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StartseiteEuropa heuteDer Beschwerde-König und die Behörden06.01.2015

BelgradDer Beschwerde-König und die Behörden

Filip Vuska macht mobil. Der Belgrader Student hat in nur sieben Jahren rund 11.000 Beschwerden bei Behörden eingereicht. Auf seinen Anstoß hin wurden circa 2.600 Bäume gepflanzt oder auch 300 Straßengullys gesäubert. Mit seiner Internetseite "Salternative" will er eine "Alternative zum Schalter" bieten, die Beschwerden einfacher machen soll.

Von Karla Engelhard

Eine Radfahrerin rollt an einem Schlagloch vorbei.  (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Alles begann mit einem Belgrader Radweg voller Schlaglöcher… (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Am Anfang war ein Radweg oder besser ein Weg, der eigentlich ein Radweg sein sollte. Jedenfalls ärgerte sich der junge Belgrader Filip Vuska sehr darüber:

''Dieser Radweg war alles, nur kein Radweg. Er war zugeparkt mit Autos, ja sogar Lkws und Busse. Motorradfahrer fuhren darauf, streunende Hunde griffen die Radfahrer an. Die öffentliche Beleuchtung funktionierte größtenteils nicht. Ein gesetzeswidriger Zustand. Die zuständigen Behörden machten offenbar nicht ihre Arbeit. Der Weg hatte unzählige Löcher, das war keineswegs eine sichere und unterhaltsame Fahrt. Wir hatten eher eine 'Adrenalinfahrt'."

Alle schimpften über die Zustände, doch keiner tat etwas. Filip Vuska war damals 15 Jahre und wollte das so nicht hinnehmen. Er schrieb seine erste Anzeige. Nicht passierte. Zwischen 2007 und 2010 schrieb der Gymnasiast Filip Vuska daraufhin etwa 150 Anzeigen. Die Behörde wendete sich an Filips Eltern, sie sollten ihn bremsen. Die Medien wurden auf den Fall aufmerksam. Dann geschah das Wunder: Fünf Kilometer Radweg wurden erneuert, die Beleuchtung wurde repariert und Schilder aufgestellt. Da hatte Filip schon ein anderes Ärgernis entdeckt:

"...Ich hatte als Gymnasiast Sommerferien und fuhr auf allen 145 Bus-Linien der Stadt und erkannte zahlreiche Mängel auf über 1.500 Haltestellen. Meistens gab es überholte Fahrpläne oder keine. Der Staat Serbiens hatte offenbar nicht so viel Geld, um auf die Leiter zu klettern und die Bezeichnung zu entfernen, obwohl drei öffentliche Institutionen dafür zuständig sind. Auch neue Linien wurden nach ihrer Einführung an Haltestellen nicht gekennzeichnet. Es gab auch viele kaputte Wartehäuschen."

Serbische Medien nennen Vuska den "kleinen Verrückten"

Einen Monat lang fuhr der sympathische junge Mann jeden Tag zwischen morgens sechs Uhr bis mittags 13 Uhr Bus. Dann schrieb er nicht nur Anzeigen, sondern entwarf und druckte Fahrpläne. Nach den Vorlesungen klemmte er sich die Leiter unter den Arm, lief von Haltestelle zu Haltestelle und klebte Fahrpläne.

"Die Anwohner wunderten sich oft: Nicht alle, aber einige, wussten gar nicht, dass zum Beispiel Nachtbusse zu ihrer Siedlung fahren."

Die serbischen Medien entdeckten Filip Vuska und nannten ihn liebevoll den "kleinen Verrückten". Die Stadtbehörden mussten ihn daraufhin ernst nehmen. Er wurde eingeladen und einige mutmaßlich Verantwortliche wurden in seinem Beisein abgekanzelt. Die 80 Euro, die der Student in seine selbst gemachten Fahrpläne investiert hatte, sollte er sogar zurückerstattet bekommen – doch Filip Vuska lehnte ab und machte weiter. 2012 entdeckte er leere Pflanzstellen, wo Bäume fehlten, spontan halfen ihm Freiwillige und zusammen fanden sie 1.500 fehlende Bäume – ein kleiner Wald. Nach seiner Anzeige wurden die meisten Bäume gepflanzt.

''Die Reaktionen der Stadtverwaltung waren nicht wohlwollend, denn endlich zwang sie jemand mit seinen Hunderten und Tausenden von Anzeigen dazu, aus ihren Büros rauszukommen und nicht nur Kaffee zu trinken, sondern wirklich Probleme zu lösen.''

Mit vier Freunden gründete Filip Vuska eine Bürgerinitiative mit dem Namen "Wir haben einen Plan". Im vergangenen Jahr erneuerten sie auf eigenen Kosten zwei Haltestellen, diesmal schrieben sie auf die Rückseite der Fahrplantafeln "Renovierung gestiftet von der Gruppe 'Wir haben einen Plan'". Daraufhin verklagte die Stadtverwaltung Filip Vuska wegen Verletzung des Werbeverbotes. Eine Strafe von umgerechnet 500 Euro sollte er zahlen. Bürger sammelten das Geld für ihn. Filip Vuska will weitermachen:

"Das Ziel ist nicht, dass jemand so extrem wird wie ich und 11.000 Anzeigen verschickt. Ziel ist, dass jeder ein Bisschen was tut. Etwas Gutes, Positives für seine Umgebung, was von zum Nutzen alles ist."

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