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StartseiteBüchermarktZwischen Geist und Glamour27.12.2020

Benjamin Moser: „Sontag. Die Biografie“Zwischen Geist und Glamour

Seit Susan Sontag 2004 gestorben ist, sind einige Bücher über ihr Leben erschienen. Die erste autorisierte Biografie über sie legt der erst 46-jährige Benjamin Moser vor. Auf mehr als 800 Seiten spürt er sehr direkt den Schatten- und Sonnenseiten der weltberühmten Intellektuellen nach.

Von Shirin Sojitrawalla

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Buchcover: Benjamin Moser: „Sontag. Die Biografie“ (Buchcover: Penguin Verlag)
Benjamin Mosers Biografie über die amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin Susan Sontag (Buchcover: Penguin Verlag)
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Sie gehörte zu jenen Kindern, denen man früh anmerkt, dass sie anders sind und später dazu neigen, krank und/oder berühmt zu werden. Kinder, die lieber Victor Hugo lesen als Fangen zu spielen. Kinder, deren Wissbegierde kein Maß kennt. Kinder, die sich in Bücherseiten flüchten wie in einen sicheren Hafen. Die 1933 in New York City als Susan Lee Rosenblatt in eine jüdische Mittelstandsfamilie hineingeborene, spätere Susan Sontag war so ein Kind: auffällig und besonders. Ihre schwierigen Familienverhältnisse beförderten das, ihr leiblicher Vater starb an Tuberkulose, als sie 5 Jahre alt war, die Mutter ertränkte ihren Lebenshunger in immer mehr Alkohol. Zu ihrer erstgeborenen Tochter Susan unterhält sie eine komplizierte und angespannte Beziehung. 1936 kommt Judith, ihre Zweitgeborene, Susans Schwester zur Welt. Die Familie zieht erst nach Miami, dann nach Arizona, von dort nach L. A.. Die Mutter heiratet erneut und aus dem Wunderkind Susan wird die weltberühmte Intellektuelle Susan Sontag.

Schon zu ihren Lebzeiten ranken sich viele Mythen und Legenden um ihr kapriziöses Leben, sorgen die Ambivalenzen ihres So-Seins für vielfältige Spekulationen. Der amerikanische Autor Benjamin Moser geht in seiner Biografie vielen dieser Spuren nach, vor allem aber versucht er, Sontags Leben von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod, sinnfällig nachzuerzählen. Von Beginn an beschäftigt ihn dabei das Bild, das Sontag von sich selbst erschaffen wollte. Vieles von dem, was Moser entblößt, wissen die Leser und Leserinnen schon aus ihren bislang in zwei Bänden erschienenen Tagebüchern.

Role Model Susan Sontag

Dass sie für viele, besonders auch für Frauen, ein herausragendes Vorbild war, steht dabei außer Frage:

"Teilweise faszinierte sie Sontags Ruhm, weil er etwas nie Dagewesenes darstellte. Zu Beginn ihrer Karriere war sie voller Widersprüche. Eine schöne junge Frau von furchterregender Bildung; eine Schriftstellerin von der unnachgiebigen Strenge der New Yorker Intellektuellen und zugleich eine Verfechterin der zeitgenössischen 'niederen' Kultur, die die ältere Generation zu verabscheuen behauptete. Sie hatte keine echte Abstammungslinie. Obwohl viele ihrem Vorbild nacheiferten, vermochte niemand wirklich in ihre Fußstapfen zu treten."

Es gibt wohl kaum einen Text über Susan Sontag, in dem nicht ihre Widersprüche thematisiert würden. Hier die großzügige Mentorin, dort der bösartige Drachen, hier die schillernde Intellektuelle, dort die arrogante Moralistin. Benjamin Moser nimmt all das zur Kenntnis und setzt es ins Verhältnis. Dazu hat er mit zahllosen Menschen gesprochen, die Susan Sontag kannten und hat sich intensiv mit ihrem Werk, ihren Artikeln, Filmen, Essays und Romanen sowie mit ihrem Lebenslauf und natürlich auch mit der Kulturgeschichte auseinandergesetzt. Alltag eines Biografen. Doch Moser ist der erste, der Zugang zu privatesten Aufzeichnungen und Dokumenten hatte. Seine Biografie ist zudem die erste autorisierte. Sontags Sohn, ihr einziges Kind, David Rieff gab seinen Segen, selbiges gilt für ihren Agenten sowie für ihren Verleger.

