Kommentare und Themen der Woche 28.09.2020

Bergkarabach-KonfliktDie Menschen brauchen ein Leben ohne ewige AngstVon Thielko Grieß

Beitrag hören Eine Frau sucht Schutz in einem Keller in Nagorny, Karabach (AFP/ Narek Aleksanyan)Eine Frau sucht Schutz in einem Keller in Nagorny, Karabach (AFP/ Narek Aleksanyan)

Der seit mehr als einem Jahrhundert schwelende Konflikt im Südkaukasus sei sowohl für die Türkei als auch für Russland geopolitisch wichtig, kommentiert Thielko Grieß. Doch man dürfe sich nicht nur auf dieses Schachspiel der Mächte fokussieren. Die Menschen vor Ort bräuchten endlich Frieden.

Kommentatoren – auch der Autor dieser Zeilen – fällen gern Urteile. Ist jedoch Bergkarabach und der ewige Konflikt um diese Kaukasusregion ein Thema, gibt es keine schnellen, keine eindeutigen Urteile.

Die seit mehr als einem Jahrhundert schwelende Krise kennt so viele Akteure, so viele Wendungen und Windungen, so viel Verantwortung und Schuld auf vielen Schultern, dass es sich verbietet, mit dem Finger in nur eine Richtung zu zeigen.

Soldaten und Parteimitglieder der Armenischen Föderalen Revolution mit Freiwilligen am 27.9. 2020 in Jerewan, die in den Krieg ziehen wollen (imago images / Melik Baghdasaryan ) (imago images / Melik Baghdasaryan )Grünen-Politiker: "Russland und die Türkei müssen an einen Tisch"
Den Konflikt um Bergkarabach weiter schwelen zu lassen, sei vor allem im Interesse von Aserbaidschan, sagte Grünen-Politiker Sergey Lagodinsky im Dlf. Eine Lösung gebe es nur gemeinsam mit den Mächten im Hintergrund.

Nicht nur das Spiel der großen Mächte

Möglich sind hingegen einige Befunde. Es ist unzutreffend, hinter diesem Konflikt allein das Spiel großer Mächte zu sehen, die versuchen, auf dem Schachfeld Kaukasus ihren Vorteil zu erlangen und dazu einige Bauern umherschieben. Wie in vielen Konflikten der Welt gibt es auch hier zu viele lokale Profiteure, die an einem weiter schwelenden, regelmäßig überkochenden Konflikt mehr verdienen, der ihnen zur Macht verhilft.

Dennoch sind den beiden Mächten Russland und Türkei schwere Vorwürfe zu machen: Der türkische Präsident stellt sich einseitig, weder mahnend, sondern aufstachelnd an die Seite des aserbaidschanischen Diktators Alijew. So etwas ist komplett unbrauchbar in einem Konflikt, in dem Härte nur zu neuer Härte führt.

Russland bleibt weit unter seinen Möglichkeiten

Auch Russland bleibt weit unter seinen Möglichkeiten. Es geht seit Jahren seinem Interesse nach, sowohl Aserbaidschan, als auch Armenien von sich abhängig zu machen. Weil Armenien das bei weiterem kleinere, ärmere und schwächere Land ist, ist Eriwan viel stärker als Baku auf Moskau angewiesen.

Doch Russland ist im Vergleich zur Türkei die stärkere Macht. Wer, wenn nicht Moskau, wäre wohl in der Lage, mit langem Atem wenigstens erste Verhandlungsschritte zu gehen, Sicherheitsgarantien für alle Seiten zu geben – kurzum: zur Abwechslung mal aktive Friedenspolitik zu betreiben?

Es müsste dazu auch die Scharfmacher in Armenien, Bergkarabach und Aserbaidschan mäßigen, es müssten den vielen russischen Worten auch Taten folgen. Dass Russland sich beharrlich am Rande des Nichtstuns bewegt, ist unverständlich.

Menschen sollen in Frieden leben

Abschließend noch dies: Kommentatoren schreiben gern und häufig über Geopolitik, das Schachspiel der Mächte. Wir dürfen dabei nicht aus dem Auge verlieren: Das Schachspiel findet im Südkaukasus real statt – und es ist grausam, reißt Menschen in den Tod, sorgt für neue Gräber. Die Geschichte von Bergkarabach und der Völker, die in der Region leben, kennt unendliches Leid, unendliche Tragik.

Deshalb ist der dringlichste Wunsch: Eröffnet auch den Menschen, die dort heute ihr Leben meistern und führen müssen und wollen, die Möglichkeit, irgendwann mehr Frieden genießen zu können – ohne die ewige, schlimme Angst vor dem nächsten Beschuss, vor der nächsten Explosion.

Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

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