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StartseiteKultur heuteBergpredigt des Verrats06.06.2009

Bergpredigt des Verrats

Joachim Schlömer inszeniert Heiner Müllers "Der Auftrag" am Schauspiel Düsseldorf

Als der Dramatiker Heiner Müller 1995 starb, hatte die Abwicklung längst begonnen. Ein Text aber hatte immer Bestand selbst vor den Skeptikern: "Der Auftrag", eine zeitlose Politparabel, 1980, uraufgeführt von Müller selbst an der Ostberliner Volksbühne. Denn "Der Auftrag" nimmt als "Erinnerung an eine Revolution" das Verhältnis von erster und dritter Welt ins Visier. Nach dem Hamburger zeigt jetzt auch das Düsseldorfer Schauspielhaus einen neuen Versuch, mit diesem erratischen Text umzugehen.

Von Michael Laages

Heiner Müller, Juni 1995 (AP)
Heiner Müller, Juni 1995 (AP)

Perfiderweise wirkt ja das alte Land, die vergangene Heimat DDR, noch immer nach in Heiner Müllers Texten fürs Theater. Zum Beispiel in den haltbaren Defiziten und bleibenden Schwierigkeiten, die sich fast unausweichlich und quasi immer ergeben aus deren weithin ziemlich unsinnlicher Struktur. Die kam bekanntlich so zu Stande: Als der Autor nach dem über ihn verhängten Schreib-Bann infolge der Uraufführung von "Die Umsiedlerin" kurz nach Mauerbau 1961 zurückkehren durfte ins literarische Leben der DDR, begann er sich zum Zwecke des Überlebens zu maskieren. Die große Serie von Bearbeitungen antiker Mythen zeugt von dieser Tarnung; und noch in "Der Auftrag" spielt Müller intensiv mit der Maske, wenn auch längst schon wieder offensiv im Kommentar zur Gegenwart der DDR. "Die Revolution ist die Maske des Todes, der Tod ist die Maske der Revolution" – das ist das meistzitierte Diktum aus dem Stück. Auch ist es gekennzeichnet als "Erinnerung an eine Revolution", an eine bankrotte Firma, "die nicht mehr im Handelsregister steht" – und da das DDR-Publikum forciert zwischen Zeilen und Texten zu lesen verstand, wandelte sich Müllers Text im Handumdrehen zur intellektuellen Schmuggelware. Was aber damals Stärke war, bleibt heute eine schwere Last – auch "Der Auftrag" ist ein Experiment in Gedanken. Und was wäre mit denen heute wohl zu schmuggeln?

Joachim Schlömer ist vielfach geehrt und ausgezeichnet als Choreograph und war bis Ende der 90er-Jahre Leiter einer eigenen Tanz-Kompanie, inzwischen aber beschäftigt er sich mehr mit Schauspiel und Oper und wird in der kommenden Spielzeit Festspiel-Intendant im österreichischen Sankt Pölten – auch ihm gelingt am Düsseldorfer Schauspielhaus kein großer Wurf, kein Nachweis darüber, dass Müller, und zwar gerade dieser Müller, hier und heute gespielt werden müsste; vielleicht lohnt ja tatsächlich vor allem die Müller-Erkundung in Regionen der Welt, die über reale, also gesellschaftsgestaltende Erfahrungen im Kampf zwischen Schwarz und Weiß, Herrschaft und Sklaverei verfügen, also eine halbwegs "realistischen" Haltung zum Thema haben. Und nicht nur auf handliche Allerweltswahrheiten aus sind:

Galloudec, ein Bauer aus der Bretagne, und Sasportas, ein schwarzer Ex-Sklave, landen auf Jamaika, um dort im Auftrag des Konvents der Französischen Revolution einen Aufstand der Sklaven anzuzetteln gegen die britischen Kolonialherren. Dabei ist auch Debuisson, französischer Bürger, der Erfahrungen mit der Sklaverei hat: als Sohn aus reicher Sklavenhalter-Familie. Das gemeinsame politische Ziel eint das ungleiche Trio nicht – aus Debuisson bricht im Laufe einiger Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit der alte Familien-Charakter hervor, und Galloudec ist im tiefsten Herzen eigentlich Rassist. Schließlich wird nur Sasportas wirklich (und auch ohne "Auftrag" aus Paris, wo sich die Revolution ja längst in napoleonische Diktatur verwandelt hat) den Kampf für die Befreiung der Sklaven aufnehmen, ob die nun wollen oder nicht ... und er wird sterben dafür. Galloudec folgt ihm, weil es keine Perspektive sonst mehr gibt; Debuisson bleibt der Verräter, der er vielleicht immer war, lebt aber fort in allen staatstragenden Kompromissen nach der Revolution.

Schlömer erzählt die Story komplett, hält sie aber zeichenhaft karg; während der Text unentwegt von Masken spricht, ist die einzige Maskierung die des Schauspielers, der sich als Sasportas schwarz eincremt. Prägendes Requisit ist eine Handwerker-Leiter, gut für Auf- und Abstieg, aber kaum wirklich genutzt; George Brassens singt vom Band das Lied vom Gorilla, während der "schwarze" Sasportas sich zum Affen macht für die weißen Herren. Ein Musiker trommelt dämonisch auf elektrisch verstärken Stahlseilen; Galloudec malt seine ersten Sätze weiß auf die schwarze Theater-Rückwand, liest sie dann aber auch noch vor. Debuisson verschwindet final in Untergrund und (vielleicht) Fegefeuer – denn er hinterlässt ein winziges Rauchwölkchen. Und der Engel der Verzweiflung hat natürlich immer Recht:

Die haltbaren Sätze bleiben, wie schon so oft, hier zelebriert vom kühl ausgezirkelten, hoch konzentrierten Düsseldorfer Ensemble; für den berühmten Angst-und-Karriere-Monolog vom "Mann im Fahrstuhl" stellt Schlömer den fabelhaften Michael Abendroth einen umgedrehten Scheuereimer; das heißt: jede Bewegung zerstört die Szene! Brillant: aber wieder nur ein Zeichen. Von denen gibt's viele - aber keinen starken Zusammenhang. Und ein neuer, frischer Blick auf Müller, einer, der den Autor als zukunftstauglich erkennbar werden lässt, ist einmal mehr ausgeblieben.

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