Vom richtigen Umgang mit ihrem Leben und Sterben

Ihr Sohn hatte 2009 sein Erinnerungsbuch "Tod einer Untröstlichen" über ihre letzten Tage geschrieben. Darin hat er viel preisgegeben über sie und vermutlich noch mehr verheimlicht. Der zeitweiligen Lebenspartnerin seiner Mutter Annie Leibovitz hat er vorgehalten, sie mit ihren schamlosen Fotos bloßgestellt zu haben. Leibovitz hatte in einem Buch über ihr Leben Fotos aus dem Endstadium Sontags herausgebracht, erschütternde Aufnahmen einer Todgeweihten. Der Zwist und das Konkurrenzgebaren zwischen Sohn und Lebenspartnerin zeugt von den typischen Eitelkeiten und Verletzungen, die mit dem vermeintlich richtigen Umgang mit Susan Sontags Leben, Werk und Sterben einhergehen. Moser berücksichtigt all das in seinem Buch. Doch er referiert diese Streitigkeiten nicht nur, sondern zieht immer wieder bemerkenswerte Schlüsse, indem er Leben und Werk auf inspirierende Weise verhakt:

"'Die Frage ist wirklich nur, wann man zu kotzen anfängt', schrieb der Kritiker David Thomson. Andere fanden das Buch bewegend. Es ist das einzige Mal, dass Annie ihre Auftragsarbeit mit persönlichen Fotos vermischte – ihre Familie beim Spiel, der Tod ihres Vaters, die Geburt ihrer Kinder. Doch das Buch wirft unbequeme Fragen auf – dieselben, die in Über Fotografie aufgeworfen wurden. In diesem Buch schrieb Sontag, die Fotografie ermögliche, die Realität, auch die Realität des Leidens anderer Menschen, zu Konsumartikeln zu verarbeiten."

"Das Leiden anderer betrachten", lautet der Titel einer ihrer berühmtesten Essays, in dem sie sich mit ihren schon 1977 verfassten Thesen in "Über Fotografie" auseinandersetzt. Es ist eines ihrer großen Lebensthemen: Bild versus Abbild, Wirklichkeit versus Kunst. Paradigmatisch zeigt sich darin ein Konflikt, der sie ein Leben lang umtreibt: der zwischen Ästhetik und Moral. 

Den damaligen Bilderfluten, die von heute aus betrachtet fast überschaubar wirken, attestiert sie, die Menschen abzustumpfen, sie immun zu machen gegen das Elend der Welt. In "Das Leiden anderer betrachten", 25 Jahre später veröffentlicht, schwächt sie ihre damaligen Aussagen ab, beweist ihre geistige Beweglichkeit, indem sie eigene Gewissheiten auf den Prüfstand stellt.

Der Autor Benjamin Moser (© Beowulf Sheehan/Penguin Verlag)Für seine autorisierte Biografie der amerikanischen Philosophin und Publizistin Susan Sontag, gewann Benjamin Moser den Pulitzer-Preis für die beste Biografie. (© Beowulf Sheehan/Penguin Verlag)

Benjamin Moser zielt in seiner Biografie nicht nur auf die Intellektuelle Susan Sontag, sondern auch auf den Popstar. Es ist kein Wunder, dass er sein Buch über sie nur mit ihrem Nachnamen betitelt, das ist bei Diven schließlich so üblich, und daran, dass sie eine Diva war, lässt das Buch keinen Zweifel. Das Foto auf dem Cover zeigt sie mit Lederjacke und unverstelltem Blick. Wenn man es nicht besser wüsste, ginge sie wirklich als Popstar durch. Ihr Drogenkonsum, Amphetamine, Speed, passte ebenso dazu wie ihre Kettenraucherei, ganz zu schweigen von ihren fehlenden Mutterinstinkten und ihren Liebesdramen. Sie machte es sich und den Menschen um sich herum nicht leicht:

Intellektuelle Verausgabung

"Zwar konnte sie auch in früheren Jahren unsensibel und egozentrisch sein – sogar, wie sie selbst erwähnte, 'ausgesprochen taktlos' –, doch nun nahm ihr Umgang mit anderen Menschen manchmal so extreme Ausmaße an, dass Skandalgeschichten über Susan Sontag zu einem festen Bestandteil der literarischen Folklore Amerikas wurden."

