereit, mich dem zu stellen. Auch wenn ich keine Politikerin bin. Ich bin Ärztin. Aber diese Gewalt hat die ganze Ärzteschaft schockiert. Da konnte ich nicht abseitsstehen."

Verhindern, dass Gewalttaten vergessen werden

Die junge Allgemeinmedizinerin und der Kinderarzt nahmen an den Demonstrationen teil, sie forderten ein Ende der Gewalt, deren Zeugen sie in den Kliniken tagtäglich wurden. 31.000 Menschen wurden festgenommen, fast 170 politische Gefangene sind in Haft, 450 Personen wurden nachweislich gefoltert. Daria Tschechowa hatte lange Mühe zu verstehen, was vor sich ging.  

"Das war für mich derart krass, dass ich es erst nicht glauben konnte, dass so etwas in unserem doch immer so friedlichen Belarus passiert, in meinem Heimatland."

Die Ärztin wollte auf jeden Fall verhindern, dass die Gewalttaten in Vergessenheit geraten. Ihre Materialsammlung wuchs mit jedem Tag.

"Ich habe alles veröffentlicht, was ich an Beweisen über die Gewalt erfahren habe und was ich selbst mit eigenen Augen gesehen habe, damit nicht totgeschwiegen wird, wie viele Personen körperlich und seelisch leiden mussten. Viele habe ich in unserem Krankenhaus Nummer 10 in Minsk selbst behandelt, viele wurden uns aus dem Okrestin-Gefängnis gebracht. Die meisten hatten Verletzungen von den Schlägen. Es kamen auch Patienten, um sich ihre Verletzungen von uns Ärzten dokumentieren zu lassen, oft waren das auch Schäden an den inneren Organen."

Lukaschenko: Lob für brutale Polizeikräfte

Kurz vor dem Jahreswechsel hat Präsident Lukaschenko den Minsker Omon-Kräften ausdrücklich gedankt und sie eingeschworen auf weitere treue Pflichterfüllung gegen die protestierenden Menschen, die er oft nur Prostituierte und Terroristen nennt.  In der Klinik Nummer 10 in Minsk sah Daria Tschechowa in den ersten Wochen ihres kurzen Berufslebens Krankheiten, von denen in der Ausbildung so gut wie nie die Rede war.

"Ich habe vor allem Patienten behandelt, die geschlagen worden waren. Mich hat die schiere Größe der Hämatome schockiert: Die reichten über den halben Körper. Wir maßen sie aus, mit dem Lineal, aber das war zu kurz, weil die Hämatome 50 Zentimeter und größer waren. Als ob das nicht gereicht hätte, haben sie sich in den völlig überfüllten Zellen auch noch mit dem Covid-19-Virus infiziert."

Von all dem berichtete sie auf Twitter. Der Feind, sprich die Behörden, die diese Gewalt verübt haben, lasen mit. "Nach einigen Tagen wurde ich vorgeladen zum Verhör, dann gleich am nächsten Tag noch einmal. Ich wurde befragt, als sei ich die Täterin. Sie warfen mir vor, das Arztgeheimnis zu missachten, und dann sollte ich ein Video aufnehmen."

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Auf eine öffentliche Abbitte ließ sie sich nicht ein. Die Behörden, die bis heute keinen einzigen Fall von Polizeigewalt untersuchen, nahmen stattdessen Ermittlungen gegen sie auf. Wie bei Roman Bondarenko, dem tot geprügelten Oppositionellen, dem Trunkenheit unterstellt worden war. Gegen Ärzte, die das nach der Obduktion richtigstellten, wurde ermittelt. Daria Tschechowa wartete nicht länger, sie floh ins Ausland wie so viele andere. Alexander Lukaschenko, der des Wahlbetrugs beschuldigt wird, will Ärzte wie sie nie wiedersehen.

"Wer das Land verlassen hat, wird nicht zurückkehren. Das ist keine Drohung, sondern ein Befehl an die Regierung.

Immer mehr Ärzte sterben an COVID-19

Der Kinderarzt, der seinen Sohn aus dem Gefängnis holen wollte und selbst dort landete, wurde entlassen.

"Genaugenommen verlängerten sie meinen Vertrag nicht. Warum, sagen sie nicht. Sie müssen das nicht erklären. Die Lage bei uns ist wegen des Coronavirus sehr ernst und ich als Not-Arzt, der auf der Intensivstation gearbeitet hat, stehe auf der Straße! Das ist schon seltsam."

Die Versorgung wird immer prekärer, zumal auch immer mehr Ärzte an COVID-19 sterben, 125 Mediziner in Belarus, oder 8,5 Prozent.  Das ist sehr viel mehr als anderswo.

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