Donnerstag, 22.08.2019
 
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Benjamin Carter Hett und Michael Wala"Otto John"

Der Fall Otto John war einer der großen Polit-Skandale der jungen Bundesrepublik. Viel ist über den Seitenwechsel des ersten Verfassungsschutzpräsidenten in die DDR gerätselt worden. Die Historiker Benjamin Carter Hett und Michael Wala legen nun die erste Biographie über ihn vor.

Von Marcus Heumann

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Eine schemenhafte Karte von West- und Ostdeutschland. Darauf das Buchcover von Benjamin Carter Hett und Michael Wala: "Otto John". (Verlag Rowohlt / picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
Zweifacher Seitenwechsel: Der Skandal um Otto John bewegte die junge Bundesrepublik. (Verlag Rowohlt / picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)

"Lange, meine Zuhörer und Zuhörerinnen, hat nichts mehr so die Öffentlichkeit in Deutschland beschäftigt, wie der Fall John. Der Übergang des Präsidenten des Verfassungsschutzamtes der Bundesrepublik in die Sowjetzone ist erschreckend."

Konrad Adenauer am 6. August 1954. Besondere Sympathien hatte der Kanzler ohnehin nicht gehegt für den einstigen Widerstandskämpfer aus dem Kreis um Carl Goerdeler, der unmittelbar nach einer Gedenkfeier zum 10. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1954 über die Sektorengrenze nach Ost-Berlin verschwand und im Dezember 1955 ebenso überraschend zurückkehrte.

Aufgrund noch immer unzugänglicher CIA- und KGB-Akten sind Ablauf und Motivation dieses zweifachen Seitenwechsels bis heute nicht gänzlich zu klären. 1956 wegen Landesverrats zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und 1958 begnadigt, versuchte Otto John sich bis zu seinem Tod 1997 als Opfer darzustellen, er sei vom KGB verschleppt worden. Fünf Wiederaufnahmeverfahren strengte John an, erfolglos. Doch die meisten Indizien und Aussagen von Beteiligten deuten darauf hin, dass er sich durchaus freiwillig nach Ost-Berlin begab um keine 24 Stunden später zu erkennen, dass KGB und Staatssicherheit ihm den Rückweg versperrt hatten.

"Das Ministerium des Innern gibt bekannt: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Herr Dr. Otto John, hat am 20. Juli 1954 mit verantwortlichen Persönlichkeiten der Deutschen Demokratischen Republik eine Aussprache im demokratischen Sektor von Berlin geführt."

Bei der, so wäre die damalige Meldung des DDR-Rundfunks zu ergänzen, die "Persönlichkeiten" sowjetische Agenten waren, die John offenbar nach seiner Weigerung, vertrauliche Informationen zu liefern, ein Schlafmittel in den Kaffee schütteten.

Finale Bewertung durch gesperrte Akten erschwert

Auch die Autoren des vorliegenden Buches müssen bei der finalen Bewertung der John-Affäre vor den gesperrten Akten kapitulieren - aber mit dieser ersten dezidierten Biographie Otto Johns geben sie dem Leser dennoch ein Psychogramm in die Hand, das eine eigene Urteilsbildung erleichtert.

Das sich-Verstellen hatte John früh lernen müssen: Von den Verschwörern des 20. Juli 1944 war er einer der wenigen, die überlebten. Während sein jüngerer Bruder Hans von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt wurde, gelang ihm über Spanien die Flucht nach England. Dort zuerst von den misstrauischen Briten interniert, wurde er schließlich mit der Vernehmung deutscher Kriegsgefangener beauftragt und half nach dem Krieg als studierter Jurist den Briten bei der Vorbereitung von Prozessen gegen deutsche Kriegsverbrecher, womit er sich in seiner Heimat nicht wenige Feinde machte. Johns politische Integrität und die Protektion von Bundespräsident Heuss machten ihn 1950 dennoch zum Chef des neu gegründeten Bundesamts für Verfassungsschutz.

"Er muss [...] schon damals geahnt haben, dass die politische Realität in der Bundesrepublik sich in den wenigen Monaten zwischen Mai 1949 und seinem Dienstbeginn Ende 1950 weit von dem entfernt hatte, was er sich noch im Londoner Exil erträumte. Aus den Behörden, die sich mit Vertretern der alten Eliten füllten, blies ein immer schärfer werdender reaktionärer Wind."

"Einmal Verräter - immer Verräter"

Eindrucksvoll fächern die Autoren das Personaltableau des Bundesamtes in den frühen 50er Jahren auf: Dort ist John umgeben von einstigen SS-Sturmbannführern, Abwehroffizieren und spitzelnden Ex-Gestapo-Männern als "freien Mitarbeitern". Und: Er ist eingekreist von Vertrauten Reinhard Gehlens, dem einstigen Leiter der Wehrmachts-Abteilung "Fremde Heere Ost" und nun Chef des nach ihm benannten BND-Vorläufers, der selbst auf Johns Posten aspiriert hatte und zu seinem Intimfeind wird.

"Einmal Verräter, immer Verräter", kommentiert Gehlen das Auftauchen Johns in Ost-Berlin, wo dieser sich von der SED fortan politisch instrumentalisieren lässt, u.a. durch den Auftritt auf einer internationalen Pressekonferenz am 11. August 1954, bevor der KGB ihn zu monatelangen Verhören in die Sowjetunion ausfliegt: "Im Amt Blank und in der Organisation Gehlen werden alle die beherbergt, die mit Hitler bis zum bitteren Ende gekämpft haben und noch nicht in den Vordergrund treten können oder auch nicht wollen, solange ihnen noch nicht das Recht zuerkannt wird, ihre Hitlerorden wieder anzulegen. Widerstandskämpfer sind in diesen Reihen als Eidbrecher verfemt."

Solche und ähnliche Äußerungen sind es, die John nach seiner überraschenden Rückkehr in den Westen einen Prozess wegen Landesverrats einbringen, wobei die Judikative alles andere als unbefangen ist:

"Das dürfte nicht zuletzt daran gelegen haben, dass ausnahmslos alle Staatsanwälte und Richter, die sich seit 1954 mit seinem Fall befasst hatten, bereits während der NS-Zeit aktiv und bis auf wenige Ausnahmen NSDAP-Mitglieder gewesen waren."

...konstatieren die Autoren. Während sie zur eigentlichen "Affäre John" aus den genannten Gründen wenig Neues beitragen können, zeigt ihr Buch umso eindringlicher, wie der Fall John für viele Nachkriegsdeutsche als - Zitat -"moralischer Blitzableiter" fungierte - in einer jungen Demokratie, die auf tönernen Füßen stand:

"Für diejenigen, die im NS-Regime eine aktive Rolle gespielt hatten oder auch nur Mitläufer gewesen waren, bildete das Vorbild der Widerstandskämpfer einen ständigen moralischen Vorwurf und eine Bürde. [...] Diejenigen, die Hitlers Staat gedient hatten, konnten ihren 'Patriotismus' nun gegen Johns 'Verrat' ausspielen."

Benjamin Carter Hett und Michael Wala: "Otto John. Patriot oder Verräter. Eine deutsche Biographie",
Rowohlt Verlag, 411 Seiten, 25 Euro.

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