Benjamin Moser widmet sich ihrem Leben chronologisch und behält doch immer den Gesamtzusammenhang im Blick. Die begabte Schülerin mausert sich rasch zu einer brillanten Studentin, die an den besten Universitäten des Landes lernt und lehrt, mit zwanzig ist sie die jüngste College-Dozentin der Vereinigten Staaten. Sie ist eine Getriebene, eine, die manisch Leselisten abarbeitet und die nebenbei noch ein Privatleben führt. Es ist nicht nur ihre Begabung, die erstaunt, sondern auch ihr unbedingter Wille, sich intellektuell zu verausgaben. Mit nur 17 Jahren heiratet sie dann den Soziologen Philip Rieff, mit 19 Jahren wird sie Mutter des gemeinsamen Sohnes David.

Moser beschreibt sogar die Umstände der Geburt, etwa Sontags Verwunderung über das Platzen ihrer Fruchtblase. Sie kannte ihren Körper nicht besonders gut und habe ein Leben lang mit der Dualität von Geist und Leib gerungen, so Moser. Früh fühlt sie sich von Frauen angezogen, doch zu ihrer Homo- bzw. Bisexualität hat sie sich nie öffentlich bekannt, was ihr viele verübelten. Moser interessiert sich dabei mindestens so viel für ihre Bettgeschichten wie für ihre Aufsätze, stellt ihr sexuelles Vermögen genauso vor wie ihr intellektuelles. Man kann darüber streiten, ob es der Sache dient zu wissen, mit wem Sontag ihren ersten Orgasmus erlebte. Selbiges gilt für ihre Affären, Warren Beatty und Robert Kennedy gehörten dazu. Oh my God. Es sind die wilden sechziger und siebziger Jahre und wahrscheinlich ist es dem damaligen Zeitgeist geschuldet, dass sich Moser in diesen Kapiteln zuweilen vergaloppiert. Es ist ja das eine, viele Menschen zu befragen, um auch den Spirit der damaligen Zeit einzufangen, andererseits muss man auch nicht alles zitieren, nur weil man den O-Ton eingefangen hat. Es finden sich ziemlich seltsame Frauenbeschreibungen in dem Buch und Charakterisierungen, die sich darin erschöpfen, dass jemand ein "heißer Typ" sei.

Die Welt als ästhetisches Phänomen

Nun denn: Moser stellt Sontags intellektuellen Heißhunger ihrem sexuellen beiseite, widmet sich ihren geistigen wie ihren körperlichen Ausschweifungen. Schon 1958 trennte sie sich von Philip und verliebte sich in eine Frau. Nicht einmal ihrer Schwester gegenüber gibt sie das zu. In einem Brief an sie verwandelt sie ihre Geliebte in einen Mann namens Carlos.

"Ich tue nicht viel, außer zur Arbeit zu gehen, Sex zu haben, ins Kino zu gehen und Schach zu spielen. Ich weiß nicht, wie lange diese Affäre dauern wird, vielleicht Jahre, es ist eine dieser Beziehungen. Ich habe jeden Gedanken an Ehe kategorisch ausgeschlossen, und Carlos hat sich damit abgefunden. Aber vielleicht hat er unser Arrangement satt, wenn David zurückkommt...Ich fürchte sehr, dass er dann die Frage der Ehe aufs Tapet bringen wird, und ich bin absolut dagegen."

Moser deutet an, dass sie fürchten musste, ihren Sohn zu verlieren, wenn herauskäme, dass sie mit Frauen schlief. Es waren rigide, prüde Zeiten. Sontag heiratet nicht wieder und mutet ihrem Sohn viel zu. Die Biografie gibt ihrer Beziehung breiten Raum, und man hat das Gefühl, der Autor leide in dieser Frage eher mit ihm als mit ihr mit. Das macht er nicht aufdringlich, aber doch wahrnehmbar. Leser und Leserinnen sind also aufgefordert, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Dabei ist die Sicherheit, mit der Moser auf dem schmalen Grat von kritischer Distanz und vertraulicher Nähe zu seinem Gegenstand balanciert bewunderungswürdig. Immer wieder gelingt es ihm, die Schattenseiten Sontags scharf in den Blick zu nehmen, ohne sie bloßzustellen. Ihre Fähigkeiten und Unfähigkeiten bekommen gleich viel Raum. Als Knackpunkt ihres Denkens nennt er ihre Vorliebe dafür, die Welt als ästhetisches Phänomen zu betrachten. Das führt dazu, dass sie in ihren "Anmerkungen zu Camp" die kulturelle Überlegenheit der Homosexuellen festhält, ohne ihre eigene sexuelle Orientierung laut mitzudenken. Dasselbe Phänomen, wenn auch noch brisanter, wiederholt sich in ihrem späteren Essay "Aids und seine Metaphern". Gerade im Kampf gegen die Krankheit, die zu Beginn als 'Schwulenkrebs' gebrandmarkt wurde, hätte sie eine wichtige Stimme der Vernunft sein und ihr Engagement mit der Autorität ihres eigenen Lebens stützen können. Doch sie hat sich, wie gesagt, nie geoutet. Aus welchem Grund sie das nie getan hat, kann auch Benjamin Moser nicht zweifelsfrei ergründen. Die Angst vor öffentlicher Zurückweisung scheint eine zu mickrige Erklärung.

Nach der Veröffentlichung von "Anmerkungen zu 'Camp'" im Jahr 1965 avanciert Sontag in der sich als intellektuelles Zentrum etablierenden Stadt New York rasch zum allseits gern gesehenen Gast. Sie gehört von nun ab dazu, und sollte es bis zu ihrem Lebensende tun.

"Für Susans Karriere war diese öffentliche Aufmerksamkeit bis zu einem gewissen Grade nützlich. Sie wurde zu jemandem, der von Andy Warhol gefilmt werden und mit Jacky Kennedy zum Dinner gehen konnte. Sie wurde zu einem Symbol von New York; und wie der erste Anblick der Freiheitsstatue dem Einwanderer im Gedächtnis haften blieb, wurde der erste Blick auf Sontag zu einem Versatzstück des literarischen Lebens im Amerika des 20. Jahrhunderts."

Zivilcourage ohne Wenn und Aber

Zu dieser Zeit, 1968, war sie gerade mal 35 Jahre alt und schon ein Star des intellektuellen Lebens. Bald darauf ist sie so etwas wie eine Institution, später eine weltbekannte Marke. Ihre nach ihrer ersten Krebserkrankung weiß gelassene Haarsträhne wurde zu ihrem Erkennungszeichen. In einer Fernsehshow lag eine Perücke bereit, die ihren Look nachahmte, und in Woody Allens Pseudo-Dokumentation "Zelig" bekommt die echte Susan Sontag einen Gastauftritt als Talking Head. Doch ihre Erfolgsgeschichte geht immer wieder mit Eintrübungen daher, ihre Essays über Vietnam und Kuba ernten Widerspruch. Die harscheste Kritik erhält sie dann am Ende ihres Lebens für ihre Aussagen über die Attentäter des 11. Septembers 2001. In einem Artikel für den "New Yorker" legt sie Wert darauf, dass man diesen keine Feigheit vorwerfen könne. Da machte sie in den Augen vieler keine gute Figur, wiewohl man ihre Aussagen mit zeitlichem Abstand anders betrachtete.

Als unumwunden guter Mensch erweist sie sich in der so genannten Rushdie-Affäre. 1989 hatte der iranische Ajatollah Chomeini bekanntlich eine Fatwa gegen ihn erlassen. Grund war sein angeblich gotteslästerlicher Roman "Die satanischen Verse". Für Susan Sontag ein Angriff auf die Freiheit der Kunst: ohne Wenn und Aber.

Sie war damals Präsidentin des internationalen Autorenverbandes PEN und zur Freude von Salman Rushdie im Gegensatz zu vielen anderen extrem couragiert und nicht von der ängstlichen Sorte.

Mut und Zivilcourage beweist sie auch im Bosnienkrieg Ende der 90er Jahre, als sie viel Zeit im belagerten Sarajewo verbringt und ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt. Sie inszeniert dort Samuel Becketts "Warten auf Godot". Heute trägt der Theaterplatz in Sarajewo ihren Namen. Die kriegstraumatisierte und -versehrte Stadt gibt Sontag die Möglichkeit, ihr Lebensthema, die Verschränkung von Ästhetik und Ethik mit praktischem Inhalt zu füllen. "Wie soll man leben?", schreibt sie während der Belagerung in ihr Tagebuch. Sie, die ihr Leben lang davon ausgeht, dass die Kunst einen lehre, wie man zu leben hätte. Benjamin Moser erzählt auch davon, wie das in ihrem Fall nicht zutrifft. Ihre Lektüren und all ihr kognitives Wissen gleichen ihren von vielen Seiten bestätigten Mangel an Empathie nicht aus. Da ist sie natürlich kein Einzelfall, aber eben doch ein besonders schillerndes Beispiel:

"Die Jahre während und nach ihrem Engagement in Sarajewo wurden das goldene Zeitalter der 'Susan-Story', deren Protagonistin unfähig war, sich so wahrzunehmen, wie sie wahrgenommen wurde.

Die Frau, die sich selbst für Jeanne d'Arc hielt, war dieselbe Frau, die bei Petrossian in der Fifty-Eight Street so viel Kaviar aß, dass Larry McMurry sagte: 'Sie dezimiert die Spezies'."

Diese Anekdote sagt vermutlich mehr über McMurry und den Biografen als über Susan Sontag aus. Denn warum sollten soziales Engagement und Kaviaressen ein Widerspruch sein? Das wäre dann doch zu kleingeistig gedacht, um im Kosmos Sontags zu bestehen. Auch an anderer Stelle gebärdet sich Moser fast ein bisschen spießig, etwa wenn er Sontag mit einem Kind vergleicht, weil sie ihre Körperpflege vernachlässigte und zur Verwahrlosung neigte, wie man es übrigens von anderen Geistesmenschen besonders in Hochphasen ihrer Arbeit oft hört. Ihren schmuddeligen Junggesellen-Gestus könnte man ebenso gut als Ausweis ihrer Unangepasstheit deuten.

Von Selbstzweifeln geplagt

Die Autorin Sigrid Nunez, die auch in dieser Biografie hier und da zu Wort kommt, hat vor 9 Jahren eigene Erinnerungen unter dem Titel "Sempre Susan" veröffentlicht, die dieses Jahr auch auf Deutsch erschienen sind. Darin schildert sie ihre einstige Mentorin auch als eine von Selbstzweifeln geplagte Frau und als eine, die sich um Konventionen nicht scherte und andere dazu anstachelte, es ihr gleichzutun. Nunez erzählt, wie Sontag mit sich haderte und mit den Reaktionen der Leser und Leserinnen, die sie in den Ruf einer begabten Essayistin und minder begabten Prosaautorin gebracht hatten. Benjamin Moser ergänzt das mit seinen Ausführungen zu ihren ständigen Geldschwierigkeiten, weil ihre Werke nicht eben viel abwarfen. Umso willkommener ihr erster Bestseller "Die Liebhaber des Vulkans", 1992 erschienen. Das Buch verkauft sich in der ganzen Welt, andere ihrer Bücher verharren in den Regalen. Im Hanser Verlag erscheinen diesen Herbst unter dem Titel "Wie wir jetzt leben" auch Erzählungen von ihr, darunter ihr Text "Wallfahrt", der von ihrem als Teenager tatsächlich gemachten Besuch bei Thomas Mann im kalifornischen Exil erzählt.

Es ist ein nicht gering zu schätzendes Verdienst dieser Biografie, dass sie ungeheuer Lust macht, Sontags Werke neu und wieder zu entdecken. Genau das sei seine Intention gewesen, erläuterte Moser kürzlich in einem Interview. Was sie selbst wohl von seinen Ausführungen gehalten hätte? 1996 jedenfalls reagierte sie geschockt auf die Nachricht einer geplanten Biografie.

"Jede Biografie, die zu meinen Lebzeiten geschrieben würde, empfinde ich als überflüssiges und unseriöses Unterfangen. Wenn die Autoren es nicht für nötig hielten, mich über ihre Absichten zu informieren oder meine Einwilligung und Mitarbeit zu suchen, bevor sie einen Vertrag für ihr Buch unterzeichneten, verspricht das etwas noch Unappetitlicheres zu werden."

Mosers Biografie verzichtet zwar nicht auf intime Details, unappetitlich wird es aber nicht. Das liegt auch daran, dass er ihr bei aller Kritik mit Hochachtung begegnet. Ihr Leben begreift er von seinem Anfang her, ihre Herkunft dient ihm als Schlüssel für ihr Wirken. Dabei macht er auf ebenso prägnante wie unterhaltsame Weise deutlich, dass Susan Sontag, die Fachfrau für Metaphern aller Art, am Ende ihres Lebens selbst zur Metapher geworden ist.

Benjamin Moser: "Sontag. Die Biografie"
aus dem Amerikanischen von Hainer Kober
Penguin Verlag, München. 923 Seiten, 40 Euro.

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